Vor
ziemlich genau 119 Jahren hat Otto von Bismarck in seiner berühmten
Rede vom 6. Februar 1888 vor dem Reichstag gesagt: „Wir Deutsche
fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.“ Daran hat sich viel
geändert. Heute bibbert Deutschland in willfähriger Selbstverleugnung
schon, wenn das Zentralkomitee für planwirtschaftliche
Bildungsstatistik und Bildungsideologie in Paris (genannt OECD) –
eifrig orchestriert von SPD, Grünen, PDS, Gewerkschaften und progressiv
bewegten „Bildungswissenschaftlern“ – meint, das angeblich überholte
deutsche Schulsystem mit seiner Aufgliederung in Gymnasium, Realschule,
Hauptschule und Förderschule sowie die angeblich zu niedrige
Abiturientenquote Deutschlands attackieren zu müssen. Dieses Virus der
Selbstverleugnung und der schulpolitischen Prinzipienlosigkeit ist nun
auch in der CDU ausgebrochen. Dabei ist die Frage nach der Struktur des
deutschen Schulwesens eigentlich eindeutig beantwortet: Alle
Schulforschung in Deutschland attestiert einer einheitlichen Schule
miserable Leistungen. Und: Das gegliederte Schulwesen setzte sich im
Zuge der Wahlerfolge der CDU bei allen wichtigen Landtagswahlen seit
1999 durch. Siehe Hessen, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt,
Nordrhein-Westfalen.
Jetzt
aber fällt die CDU vom Norden her um. Die Schulpolitik der
Landesregierungen mehrerer Küstenländer mit CDU-Beteiligung oder gar
mit CDU-Führung unterscheidet sich seit 2006 kaum noch von der
aktuellen Schulpolitik etwa einer rot-roten Berliner Landesregierung.
In Schleswig-Holstein stimmt die CDU um landwirtschaftspolitischer
Geländegewinne und um des Friedens mit der SPD willen der Etablierung
einer Gemeinschaftsschule zu. Auch in Mecklenburg-Vorpommern macht die
CDU in ebenfalls großer Koalition die Gemeinschaftsschule mit und
stellt obendrein den Kultusminister, der selbige zu realisieren hat.
Dass Gemeinschaftsschule nur ein etwas schöneres Etikett für
Gesamtschule ist, scheint die CDU nicht zu merken.
Den
Vogel aber schießt die Hamburger CDU ab. Dort macht sie sich (wiewohl
allein und ohne Koalitionspartner regierend!) gar zur Speerspitze einer
SPD-Bildungspolitik. Die hanseatische CDU will nur noch zwei
Schulformen haben: ein Gymnasium und eine Kollegschule, und beide
Schulformen sollen bei freier Elternwahl bis zum Abitur führen! Die
Hamburger CDU glaubt in einem Anflug von Selbstüberschätzung gar, mit
diesem Zweisäulen-Modell und der damit verbundenen Abschaffung der
Hauptschule einen „historischen“ Kompromiss gefunden zu haben. Das ist
denn doch eine Portion Naivität und Romantik zu viel.
Dreigliedrigkeit im Kontext
Wenn
in Hamburg schulpolitisch etwas historisch ist, dann sind es die
miserablen Ergebnisse, die Hamburg seit Jahrzehnten bei
Schulleistungsstudien einfährt. Aber wer sich – wie in der CDU Hamburgs
geschehen – für sein neues Bildungskonzept überwiegend ehemalige und
aktuelle Chefeinflüsterer der SPD ins Boot holt, kann nichts anderes
erwarten als einen schulpolitischen Einebnungskurs, der einer
klammheimlichen Einführung einer Einheitsschule das Feld bereitet.
Schließlich wird dieses Hamburger Modell aus Gymnasium und Kollegschule
de facto zu einer Art Gesamtschule werden – mit den Türschildern
„Gymnasium“ am Vordereingang und „Kollegschule“ am Hintereingang.
Für
die Etablierung eines Modells Gemeinschaftsschule im Norden der
Republik oder des Modells Kollegschule hätte es in diesen Ländern aber
keines Wechsels der Regierungskonstellation bedurft, die
Gemeinschaftsschule hätte man auch von Rot-Grün oder von Rot-Rot haben
können. So stellt sich auch hier – aber nicht nur hier – die Frage, wo
denn das Profil der CDU abgeblieben ist. Dabei hätte die CDU alle
empirischen Daten auf ihrer Seite: Einheitliche Schule in Deutschland
hat Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit hinter sich. Die
Tatsache, dass bei PISA mit Finnland ein Gesamtschulland gut
abgeschnitten hat, sagt herzlich wenig aus. Immerhin sind es auch
Gesamtschulländer, die am Ende der PISA-Rankings stehen, siehe
Brasilien, Mexiko! Demgegenüber ist Bayern mit seiner dezidiert
gegliederten Schulstruktur das einzige deutsche Land, das bei PISA
international vorne mithalten kann. Die durchschlagende Erfolglosigkeit
deutscher Gesamtschule ist den Steuerzahler übrigens teuer zu stehen
gekommen. Wir wissen aus NRW und aus Hamburg, dass Gesamtschule um rund
25 bis 30 Prozent teurer ist als Schule des gegliederten Schulwesens.
