DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

März 2007

Mit Chewing Gum zu besseren PISA-Ergebnissen?

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
 

Schule ist nicht nur eine ernste, sondern oft genug auch eine lustige Angelegenheit. Genera­tionen von Schülern und Lehrern haben das erlebt. Für die Schulpolitik gilt dieser Spannungsbogen eher selten. Wenn sie lustig wird, dann eher unfreiwillig. Beispiel: Da wird doch tatsächlich ein Münchner Gymnasium vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus per Presseerklärung gelobt, weil es mit der Wrigley GmbH eine Vision der Schule der Zukunft entworfen hat. Diese Vision sieht so aus: Die Kinderlein bekommen eine „elektronische Lernmütze“ aufgesetzt, und über diese Mütze empfangen sie im Jahr 2020 das gesamte Wissen der Lehrbücher. Das Ministerium samt angeschlossener Public-Private-Partnership-Abteilung ist begeistert. Für engagiert und innovativ wird diese Mützen-Vision gehalten.

Dass dies auch eine Horrorvision ist, kommt nicht zur Sprache. Denn wenn das möglich wäre, dann könnte man ja alle Schüler mittels Mütze problemlos zu Wählern der Partei des jeweils amtierenden Ministers respektive der jeweils amtierenden Ministerin machen. Keine Rede ist auch davon, dass solche Trichtervisionen immer schon Verirrungen waren und mindestens so alt sind wie die Barocklyrik. Der gute alte Georg Philipp Harsdörffer (1607 bis 1658) hat davon bereits geschwärmt und dies in einem Werk zugrunde gelegt. Es heißt Poetischer Trichter - Die Teutsche Dicht- und Reimkunst  ohne Behuf der Lateinischen Sprach - In VI Stunden einzugiessen. Aber lassen wir das!


Etwas pikant wird die ganze Sache, wenn man sich den Namen des Sponsors und Kooperationspartners genauer anschaut. Wrigleys - ist das nicht der globale Kaugummiproduzent? Hat Wrigleys nicht im September 2006 in Tausende von Schulen eine 50 Seiten umfassende Unterrichtsmappe eingespeist? Ja, richtig. „Kau dich Schlau! Lernen rund um Kaugummi – Fachübergreifende Unterrichtsmappe für die Sekundarstufe I“, so lautet der Titel der „nützlichen Arbeitsblätter“. Wie groß der Nutzen dieser Unterrichtshilfen ist, entnehmen wir den beiden Vorworten, die vom Managing Director Wrigleys Deutschland und einem Professor der Hirnforschung unterzeichnet sind: Lehrer sollen mit dieser Mappe zeitlich entlastet werden, und es sollen „überraschende Zusammenhänge“ zwischen Konzentrationssteigerung und Kaugummi aufgezeigt werden. Und dann kommt es gleich knüppelhart fachübergreifend: Unter der Überschrift „The Benefits of Chewing Gum“ finden wir den Satz: „Studies have shown that gum increases glood flow to the brain.“ Als Quelle wird die „Texas Tech University“ angegeben. Fragt sich nur, warum die US-Amerikaner dann bei PISA nicht einsam an der Spitze rangieren. Aber damit der Kaugummi nicht noch mehr zum Horror von Lehrern und Putzfrauen wird, gibt es auch Tipps zum Entfernen von Kaugummi auf Textilien.

 
Die Mineralwasserindustrie übrigens steht schon in den Startlöchern. Sie weiß seit einem Jahr zu verbreiten, dass das Trinken während des Unterrichts die Hirnleistung fördere. Honi soit qui mal y pense. (Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt!) Dürfen wir jetzt also alle Bildungs­initiativen und Bildungsstandards über Bord werfen? Schließlich kommt es auf das Kauen und Trinken an. Aber bleiben wir beim Französischen und werden wieder ganz ernst: Die real existierende Schulpolitik und deren Öffentlichkeitsabteilungen haben wohl vergessen, was ein Napoleon 1812 in Warschau auf seiner Flucht aus Russland zu einem Gesandten sagte: "Du sublime au  ridicule il n'y a qu'un pas"  (Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.) Aber wer weiß in schulpolitischen Zeiten von Schlüsselqualifikationen sowie von Horizontal-, Quer- und Basiskompetenzen noch, wer der alte Napoleon war!? Satire hin, Satire her! Ein bisschen mehr Ernst­haf­tig­keit würde den Schulen wirklich gut tun.


© 2007 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang