DEUTSCHER
LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL
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Aus "Cicero - Magazin für politische
Kultur", Märzausgabe 2011 (Seite 32 - 35)
Von der Gleichheit zur
Dummheit
Vorspann:
Vergesst das Gerede um PISA-Studien und chinesischen Erziehungswahn.
Was wir
brauchen, ist die Rückkehr zum Leistungsgedanken in den Schulen und
Skepsis
gegenüber pädagogischer Scharlatanerie. Ein Plädoyer für mehr
Anstrengung,
Fleiß und Disziplin in den Klassenzimmern...
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
(DL)
Das Volk der
Dichter und Denker war einst auch ein Land der großen Pädagogen. Heute
ist es
eher ein Volk der pädagogischen Hitzewallungen. Eine x-beliebige
PISA-Studie,
eine punktuelle OECD-Quotendiagnose oder ein Buch einer stramm
erziehenden
sinoamerikanischen „Tigermutter“ reichen aus, um Politik,
„Bildungswissenschaften“
sowie Medien in Aufregung zu versetzen. Maß und Mitte gibt es nicht
mehr, es
geht dann nur noch um angeblich grottenschlechte Testergebnisse,
angeblich zu
wenig deutsche Abiturienten, angeblich zu viel oder zu wenig
Leistungsdruck in
den Bildungseinrichtungen. Garniert wird das ganze in
öffentlich-rechtlichen
Kanälen von Talkrunden über „Bildung“, durchaus besetzt mit
Skandalrappern und
Blödelentertainern.
Braucht ein
solches Land noch einen PISA-Test? Nein, aber es braucht eine Besinnung
auf das
Prinzip Leistung. Die Deutschen haben hierzu ein mittlerweile reichlich
schizophrenes Verhältnis. Lange Zeit galt der deutsche Michel als
Inbegriff von
Genauigkeit und Fleiß. Heute ist das anders. Während Sozialleistung,
also kollektiv
von anderen erbrachte Leistung, willkommen ist, geriet das Einfordern
von
Individualleistung unter den Generalverdacht des Sozialdarwinistischen.
Leistung – das sei Ellenbogengesellschaft. Schlimmer noch: Tugenden,
zumal Sekundärtugenden,
seien der Inbegriff des Faschistischen. So etwa Oskar Lafontaine 1982:
"Helmut Schmidt spricht von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit,
Machbarkeit,
Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden, ganz präzise gesagt: Damit
kann man
auch ein KZ betreiben."
Sind die
Deutschen deswegen heute in der Freizeit Hedonisten, in der Arbeitszeit
Asketen?
Es ist etwas dran. Der streitbare Soziologe Helmut Schelsky bekommt für
seinen
Buchtitel „Die Arbeit tun die anderen“ (1975) eine späte, jetzt
obendrein
global relevante Bestätigung. Hatte Schelsky mit den „anderen“ noch die
Leistungsträger innerhalb der deutschen Gesellschaft gemeint, so müsste Schelsky
heute anfügen: Die anderen, das sind immer häufiger die großen und
kleinen
Tiger im fernen Asien. So gesehen, wären PISA-Ergebnisse nicht nur
Atteste für
Schüler, sondern symptomatisch für jeweils eine ganze Nation.
Die
Diskreditierung von Leistung blieb in Deutschland gerade der Bildung
nicht erspart.
Wenn es hier um Leistung geht, wird es sehr, sehr ernst. Die
Anti-Faschismus-Keule ist dann immer in Reichweite. Beispiele? In einer
"Vorlage“ entwirft eine SPD-Kommission 1986 ein Papier mit dem Titel
"Bildung in Freiheit, Gleichheit und Solidarität ". Darin heißt es:
"Wer Leistung fordert, muss 'nach Auschwitz' sagen, was er damit
meint." Diese Passage wird später gestrichen, aber erst 'mal steht sie
da.
Selbst der frühere Bundespräsident Roman Herzog blieb nicht verschont.
Herzogs
Plädoyer gegen schulische Kuschelecken und gegen eine Verbannung der
Noten aus
den Schulen (Berliner Rede von 1997) wusste ein Gewerkschaftsfunktionär
wie
folgt zu kommentieren: "Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde... Wir
kennen diese Lektion." Und auch nach der Jahrtausendwende ist der
belastete und häufig bewusst deshalb verwendete Begriff „Selektion“ in
aller
progressiven Pädagogen Munde. Dabei ist das Antifa-Schwingen mit
solcher Keule
nichts anderes als eine üble Instrumentalisierung millionenfachen
Leides und
Mordes in der NS-Zeit.
