DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 29. Juni 2006

MANGELFACH LATEIN

Bundesweit fehlen Lehrer vor allem für die Sprache der alten Römer.
Doch auch in Mathematik und Naturwissenschaften werden zustätzliche Pädagogen gebraucht

Cicero gegen Pisa-Frust

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)



Warum textet die Hip-Hop-Band „Ista“ ihre Songs auf Lateinisch?Ganz einfach: „Latein groovt“, erklären die jungen Musiker. Zwar kann niemand genau definieren, was „grooven“ heißt, aber es ist offenbar positiv konnotiert. Das wirkt sich auf die Schule aus. Noch vor fünf Jahren waren die Anmeldezahlen für Latein rückläufig, seitdem steigen sie. Im Schuljahr 2004/05 lernten deutschlandweit 739000 Schüler die Sprache der alten Römer, fast neun Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das Interesse hält an. Die gar nicht so tote Sprache hat in Zeiten von Pisa und eines reichlich utilitaristischen Bildungsdenkens gute Karten. Latein öffnet eine Chance für zukünftig bessere Pisa-Ergebnisse und gegen ein Pisa-verarmtes Bildungsverständnis.

Viele Eltern kümmert das Gerede nicht mehr, Latein sei ein undemokratisches, sozial-selektives, repressives Fach. Sie lassen sich auch nicht von der Warnung beeindrucken, Latein habe keinen Nutzen, zumal das Latinum bei immer weniger Studiengängen verlangt werde – derzeit ist es noch bei 120 Fächern Pflicht. Der Computerwissenschaftler Joseph Weizenbaum hat solches Nützlichkeitsdenken schon vor Jahren getadelt: „Soweit ich weiß, gibt es keine Beweise, dass Programmieren für den Verstand besser ist als Latein.“


Europa verstehen

Latein hat jedenfalls zu tun mit Nachdenklichkeit, mit Distanz zum Tagesgeschehen und mit Freiheit im Urteilen. Gerade mit Latein wird man das erwerben können, was stets gefordert wird: Konzentration, Sorgfalt, Prägnanz. Nicht zu verachten ist, dass Latein auch der muttersprachlichen Kompetenz nützt; jedenfalls merken Deutschlehrer immer, welche ihrer Schüler Lateiner sind. Da sollte die Schulpolitik einmal ohne Scheu darüber nachdenken lassen, ob wir nicht Latein in der Grundschule einführen sollten – allerdings ein wenig konsequenter, als wir das mit dem Englischen getan haben.

Vor allem hat der Lateinunterricht eine mehrfach propädeutische Funktion. Als europäisches Erbgut führt das Lateinische ein in europäische Geschichte, es wird damit zum Schlüssel für europäisches Denken. Eine Gegenwart ohne Latein wird provinziell, sie tauscht römische Weitsicht gegen das Spießertum des Hier und Jetzt ein. Latein ist sodann philosophisch-politische Propädeutik. Unsere Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, von Recht und Gerechtigkeit haben sehr viel zu tun mit libertas, lex, civitas, auctoritas, officium.

Zudem ist Latein Schlüssel zur Sprache der Wissenschaft. 75 Prozent der deutschen Fremdwörter stammen aus dem Lateinischen. Wissenschaftliche Neologismen, gerade auch im Englischen, kommen ebenso von dort. Das Lateinlernen demokratisiert damit die Fachterminologie, aus unverständlichem Fachchinesisch wird verständliches Fachlatein.

Latein ist schließlich Brücke zu europäischer Mehrsprachigkeit. Das gilt nicht nur für ein leichteres Erlernen der romanischen Sprachen, sondern auch für das Englische; fünfzig Prozent des gängigen und mehr als sechzig Prozent des gehobenen englischen Wortschatzes haben lateinische Wurzeln.


Kreative Formenlehre

Bei aller Freude über die neue Trendsprache Latein dürfen sich die Gymnasien nicht ganz um die Frage drücken, ob Quantität und Qualität in einer richtigen Relation zueinander stehen. Manch kritischen Lateinlehrer treibt die Sorge um, ob dem Unterricht noch gedient sei, wenn dieser qua „Latein light“ immer öfter erleichterungspädagogischen Attitüden ausgesetzt wird. Nicht nur, dass der Wortschatz abgespeckt (von 2000 auf 1200 Vokabeln) und die Maßstäbe bei der Bewertung von Leistungen liberalisiert wurden; oft wird auch über manche eigenwillig-kreative Leistung von Lateinschülern in der Formenlehre hinweggesehen; nicht zuletzt werden Übersetzungsaufgaben deutlich durch kulturgeschichtlich-lebenskundliche Wissensfragen zurückgedrängt.

Auf jeden Fall muss der Lateinunterricht auch künftig in die Originallektüre einmünden. Schon der frühere Gymnasialdirektor Friedrich Hegel hat das betont. 1809 zieht er in einer Nürnberger Gymnasialrede zwar durchaus auch die Beschäftigung mit Übersetzungen in Betracht, spricht sich aber schließlich wegen des Reichtums der Sprache für Originaltexte aus, denn nur dadurch werde die „ätherische Seele“ eines Textes vermittelt.

Lateinunterricht steht vor großen Problemen. Es fehlt an Fachlehrern. Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wollen den Mangel mit fix nachqualifizierten Lehrkräften kompensieren. In Baden-Württemberg soll das mit einer sechsmonatigen „Schnellbeize“ gelingen, in NRW ist ein zweijähriges „Sprintstudium“ vorgesehen. Das läuft auf eine Entprofessionalisierung des Unterrichts hinaus. Man kann verstehen, dass manche Schulleiter fragen, ob es nicht besser wäre, eher keinen Lateinunterricht zu erteilen, als einen flachen Unterricht zu bieten.


© 2006 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang