DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Gastkommentar aus DIE WELT vom 26. August 1999

Die SPD-Schulpolitik der Union

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Auch als vergangener Zukunftsminister macht Jürgen Rüttgers (CDU) bildungspolitisch auf sich aufmerksam. Das muss er tun, denn schließlich ist er CDU-Spitzenkandidat für die NRW-Landtagswahlen im Frühjahr 2000. Und da gerade Schulpolitik Ländersache ist, bringt sich Rüttgers jetzt als Landespolitiker in diese Politikbranche ein. Als Bundesbildungsminister hatte er damit ja - in Ermangelung rechtlicher oder ideeller Kompetenzen? - seine Probleme.

Aufgefallen war er gerne mit seinem Standardlamento, dass es eine Schande für das Land der Dichter und Denker sei, wenn sich zwanzig Schüler einen Computer teilen müssten. Dass dieses Land ein Land der Dichter und Denker wurde, obwohl damals unter zwanzig Bürgern gerade eben einer lesen, geschweige denn einen Computer nutzen konnte, störte Rüttgers' Brückenschlag vom Dichten und Denken zum elektronischen Klassenzimmer freilich nie.

Zumindest in den letzten Tagen aber hätte Rüttgers besser geschwiegen, anstatt öffentlich Slogans des schulpolitischen Sozialdemokratismus der 70er Jahre  nachzubeten und das Ganze auch noch als Öffnung der CDU für das Moderne zu verkünden. Dass die Union doch eigentlich die bessere SPD sei, das hat nicht einmal ein Norbert Blüm zu beweisen vermocht - geschweige denn eine Rita Süssmuth, die jetzt ebenfalls einen Nachholbedarf an christdemokratischer Modernisierung entdeckt, freilich keinen Nachholbedarf an eigenem Schweigen.

Da fühlt sich der politische Laie denn doch an des Grünen Josef Fischer Diktum erinnert: Es gebe in Deutschland zwei sozialdemokratische Parteien; die eine heiße SPD, die andere CDU. Ein solcher Eindruck aber leistet einer weiteren Parteienverdrossenheit Vorschub. Mit Öffnung für neue Wählerschichten können die Rüttgers-Einlassungen jedenfalls nichts zu tun haben, denn diese Schichten wählen - sofern sie sozialdemokratische Schulpolitik wählen wollen - allemal noch immer das Original anstatt des Imitats. Über mehr Pluralität im Grundsatzgebäude der CDU mag Rüttgers ansonsten nachdenken, aber er muss sich im Klaren darüber sein, dass die Grenzen zum Schröderschen Prinzip der Beliebigkeit dadurch fließend werden.

Unter dem wahrlich nicht umwerfend neuen Motto "Bildung für alle" ermahnt Rüttgers nun seine eigene Partei: Sie erwecke den Eindruck, Bildungspolitik nur für die Besten zu machen, und außerdem müsse sie endlich ihr Verhältnis zur Gesamtschule überprüfen.

Da ist der geneigte Rezipient nun doch platt. Bildung für alle? Was haben wir denn sonst in Deutschland? Kaum ein anderes Land der Welt hat eine so hohe Bildungsbeteiligung wie Deutschland. Oder ist Deutschland trotz 1,8 Millionen Studenten und trotz einer bisweilen vierzigprozentigen Abiturientenquote etwa ein hochselektives Bildungsland mit bester Bildung für eine Fünf-Prozent-Elite und null Bildung für alle anderen? Oder meint Rüttgers - es wäre nicht zum ersten Mal - , dass wir in Deutschland viel mehr Abiturienten und Studenten brauchen? Will er das Abitur quasi als sozialpolitische Errungenschaft für alle?

Rüttgers weiter: Die CDU habe Bildungspolitik nur für die Besten gemacht. Wer aber, so fragt man sich, wenn nicht die CDU, hat Jahrzehnte lang engagierte Politik für die Schwächeren, zum Beispiel für die Hauptschüler, gemacht?

Und schließlich solle sich die CDU mit der Gesamtschule aussöhnen, so Rüttgers. Offenbar hat es sich noch nicht in die CDU-Zentrale in Düsseldorf herumgesprochen, dass Gesamtschule national und international gescheitert ist, dass NRW-Gesamtschüler im fachlichen und im sozialen Bereich um zwei und mehr Jahre hinter Realschülern hinterherhinken, wenngleich Gesamtschule um 30 Prozent teurer ist als Hauptschule, Realschule und Gymnasium.

Rüttgers hätte wenigstens registrieren können, dass die Kultusministerin seines Bundeslandes, Gabriele Behler (SPD), seit kurzem auf die Gründung weiterer Gesamtschulen verzichtet. Aber nein, Rüttgers plädiert für die Gesamtschule als Schule für praktisch Begabte. Da hätte er sich einmal mit Hauptschule - 800 davon gibt es in NRW - befassen sollen. Diese leisten nämlich unter erschwerten Umständen, das heißt mit äußerst heterogener Schülerschaft und gegen politischen Gegenwind, Beachtliches. So aber überlässt Rüttgers es Frau Behler, auf einem Hauptschulkongress zu verkünden: "Trommeln für die Hauptschule: Ich bin dabei!" Trommelt Rüttgers statt dessen bereits für eine große NRW-Koalition, in der die SPD für Hauptschule und die CDU für Gesamtschule steht?

Ernsthaft: Wenn sich die Exponenten christdemokratischer Bildungspolitik profilieren wollen, dann finden sich reichlich ergiebige Betätigungsfelder. Es wird erstens Zeit, dass man in allen Bundesländern schulische Abschlussprüfungen einführt, auch in und damit zu Gunsten der Hauptschule. Es wird zweitens Zeit, dass man die Debatte um eine Renaissance zentraler Fächer führt. Es wird drittens Zeit, sich wieder anzufreunden mit einem Bildungskanon, der gerade in Zeiten eines flüchtigen Just-in-time-knowledge und des Down-loadens aus dem Internet unerlässlich ist und der neben naturwissenschaftlich-technischem  Know-how vor allem kulturelles Gedächtnis vermittelt, ohne das übrigens auch keine Wertevermittlung denkbar ist.

Alles in allem: Rüttgers sollte seinen Begriff von "modern" überdenken. "Modern" heißt wörtlich "von soeben". Von soeben ist sein schulpolitischer Wunschkatalog nicht, sondern vorgestrig. Sozialdemokraten verführt er damit eher zum Gähnen als zum Widerspruch - und zum Dankeschön für diese ungeahnte oppositionelle Wahlkampfhilfe. Hätte die hessische CDU so agiert, es wäre ihr nicht gelungen, am 7. Februar 1999 unter anderem mit schulischen Themen den Regierungswechsel herbeizuführen.


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