Im
Kern aber ist die Leistungsfeindlichkeit deutscher Pädagogik nicht nur
das Ergebnis
einer real oder vermeintlich notwendigen Re-Education, sondern auch
einer Natur-Romantik.
Der Vorläufer der Natur-Pädagogik war Rousseau, der sich angeblich den
Leitspruch „Zurück zur Natur“ ausgedacht hat. In seinem Roman „Emile“
schleuderte
er 1762 einen Bannstrahl gegen Kultur, Wissenschaft, Kunst und
Literatur. Damit
waren der "Edle Wilde" geboren und mit ihm die Anti-Pädagogik.
Diesen
Rousseauismus setzte man 1921 nahezu in Reinform mit der
"Summerhill"-Schule um. Deren Begründer, Alexander Sutherland Neill,
wurde in den 70er und 80er Jahren vor allem von deutschen
"Anti-Pädagogen" nachgebetet: Erziehung sei "Versklavung des
Kindes"; die Schulpflicht sei nur " wohlwollende Maske einer
diktatorischen
Grundeinstellung jungen Menschen gegenüber." Diese schier ekstatische
Anti-Pädagogik wirkt bis heute nach, sie übersieht freilich, dass sie
trotzdem
erzieherisch prägt. Denn man kann nicht nicht erziehen. Wer nämlich
nicht
erzieht, erzieht ein Kind zu einem orientierungs- und bindungslosen,
mit seiner
Pseudo-Autonomie überforderten Individuum.
Für
Sigmund Freud, den großen Erklärer des Triebhaften, bedeutet
Enkulturation: Wo
Es ist, muss Ich werden! Das heißt: Wo das Triebhafte und das
Lustprinzip herrschen,
müssen das Rationale und das Realitätsprinzip die Herrschaft
übernehmen. In
seiner Schrift "Das Unbehagen in der Kultur" (1930) artikuliert Freud
zwar das Unbehagen des Menschen an der Notwendigkeit des Triebaufschubs
in der
Kultur; zugleich aber wendet er sich gegen den Glauben, "wir wären viel
glücklicher, wenn wir sie (die Kultur) aufgeben und in primitive
Verhältnisse
zurückfinden würden." Wichtig ist auch, dass die Psychoanalyse die
Fähigkeit zum Triebverzicht und die Fähigkeit zur Sublimierung als
Voraussetzung für jede kulturelle Leistung ansieht.
All die
(Anti-)Visionen der Anti-Pädagogik wirken trotzdem weiter, weil wir
heute zum
Teil eine Erwachsenengeneration haben, die diese „Pädagogik“ erlebt
hat. Es ist
damit logisch, wenn der deutsche Nachwuchs-Michel in einer solchen
Unkultur der
Leistungsfeindlichkeit und des Lustprinzips nicht plötzlich wieder der
personifizierte
Fleiß sein will.
In
der Folge bekamen wir eine Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik,
die den
globalen Mitbewerbern der Deutschen fremd ist und die sich vermutlich
im
stillen Kämmerlein die Hände reiben. Damit soll nicht suggeriert
werden, dass
wir uns im deutschen Erziehungs- und Bildungswesen einer Drill- und
Dressur-Pädagogik chinesischer, japanischer, koreanischer Provenienz
befleißigen sollten. Aber in typisch deutscher Radikalmanier, die das
Attitüdenpendel stets ins Extreme ausschlagen lässt, ist man dem
Leistungs- und
Anstrengungsprinzip an den Kragen gegangen. Mittelbar finden die
Diskriminierungen von Leistung jedenfalls in der politisch bzw.
administrativ
verordneten Schulpraxis ihren Niederschlag – mit der
Egalisierung vermeintlich leichter und vermeintlich schwerer
Schulfächer, mit
der Abschaffung des Zählens von Fehlern in Prüfungsarbeiten, mit dem
Verzicht
auf Auswendiglernen und Kopfrechnen, mit der Abschaffung des
Eignungsprinzips
beim Zugang zu weiterführenden Bildungseinrichtungen, mit der
Verwechslung von
Studienberechtigung mit Studierbefähigung. Die bildungspolitische
Schweigespirale hat solche Fakten nicht zum Gemeingut im öffentlichen
Diskurs
werden lassen und damit den Eindruck vermittelt, mit der Abschaffung
etwa von Noten auch schlechte Schulleistungen abschaffen zu können.
