DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Aus "Die Tagespost" vom 18. Januar 2007

Sozialdemokratisierung der CDU-Schulpolitik

Die Union hat in einigen Bundesländern die Gemeinschaftsschule eingeführt
und damit ihre bildungspolitischen Ideale aufgegeben


Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Vor ziemlich genau 119 Jahren hat Otto von Bismarck in seiner berühmten Rede vom 6. Februar 1888 vor dem Reichstag gesagt: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.“ Daran hat sich viel geändert. Heute bibbert Deutschland in willfähriger Selbstverleugnung schon, wenn das Zentralkomitee für planwirtschaftliche Bildungsstatistik und Bildungsideologie in Paris (genannt OECD) – eifrig orchestriert von SPD, Grünen, PDS, Gewerkschaften und progressiv bewegten „Bildungswissenschaftlern“ – meint, das angeblich überholte deutsche Schulsystem mit seiner Aufgliederung in Gymnasium, Realschule, Hauptschule und Förderschule sowie die angeblich zu niedrige Abiturientenquote Deutschlands attackieren zu müssen. Dieses Virus der Selbstverleugnung und der schulpolitischen Prinzipienlosigkeit ist nun auch in der CDU ausgebrochen. Dabei ist die Frage nach der Struktur des deutschen Schulwesens eigentlich eindeutig beantwortet: Alle Schulforschung in Deutschland attestiert einer einheitlichen Schule miserable Leistungen. Und: Das gegliederte Schulwesen setzte sich im Zuge der Wahlerfolge der CDU bei allen wichtigen Landtagswahlen seit 1999 durch. Siehe Hessen, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen.

Jetzt aber fällt die CDU vom Norden her um. Die Schulpolitik der Landesregierungen mehrerer Küstenländer mit CDU-Beteiligung oder gar mit CDU-Führung unterscheidet sich seit 2006 kaum noch von der aktuellen Schulpolitik etwa einer rot-roten Berliner Landesregierung. In Schleswig-Holstein stimmt die CDU um landwirtschaftspolitischer Geländegewinne und um des Friedens mit der SPD willen der Etablierung einer Gemeinschaftsschule zu. Auch in Mecklenburg-Vorpommern macht die CDU in ebenfalls großer Koalition die Gemeinschaftsschule mit und stellt obendrein den Kultusminister, der selbige zu realisieren hat. Dass Gemeinschaftsschule nur ein etwas schöneres Etikett für Gesamtschule ist, scheint die CDU nicht zu merken.

Den Vogel aber schießt die Hamburger CDU ab. Dort macht sie sich (wiewohl allein und ohne Koalitionspartner regierend!) gar zur Speerspitze einer SPD-Bildungspolitik. Die hanseatische CDU will nur noch zwei Schulformen haben: ein Gymnasium und eine Kollegschule, und beide Schulformen sollen bei freier Elternwahl bis zum Abitur führen! Die Hamburger CDU glaubt in einem Anflug von Selbstüberschätzung gar, mit diesem Zweisäulen-Modell und der damit verbundenen Abschaffung der Hauptschule einen „historischen“ Kompromiss gefunden zu haben. Das ist denn doch eine Portion Naivität und Romantik zu viel.


Dreigliedrigkeit im Kontext

Wenn in Hamburg schulpolitisch etwas historisch ist, dann sind es die miserablen Ergebnisse, die Hamburg seit Jahrzehnten bei Schulleistungsstudien einfährt. Aber wer sich – wie in der CDU Hamburgs geschehen – für sein neues Bildungskonzept überwiegend ehemalige und aktuelle Chefeinflüsterer der SPD ins Boot holt, kann nichts anderes erwarten als einen schulpolitischen Einebnungskurs, der einer klammheimlichen Einführung einer Einheitsschule das Feld bereitet. Schließlich wird dieses Hamburger Modell aus Gymnasium und Kollegschule de facto zu einer Art Gesamtschule werden – mit den Türschildern „Gymnasium“ am Vordereingang und „Kollegschule“ am Hintereingang.

Für die Etablierung eines Modells Gemeinschaftsschule im Norden der Republik oder des Modells Kollegschule hätte es in diesen Ländern aber keines Wechsels der Regierungskonstellation bedurft, die Gemeinschaftsschule hätte man auch von Rot-Grün oder von Rot-Rot haben können. So stellt sich auch hier – aber nicht nur hier – die Frage, wo denn das Profil der CDU abgeblieben ist. Dabei hätte die CDU alle empirischen Daten auf ihrer Seite: Einheitliche Schule in Deutschland hat Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit hinter sich. Die Tatsache, dass bei PISA mit Finnland ein Gesamtschulland gut abgeschnitten hat, sagt herzlich wenig aus. Immerhin sind es auch Gesamtschulländer, die am Ende der PISA-Rankings stehen, siehe Brasilien, Mexiko! Demgegenüber ist Bayern mit seiner dezidiert gegliederten Schulstruktur das einzige deutsche Land, das bei PISA international vorne mithalten kann. Die durchschlagende Erfolglosigkeit deutscher Gesamtschule ist den Steuerzahler übrigens teuer zu stehen gekommen. Wir wissen aus NRW und aus Hamburg, dass Gesamtschule um rund 25 bis 30 Prozent teurer ist als Schule des gegliederten Schulwesens.

Gegliedertes Schulwesen ist gewiss kein Wert an sich. Seinen Wert entfaltet es erst im Kontext mit relativ verbindlichen Lehrplänen, mit einer eindeutigen Fächerstruktur, mit einem transparenten Leistungsprinzip, mit anspruchsvollen zentralen Abschlussprüfungen sowie mit einer frühen Differenzierung nach einer vierjährigen Grundschule. Wenn diese Kriterien nicht erfüllt sind, dann existiert das gegliederte Schulwesen nur auf dem Papier. Die Alternative zum gegliederten Schulwesen ist kein wie auch immer vereinheitlichtes Schulwesen, sondern ein verbessertes gegliedertes Schulwesen mit einer im wahrsten Sinn des Wortes gepflegten Hauptschule. Die Möglichkeiten des gegliederten Schulwesens sind jedenfalls nicht ausgereizt, vor allem nicht hinsichtlich Individualisierung von Bildung und Unterrichtung. Gegliedertes Schulwesen muss noch mehr zur Chiffre für Individualisierung werden. Hier sollte die Empfehlung lauten: Gebt den Schulen über eine volle Lehrerversorgung hinaus einen Topf an fünf Prozent Lehrerstunden. Mit diesen fünf Prozent (bei einer Schule mit 750 Schülern sind das etwa 50 Wochenstunden) kann man in Krankheitszeiten Unterrichtsausfall vermeiden; in den vielen anderen Wochen Förderkurse für Spitzen- und für Risikoschüler einrichten. (Am Rande: Im Zuge der demographischen Entwicklung sind diese Verbesserungen sogar kostenneutral machbar!)

In diese Richtung sollte die CDU denken, statt Verrenkungen zugunsten vermeintlich „historischer Kompromisse“ zu machen. Die CDU-Bildungspolitik ist aber – bei allem aktionistischen Gehabe – wie paralysiert, sprachlos und zahm. Überhaupt fragt man sich, ob es noch eine konservative Schulpolitik gibt: Zu leicht haben Konservative Angst, als rückständig zu gelten. Zu leicht geben sie sich als realpolitisch. Zu leicht lassen sie sich verführen vom „Mainstream“ einer fortschreitenden Ökonomisierung der Bildungspolitik; von einem Denken in Abiturienten- und Akademikerquoten; von der Ganztagsschule.


Ist Entropie die Zukunft?

Die Bürgerlichen, so es sie denn noch gibt, sollten endlich ihre Scheu davor ablegen, als konservativ zu gelten. Konservativ in Sachen Erziehung und Bildung zu sein heißt: am Bewährten festhalten; das Vorhandene behutsam weiterentwickeln; aus der Tradition des deutschen Bildungsidealismus heraus auf das Übernützliche in Sachen Bildung setzen; die Debatte um Werte statt um vage Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen führen; das Leistungsprinzip hochhalten; konkretes fachliches Wissen und Können einfordern; um konkrete Inhalte ringen (eingeschlossen Inhalte einer qua Bildung zu vermittelnden Leitkultur); das Fach Geschichte pflegen.

Vor allem aber beinhaltet eine konservative Haltung etwas höchst Modernes, nämlich einen gesunden Skeptizismus. Bei den Linken hieß das einmal kritische Haltung. Skeptizismus sollte ein Synonym für Konservatismus sein. Damit unterscheiden sich Konservative vom Dogmatismus pädagogischer Scharlatane. Im übrigen gilt: Nicht das Bewährte muss sich vor dem Neuen, sondern das Neue muss sich vor dem Bewährten rechtfertigen und seine Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit beweisen.

Die CDU sollte sich jedenfalls dagegen stemmen, dass uns unsere Schulen nicht in einem schulpolitischen Bermuda-Dreieck entschwinden – in einem Bermuda-Dreieck, dessen Eckpunkte PISA-Testmanie, Nützlichkeits-Dogma und Quoten-Planwirtschaft heißen. Andernfalls könnte der Zeitpunkt kommen, zu dem auch in Sachen „Bildung“ die Terminologie der Entropie-Theorie anzuwenden ist. Entropie ist ja das Maß der Unordnung. Dann müsste man eines Tages diagnostizieren, dass wir auch in der Schulpolitik – unterstützt von der CDU – eine fortschreitende Zunahme an Entropie haben und dass dann auch hier gilt: Der wahrscheinlichste Zustand der Materie und der Institutionen ist der Zustand der Unordnung.


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