Gegliedertes
Schulwesen ist gewiss kein Wert an sich. Seinen Wert entfaltet es erst
im Kontext mit relativ verbindlichen Lehrplänen, mit einer eindeutigen
Fächerstruktur, mit einem transparenten Leistungsprinzip, mit
anspruchsvollen zentralen Abschlussprüfungen sowie mit einer frühen
Differenzierung nach einer vierjährigen Grundschule. Wenn diese
Kriterien nicht erfüllt sind, dann existiert das gegliederte Schulwesen
nur auf dem Papier. Die Alternative zum gegliederten Schulwesen ist
kein wie auch immer vereinheitlichtes Schulwesen, sondern ein
verbessertes gegliedertes Schulwesen mit einer im wahrsten Sinn des
Wortes gepflegten Hauptschule. Die Möglichkeiten des gegliederten
Schulwesens sind jedenfalls nicht ausgereizt, vor allem nicht
hinsichtlich Individualisierung von Bildung und Unterrichtung.
Gegliedertes Schulwesen muss noch mehr zur Chiffre für
Individualisierung werden. Hier sollte die Empfehlung lauten: Gebt den
Schulen über eine volle Lehrerversorgung hinaus einen Topf an fünf
Prozent Lehrerstunden. Mit diesen fünf Prozent (bei einer Schule mit
750 Schülern sind das etwa 50 Wochenstunden) kann man in
Krankheitszeiten Unterrichtsausfall vermeiden; in den vielen anderen
Wochen Förderkurse für Spitzen- und für Risikoschüler einrichten. (Am
Rande: Im Zuge der demographischen Entwicklung sind diese
Verbesserungen sogar kostenneutral machbar!)
In
diese Richtung sollte die CDU denken, statt Verrenkungen zugunsten
vermeintlich „historischer Kompromisse“ zu machen. Die
CDU-Bildungspolitik ist aber – bei allem aktionistischen Gehabe – wie
paralysiert, sprachlos und zahm. Überhaupt fragt man sich, ob es noch
eine konservative Schulpolitik gibt: Zu leicht haben Konservative
Angst, als rückständig zu gelten. Zu leicht geben sie sich als
realpolitisch. Zu leicht lassen sie sich verführen vom „Mainstream“
einer fortschreitenden Ökonomisierung der Bildungspolitik; von einem
Denken in Abiturienten- und Akademikerquoten; von der Ganztagsschule.
Ist Entropie die Zukunft?
Die
Bürgerlichen, so es sie denn noch gibt, sollten endlich ihre Scheu
davor ablegen, als konservativ zu gelten. Konservativ in Sachen
Erziehung und Bildung zu sein heißt: am Bewährten festhalten; das
Vorhandene behutsam weiterentwickeln; aus der Tradition des deutschen
Bildungsidealismus heraus auf das Übernützliche in Sachen Bildung
setzen; die Debatte um Werte statt um vage Schlüsselqualifikationen und
Kompetenzen führen; das Leistungsprinzip hochhalten; konkretes
fachliches Wissen und Können einfordern; um konkrete Inhalte ringen
(eingeschlossen Inhalte einer qua Bildung zu vermittelnden Leitkultur);
das Fach Geschichte pflegen.
Vor
allem aber beinhaltet eine konservative Haltung etwas höchst Modernes,
nämlich einen gesunden Skeptizismus. Bei den Linken hieß das einmal
kritische Haltung. Skeptizismus sollte ein Synonym für Konservatismus
sein. Damit unterscheiden sich Konservative vom Dogmatismus
pädagogischer Scharlatane. Im übrigen gilt: Nicht das Bewährte muss
sich vor dem Neuen, sondern das Neue muss sich vor dem Bewährten
rechtfertigen und seine Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit beweisen.
Die
CDU sollte sich jedenfalls dagegen stemmen, dass uns unsere Schulen
nicht in einem schulpolitischen Bermuda-Dreieck entschwinden – in einem
Bermuda-Dreieck, dessen Eckpunkte PISA-Testmanie, Nützlichkeits-Dogma
und Quoten-Planwirtschaft heißen. Andernfalls könnte der Zeitpunkt
kommen, zu dem auch in Sachen „Bildung“ die Terminologie der
Entropie-Theorie anzuwenden ist. Entropie ist ja das Maß der Unordnung.
Dann müsste man eines Tages diagnostizieren, dass wir auch in der
Schulpolitik – unterstützt von der CDU – eine fortschreitende Zunahme
an Entropie haben und dass dann auch hier gilt: Der wahrscheinlichste
Zustand der Materie und der Institutionen ist der Zustand der Unordnung.
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