Dabei müsste
doch der Naivste verstehen, dass man etwa ein Fieber nicht dadurch aus
der Welt
bannen kann, dass man Thermometer verbietet.
Gewiss können
Schüler in einzelnen Bereichen heute Dinge, die Schüler der vor- oder
drittletzten Schülergeneration nicht konnten, zum Beispiel ein Referat
via
Enter-Taste als Power-Point-Präsentation abspulen und weit diesseits
der früher
üblichen mikrochirurgischen Exegese fremdsprachlicher Texte so recht
und
schlecht englisch parlieren. Das konkrete Wissen und Können, das man
sich
notwendigerweise ersitzen und erschwitzen muss, aber hat gelitten.
„Dumme“
oder „faule“ Schüler kommen trotzdem nicht mehr vor, denn „eigentlich“
sind
alle zwölf Millionen Schüler in Deutschland tagtäglich neugierig auf
das
Schöne, Wahre und Gute. Wenn sie dies nicht sind, dann sind sie
demotiviert (worden)
– von der Schule, von Lehrern, von strengen Eltern. Die politischen und
„erziehungswissenschaftlichen“ Blockparteien der Gutmenschen-Pädagogik
mit
ihrer Sprache der Educational Correctness haben damit ihren Siegeszug
durch die
Institutionen, hier durch die Definitionen fortgesetzt.
Stattdessen
ist in moderner Pädagogik vor allem das Selbst angesagt – als
Selbsterfahrung,
Selbstunterricht, Selbstverwirklichung. Weniger angesagt sind leider:
Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin, Selbstironie. Aber darüber grämen
sich pädagogische
Visionäre nicht. Überhaupt gilt der fordernde Lehrer im „progressiven“
Unterricht
schier als Fremdkörper.
Natürlich
brauchen wir keine sterilen Paukschulen. Das eben frisch aufkeimende
Schwärmen
für chinesischen Erziehungsdrill oder für boulevard-taugliche
Disziplinappelle
helfen wenig weiter. Wir brauchen vielmehr einen mentalen
Paradigmenwechsel hin
zu mehr Bodenständigkeit und zu einem Skeptizismus gegenüber
pädagogischer
Scharlatanerie.
Lernen soll
Freude bereiten, aber es kann nicht immer Spaß machen.
Freude-Erlebnisse sind
allerdings nie ein Geschenk, das plötzlich da ist. Gemeint ist mit
Freude
vielmehr ein Resultat, für dessen Erwerb man etwas tun muss – nämlich
Anstrengung
zu investieren. Nur bei solcher Investition – Psychoanalytiker würden
sagen:
unter Triebaufschub – ist das Erleben von Freude, von Stolz oder gar
von Glücklichsein
möglich. Spaß ist etwas anderes. Spaß ist das Vertreiben von Zeit, er
kommt
sprachgeschichtlich vom italienischen "spasso", was nichts anderes
heißt als "Vergnügen und Zeitvertreib". Zum Zeitvertreib aber ist die
Zeit in der Schule zu kostbar.
Jedenfalls
kann eine gerechte Schule nur eine Schule der Leistung sein. Wer diesen
Grundsatz untergräbt, setzt eines der revolutionärsten demokratischen
Prinzipien außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel,
Geburtsadel, Gesinnung und Geschlecht Allokationskriterien. Freie
Gesellschaften haben an deren Stelle das Kriterium Leistung vor den
Erfolg
gesetzt. Ein revolutionärer Fortschritt und zudem die Chance zur
Emanzipation
für jeden Einzelnen! Und: Auch Sozialstaatlichkeit ist nur mit dem
Leistungsprinzip machbar. Nur mit der millionenfachen Leistung von
Millionen
Bürgern ist ein Sozialstaat möglich. Deshalb kann das Sozialprinzip
kein Leistungssubstitut
sein. Das Sozialstaatsprinzip ist allerdings ein ethisch gebotenes, dem
Leistungsprinzip
immanentes Korrektiv.
