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M U T - Forum für Kultur, Politik und Geschichte
Heft Januar 2009, Seiten 28 bis 34 (dort ohne Tabelle)
Bildungschancen für Migranten
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes (DL)
Derzeit
leben in Deutschland 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund**. Diese
Personen haben mindestens einen Elternteil, der nicht in Deutschland geboren
ist; ihr Bevölkerungsanteil beträgt 18 Prozent. In den alten Ländern der
Bundesrepublik ist der Migrantenanteil zum Teil erheblich höher; hier erreicht
er bis zu 30 Prozent, während er in den neuen Ländern nur rund drei Prozent
ausmacht. Während in den alten Ländern die größten Migrantenanteile Personen
aus der Türkei und aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion stellen,
sind es unter den wenigen Migranten in den neuen Ländern – in Fortsetzung der
Situation in der damaligen DDR – vor allem Polen, Vietnamesen und
Schwarzafrikaner. Ab 2011/2012 jedenfalls wird in Deutschland jeder dritte, in
den Stadtstaaten jeder zweite Schüler einen Migrationshintergrund haben.
Diese
Bevölkerungsstruktur geht einher mit markanten bildungsökonomischen Merkmalen:
Während 2006 in Deutschland 90 Prozent aller Drei- bis Fünfjährigen eine
Kindertageseinrichtung besuchten, waren es nur 64 Prozent der Migrantenkinder.
Bei der Einschulung werden doppelt so viele Migrantenkinder zurückgestellt wie
unter Kindern ohne Migrationsumfeld. Von allen deutschen Schülern erreichen 7
Prozent keinen Schulabschluß, unter Migranten sind es 11 Prozent. Weniger als
10 Prozent der jungen Leute mit Migrationshintergrund erwerben eine
Hochschulreife, unter deutschen sind es 40 Prozent. Die Ausbildungsquote unter
jungen Leuten mit Migrationshintergrund ist auf 24 Prozent gesunken (2005). Gut
zehn Jahre zuvor (1994) war die Quote auch nicht berauschend, aber immerhin bei
34 Prozent.
Gewiß gibt es auch Problemschüler deutscher
Herkunft. Dazu gehören – neben wohlstandsverwahrlosten – Schüler aus
schwierigen Elternhäusern; das sind Kinder, deren Eltern selbst keine
abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung haben, Kinder auch, die mit oder
ohne Wissen der Eltern Schule schwänzen oder zumindest sehr unregelmäßig
lernen. Überrepräsentiert sind unter der problematischen Schülerklientel
allerdings Migrantenkinder. Sie stellen das Gros der sog. Risikoschüler.
Freilich ist ihr Anteil von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Hoch
ist er in vielen Ländern der alten Bundesrepublik, noch höher in den
Stadtstaaten, recht gering in den neuen Ländern (vgl. Tabelle).
All dies
spiegelt sich in PISA-Daten wider: Bei solchen Tests hinken junge Migranten um
rund zwei schulische Lernjahre hinter dem Durchschnitt hinterher – Migranten
der zweiten Generation sogar in noch höherem Maße als Migranten der ersten
Generation. Während junge Türken und Italiener in Deutschland beim Besuch des
Gymnasiums dreifach unterrepräsentiert und beim Besuch der Hauptschule dreifach
überrepräsentiert sind, entspricht die Bildungsbeteiligung von Zuwanderern aus
der Russischen Föderation aber recht exakt den Werten deutscher Schüler.
Zuwanderer aus Vietnam (siehe neue Länder) und aus der Ukraine sind in der
Relation zu den Bildungslaufbahnen deutscher Schülern beim Besuch des
Gymnasiums sogar überrepräsentiert. Dieser Sachverhalt und der geringe
Migrantenanteil in den neuen deutschen Ländern sind auch Gründe dafür, dass die
neuen Länder bei der jüngsten PISA-Auswertung recht gut abgeschnitten und
Sachsen das bislang führende Bayern knapp hinter sich gelassen hat.
Im Zusammenhang mit der Zuwanderung nach Deutschland ist
nach wie vor die Rede von einer Bereicherung, die Deutschland damit erfahre. In
manchen Bereichen mag dies zutreffen. Faktum ist aber auch: Migration ist nicht
gleich Migration, und verschiedene Ethnien verhalten sich in Sachen Bildung
sehr unterschiedlich. Für Deutschland gilt: Es hat - ähnlich wie Luxemburg,
Dänemark und Österreich - durch die zurückliegende Zuwanderung eine
„Unterschichtung“ erfahren. Das heißt: Der sog. sozioökonomische Status von
Familien mit Migrationshintergrund ist in Deutschland häufig ein niedriger, es
handelt sich hier offenbar um eine Population, die auch in ihren
Herkunftsländern (siehe Türkei) einen niedrigen Sozialstatus hat.
In den stets als Vorbild dargestellten Zuwanderungsländern
Kanada, Australien und Neuseeland ist dies anders. Dort zeichnen sich Migranten
durch einen Sozialstatus aus, wie er im Schnitt der einheimischen
Bevölkerungsstruktur entspricht. Der Grund dafür ist in der selektiven
Migrationspolitik dieser Übersee-Länder zu sehen, die eben nur Zuwanderer ins
Land nehmen, die sie aufgrund der mitgebrachten beruflichen Qualifikationen und
Sprachfertigkeiten „brauchen“ können. Vor diesem Hintergrund fallen dort die
Schul- und PISA-Leistungen der Zuwanderer kaum gegenüber denen der
einheimischen Kinder zurück (im Schnitt um zehn bis zwanzig Punkte auf einer
mit dem Mittelwert 500 definierten PISA-Skala). In Deutschland beträgt der mit
PISA gemessene Abstand der Migrantenkinder gegenüber den deutschen Schülern je
nach Testbereich zwischen 50 und 100 Punkte.
Auch mit der Migrantensituation Großbritanniens und
Frankreichs ist die Situation in Deutschland nicht vergleichbar. In
Großbritannien haben viele Migrantengruppen bessere schulische Leistungen und
höhere Studierquoten als ihre weißen britischen Altersgenossen. Dies hängt
damit zusammen, dass ein großer Teil der Migranten dort chinesischer, indischer
und schwarzafrikanischer Herkunft ist. Für Frankreich gilt, daß dort eben große
Migrantengruppen keine Probleme mit dem Französischen haben, weil sie aus den
Maghreb-Staaten Algerien und Marokko kommen, also aus Ländern, deren
Amtssprache Französisch ist.
Wenn es also
stereotyp heißt, Deutschland benachteilige Migranten stärker als vergleichbare
Länder, so werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. Unzulänglich ist auch der
PISA-Vergleich Deutschlands mit dem „PISA-Sieger“ Finnland. Dieses Land hat
eine ethnisch sehr homogene Bevölkerung, der Migrantenanteil dort beträgt nur
rund 2 Prozent. Es sind dies in der Mehrzahl „Finnischstämmige“ (vergleichbar
den deutschen Aussiedlern), die nur Russisch sprechen. Selbst mit diesen wenigen
Migrantenkindern kommt das finnische Schulwesen nicht klar, denn sie hinken in
der Bildungsleistung weit hinter dem Landesdurchschnitt zurück.
Für viele
Migranten in Deutschland gilt jedenfalls eine Wertung, die sich in der nur in
englischer Sprache verfügbaren Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für
Wirtschaftsforschung (RWI) mit dem Titel „The Societal Integration of
Immigrants in Germany“ (RWI Discussion Papers No. 18/2004) findet: Das RWI
macht für mangelnde Integration vieler Migranten in Deutschland vor allem deren
mangelnde Bereitschaft zur Integration verantwortlich.
Irrwege und Auswege
Gewiß verläuft die schulische Integration von
Migrantenkindern in Deutschland zu häufig erfolglos. Allerdings gilt
auch: Schule allein wird dieses Problem nicht lösen, denn dieses Problem hat
auch mit drei Jahrzehnten einer oft reichlich romantisierenden
Einwanderungspolitik zu tun. Letztere hat Fakten geschaffen, die die
Möglichkeiten der Schulen erheblich einschränken, wenn nicht gänzlich überfordern.