Außerdem
gilt: Das Prinzip Leistung und das Prinzip Auslese sind die beiden
Seiten ein
und derselben Medaille. Auslese ist eine notwendige Voraussetzung für
individuelle
Förderung. Die anti-thetische Formel „Fördern statt Auslese“ ist
grundfalsch. Es muss heißen: Fördern durch Differenzierung! Das gilt
selbst
für die Förderung von Eliten (Plural!). Aus Demokratie darf kein
„Konvent von
ungefähr gleich Unwissenden“ (Peter Sloterdijk) werden. Wer Elite
legitimerweise sein kann, darüber gilt es zu streiten. Bloße
Macht-Elite kann
es nicht sein. Eine Leistungs- und Verantwortungselite muss es sein,
die
zugleich Reflexions- und Werte-Elite ist. Vor einem solchen Hintergrund
ist
selbst Ungleichheit gerecht – nämlich dann, wenn Elite allen nützt,
wenn das
Handeln von Eliten quasi zu einem „inequality surplus“ führt.
Mit
sozialer Kälte hat ein solcher Leistungsgedanke nichts zu tun. Die
Zivilreligion
des Egalitarismus ist ein Irrweg. Denn sein Credo lautet: Was nicht
alle sind,
darf keiner sein; was nicht alle haben, darf keiner haben; was nicht
alle
können, darf keiner können. Die Gefahr, die dahinter droht, ist das
Erlahmen
von Eigeninitiative und Eigenverantwortung. Das wusste Alexis de
Toqueville
bereits 1835, als er schrieb: Freiheit erliege gern der Gleichheit,
weil
Freiheit mit Opfern erkauft werden müsse und weil Gleichheit ihre
Genüsse von
selbst darbiete. Deshalb ist das Prinzip Chancengleichheit falsch.
Chancengerechtigkeit
ja, aber Chancen sind nie gleich, und Chancen sind Chancen, jedoch
keine
Garantien; zu Erfolgsaussichten werden sie erst durch eigene
Anstrengung. Die
Adressaten von Bildung haben insofern eine Holschuld.
Das
unüberwindbare Dilemma egalitärer Bildungspolitik ist ansonsten, dass
sie vermeintliche
Gleichheit zumeist durch Absenkung des Anspruchsniveaus erzielt. Das
gilt etwa
für die real existierende Abitur-Politik. Hier verhalten sich Quantität
und Qualität
seit Jahren reziprok. Anders ausgedrückt: Wenn alle Abitur haben, dann
sind
zwar viele Eltern als Wähler mit ihren Gönnern zufrieden. Wenn aber
alle Abitur
haben, dann hat keiner Abitur, und dann hat keiner mehr das Können der
nicht-akademischen, volkswirtschaftlich so zentralen Berufe.
Was heißt
grundsätzlich Erziehen und Bilden? Erziehen und Bilden heißt zugleich:
führen
und wachsenlassen, binden und befreien.
Jede einseitige Betonung eines dieser beiden Pole ist falsch. Für das
Gewinnen solcher Einsichten bedarf es keiner Inflation an medial
verbreiteten
Erziehungsratgebern und an Erziehungs-Soaps á la „Super-Nanny“.
Erziehen heißt zudem: Mut zur Autorität und Mut zum
Vorbild haben! Natürlich hat jedes Kind seine eigene Würde. Das heißt
aber nicht,
Erzieher müssten dem Kind Ersatzpartner auf Augenhöhe sein. Kinder sind
damit
überfordert, sie brauchen vielmehr positive Autoritäten als Vorbilder.
Vorbild
zu sein heißt dabei: Ihr da, ihr Erwachsenen, tragt euren Zuwachs an
Jahren mit Würde! Die auf knackig Gestylten,
die Berufsjugendlichen - das sind keine Erwachsenen. Mit solchen
Erwachsenen
machen wir aus Kindern keine Erwachsenen.
Alles zu
dürfen und nichts zu sollen, das funktioniert nicht. Erziehung heißt:
Kinder in
Anspruch nehmen. Deshalb sollte man Heranwachsenden - zu Hause
beginnend – stets
vermitteln, dass Rechte und Pflichten zusammen gehören. Es gibt keine
Bildungsoffensive
ohne häusliche Erziehungsoffensive. Die Schulen kommen nicht voran,
wenn die
Eltern in Sachen Hausaufgaben, Medienkonsum, Zubettgehzeiten und
Ernährung die
Zügel schleifen lassen und den Bemühungen der Schule, auf Leistung und
Disziplin zu bestehen, mit Misstrauen begegnen.
Kurz: Ohne
Anstrengung geht es nicht – weder in Erziehung noch in Bildung.
Andernfalls droht
beides in einer Art Bermudadreieck zwischen Gleichheitsfuror,
Lustprinzip und
Quotenwahn vollends zu versinken.
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