Weder den
Schulen noch den Migrantenkindern ist mit pressewirksamen Vorschlägen geholfen.
Das gilt etwa für den Vorschlag, an deutschen Schulen das Türkische zu lehren.
Hier sagen zwar die einen, dieser Unterricht in der Herkunftssprache sei wichtig
im Interesse der kulturellen Identität und der auch beruflich verwertbaren
Interkulturalität. Andere stellen nicht minder gewichtig fest, Bilingualität
bringe keinen Vorteil (weder in den USA noch in Kanada), denn den meisten
Erfolg verspreche die Assimilation, auch die sprachliche Assimilation. Daß im
übrigen viele Migrantenkinder schlicht und einfach überfordert sind, wenn sie
ab der Grundschule drei Sprachen lernen sollen (Deutsch, Herkunftssprache,
Englisch), sei ebenfalls nicht übersehen.
In eine Sackgasse weist auch der Vorschlag, die Anteile der
Migrantenkinder an einer Schule sollten quotiert, das heißt gleichmäßig über
die Schulen verteilt werden. Auch diese Idee ist in der Realität höchst
problematisch. Denn zum einen wird sich so etwas nicht durchsetzen lassen, weil
Eltern solche Transportaktionen nicht mitmachen wollen. Und zum zweiten wird
ein anderes Problem damit eher noch multipliziert. Immerhin weiß man aus der
PISA-Studie 2000, daß ein Ausländeranteil von mehr als zwanzig Prozent an einer
Schule zu einer „sprunghaften“ Verringerung des Leistungsniveaus führt. Im
Endeffekt gäbe es nach entsprechenden Verteilaktionen noch viel mehr solcher
Klassen.
Das A und
O der schulischen, beruflichen und gesellschaftlichen Integration der Migranten
in Deutschland ist das Beherrschen der deutschen Sprache. Hier gibt es noch
viel zu leisten – von allen Beteiligten. Staat und Gesellschaft in Deutschland
haben gerade in der sprachlichen Bildung eine Bring-Schuld – die Verpflichtung
nämlich, ein leistungsfähiges Schulungsangebot als Chancenangebot vorzuhalten.
Allerdings gibt es hier auch eine Hol-Schuld, denn Chancen sind Chancen, aber
keine Garantien. Leider jedoch sind viele Beispiele bekannt, daß sich
Migranteneltern weigern, ihre Kinder in Deutschkurse zu schicken.
Wahrscheinlich
geht es auch nicht ohne Sprachtests – vor der Einwanderung bzw. zumindest vor
der Einschulung. Hessen hat hier als erstes Bundesland ab Frühjahr 2002
verbindliche Sprachtests vor der Einschulung eingeführt. Wer sie nicht besteht,
bekommt kostenlose schulische Vorlaufkurse. Hessen beschreitet damit einen
völlig anderen Weg als noch in den 90er Jahren: Damals waren über 400
Lehrerstellen dafür ausgewiesen gewesen, um Migrantenkinder - eher
anti-integrativ - in ihrer
Herkunftssprache zu schulen.
Notwendig
ist aber auch eine Offensive für Bildungs- und Berufsberatung für junge
Migranten und deren Familien. Noch immer sind viel zu wenig Migrantenfamilien
wirklich gut über die Bildungschancen in Deutschland informiert. Migrantenorganisationen
und deren Zeitungen sollten hier durchaus vorangehen.
Es bedarf
schließlich einer Ordnungspolitik, die einen sanften Druck etwa auf
Migranteneltern ausübt, damit ihre Kinder das vorhandene Bildungsangebot
tatsächlich nutzen. Schließlich gilt auch für die Kinder von Migranten die
allgemeine Schulpflicht. Konkret heißt das, daß es keinerlei
geschlechtsspezifische Sonderrechte, etwa bei Schulfahrten oder im
Sportunterricht, geben darf. Zudem liegt der Neuköllner Bezirksbürgermeister
Heinz Buschkowsky (SPD) nicht falsch, wenn er vorschlägt, Schulschwänzern das
Kindergeld zu streichen: „Wenn ein Vater merkt, daß ihm 300 Euro fehlen, wenn
Ayse und Murat nicht zur Schule gehen, haben die das letzte Mal geschwänzt.“
Darüber
hinaus sollte man sich mit der Frage befassen, wie wir die sprachlichen und
kulturellen Kompetenzen von Migranten im Interesse der deutschen
Volkswirtschaft in Deutschland besser nutzen können. Diese Kompetenzen werden
von Deutschland als Exportweltmeister wohl noch zu wenig geschätzt.
Alles in
allem: Treuherzige Visionen helfen nie weiter. Das gilt auch für die Bildung
von Migranten. Hier helfen nur Ehrlichkeit und Rationalität. Dem deutschen
Schulwesen wegen der schwachen Schulleistungen von Migranten, wie vor einiger
Zeit in der „Süddeutschen Zeitung“ geschehen, eine Spitzenposition in Sachen
Xenophobie zu unterstellen, ist Ideologie. Nicht hilfreich, ja sogar
integrationsfeindlich, sind aber auch die Äußerungen des türkischen
Ministerpräsidenten Erdogan, der Anfang Februar 2008 in der Köln-Arena 15.000
türkischen Landsleuten zugerufen hatte, Assimilation sei ein Verbrechen gegen
die Menschlichkeit, und der für Deutschland den Bau
türkischer Schulen und Universitäten gefordert hatte. Das wäre – am Ende
zulasten der Migranten - der Weg in Parallelgesellschaften.
Vergleich PISA-E-Ergebnisse 2006 ./. Migrantenanteil
Land
|
PISA-E 2006
Naturwissenschaften
insgesamt
|
PISA-E 2006
Lesen
insgesamt
|
Migranten-
Anteil in Prozent
|
PISA-E 2006
Lesen
ohne Migranten
|
PISA-E 2006
Lesen -
nur Migranten
|
Baden-
Württemberg
|
523
|
500
|
26,8
|
527
|
464
|
Bayern
|
533
|
511
|
18,4
|
534
|
468
|
Berlin
|
508
|
488
|
24,2
|
525
|
437
|
Brandenburg
|
514
|
486
|
3,9
|
499
|
*
|
Bremen
|
485
|
474
|
25,8
|
511
|
449
|
Hamburg
|
497
|
476
|
28,9
|
526
|
456
|
Hessen
|
507
|
492
|
24,7
|
524
|
459
|
Mecklenburg-
Vorpommern
|
515
|
480
|
2,2
|
500
|
*
|
Niedersachsen
|
506
|
484
|
17,4
|
504
|
453
|
Nordrhein-
Westfalen
|
503
|
490
|
24,9
|
513
|
486
|
Rheinland-
Pfalz
|
516
|
499
|
20,3
|
530
|
467
|
Saarland
|
512
|
497
|
15,7
|
516 |
475
|
Sachsen
|
541
|
512
|
3,6
|
530
|
*
|
Sachsen-
Anhalt
|
518
|
487
|
2,8
|
503
|
*
|
Schleswig-
Holstein
|
510
|
485
|
11,7
|
508
|
461
|
Thüringen
|
530
|
500
|
3,2
|
516
|
* |
* Aufgrund des geringen Migrantenanteils wurde kein gesonderter Wert errechnet.
** Zu den Begriffen Migrationshintergrund, Zu- bzw. Einwanderung,
Ausländer: Hier gibt es erhebliche begriffliche Unschärfen
bis hinein in die Bildungsforschung. In der Mitte November 2008
erschienenen Studie "PISA 2006 in Deutschland" beginnt das
Migranten-Kapitel mit einem knappen historischen Rückblick
auf "Einwanderungen nach Deutschland nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges". Dort findet sich der Satz: "Vom Ende des Zweiten
Weltkrieges bis in die Mitte der 1950er Jahre kamen zunächst vor
allem deutsche Flüchtlinge, Vertriebene und Kriegsgefangene nach
Deutschland." Ob diese drei Gruppen sich unter "Einwanderung"
verstanden wissen wollen, mag bezweifelt werden.
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