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Deutschlandfunk
Interview vom 7. August 2007 mit DL-Präsident Josef Kraus
"Frau Schavan sollte sich da mal ein bisschen raushalten"
Lehrerverband gegen bundeseinheitliche Schulbücher
Moderation: Christiane Kaess
Der Präsident des
Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, hat die Forderung von
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) nach bundesweit einheitlichen
Schulbüchern zurückgewiesen. Gerade in den Fächern Deutsch, Geschichte und
Geographie müsse es regionale Unterschiede geben. Kraus bezeichnete den
Vorschlag von Schavan als "Sommerlochthema".
Christiane Kaess: Nach sechs Wochen
Sommerferien hat im ersten Bundesland in Nordrhein-Westfalen wieder die Schule
begonnen. Für mehr als 180.000 Kinder beginnt dort ein neuer Lebensabschnitt,
denn sie werden eingeschult. Übernächste Woche folgen Rheinland-Pfalz, das
Saarland und dann nach und nach alle weiteren Bundesländer. Gleichzeitig
beginnt in knapp vier Wochen das Ausbildungsjahr und mehr als 200.000
Schulabgänger sind noch ohne Lehrstelle. Der Grund bei vielen - so beklagen
zumindest Unternehmen - sei die schlechte Schulbildung. Ein Fachkräftemangel
wird schon seit längerem beklagt. Dass bei der Bildung in Deutschland einiges
im Argen liegt, ist spätestens seit dem so genannten Pisa-Schock bekannt. Am
Telefon ist jetzt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Guten
Morgen!
Josef Kraus: Guten Morgen, Frau Kaess!
Kaess: Herr Kraus, werden die Kinder, die heute
und in den kommenden Wochen eingeschult werden, am Ende ihrer schulischen Laufbahn
so qualifiziert sein, dass sie auf dem Arbeitsmarkt gut unterkommen?
Kraus: Das hängt auch vom Arbeitsmarkt ab, ob sie
gut unterkommen. Das deutsche Schulwesen ist ansonsten natürlich gefordert,
Anstrengungen zu unternehmen, damit die Kinder gut in die Zukunft kommen. Aber
es ist sehr schwer, im Jahr 2007 zu prognostizieren, wie genau der Arbeitsmarkt
und die Qualifikationsanforderungen etwa 10, 13 Jahre später, also nahe am Jahr
2020, aussehen.
Kaess: Von Seiten des Handwerks ist zu hören,
viele hätten nicht das notwendige Rüstzeug für anspruchsvolle
Ausbildungsberufe. Das gelte insbesondere für Hightech-Betriebe. Hinkt die
schulische Ausbildung bei den Entwicklungen am Arbeitsmarkt hinterher?
Kraus: Ja und nein. Was hier von Seiten der
Arbeitgeberschaft und der so genannten Lehrherren beklagt wird, das ist
vielleicht zur Hälfte berechtigt. Wir haben unter unserer Schüler-Klientel eine
Risiko-Klientel, eine Problem-Klientel, die ich je nach Region auf 10 bis 15
Prozent beziffern würde, aber ich unterstelle schon auch mal, dass die
Wirtschaft ganz gerne klagt, um davon abzulenken, dass sie nicht genügend
Ausbildungsplätze zur Verfügung stellt.
Kaess: Nun ist einiges im Umbruch im deutschen
Schulsystem. Der Trend - so sieht es zumindest von außen aus - geht zu
schneller und effektiver. Greifen wir mal ein paar Punkte heraus. Politiker und
Pädagogen wollen die Zahl der Wiederholer reduzieren und sprechen von einer
Vergeudung der Lebenszeit. Sehen Sie das genauso?
Kraus: Ich glaube, dass dieses Problem ein
bisschen übertrieben, ein bisschen hochgespielt wird. Lassen wir doch einfach
die Fakten sprechen. Wir haben in Deutschland - das ist für den ersten Blick
eine erschreckende Zahl - 200.000 Wiederholer pro Schuljahr. Man muss diese
200.000 aber messen an der Gesamtschülerzahl und da sind es nämlich 12
Millionen. Das heißt also, wir haben eine Wiederholerquote von unter zwei
Prozent. Zwei Prozent verschleiern zudem, dass es Unterschiede zwischen den
Schulformen und zwischen den Altersstufen gibt. Wir haben sehr niedrige
Wiederholerquoten an den Hauptschulen, sehr niedrige Wiederholerquoten an den
Grundschulen. Wir haben Wiederholerquoten teilweise bis vier, fünf Prozent an
den Realschulen und den Gymnasien. Da lässt sich sicherlich noch ein bisschen
was machen, was schulische Fördermaßnahmen betrifft, aber das Durchfallen
deswegen völlig abzuschaffen, halte ich für falsch, denn ein Wiederholen hat
doch bei vielen Schülern einen pädagogischen Zweck.
Kaess: Dahinter steckt wahrscheinlich auch noch
etwas anderes. Manche Pädagogen sagen, die Schule wäre ohne diese
Wiederholerregelung mehr gezwungen, die Schwachen zu fördern.
Kraus: Die Schule ist immer gehalten, die
Schwachen zu fördern. Die Frage ist, ob sie dazu in der Lage ist - von den
Rahmenbedingungen her. Wir gehen in eine Zeit hinein, wo wir zumindest in
Westdeutschland wieder in weiterführenden Schulen mit 34-, 35-köpfigen Klassen
arbeiten müssen, wo wir keine zusätzlichen Förderstunden haben. Da wird es
verdammt schwer, hier noch individuelle Förderung zu betreiben - beispielsweise
für die drei, vier, fünf schwächsten Schüler einer Klasse.
Kaess: Kommen wir zu einem anderen Punkt. Der
wichtigste Einschnitt im Schulsystem betrifft sicher die Verkürzung der Zeit am
Gymnasium von neun auf acht Jahre. Was sind die bisherigen Erfahrungen?
Kraus: Ich bin selber Leiter eines solchen
Gymnasiums in Bayern. Wir sind im Moment, was die G8-Einführung betrifft, genau
in der Halbzeit. Die ersten vier Jahre haben wir hinter uns. Das heißt also,
die Schüler, die jetzt die achte Jahrgangsstufe abgeschlossen haben, kommen
jetzt im Herbst in die neunte Jahrgangsstufe, also haben sozusagen Halbzeit.
Die Erfahrungen sind bislang nicht sehr günstig. Zum einen - aber das mag ein
bayerisches Spezifikum sein - ist diese Reform, diese Verkürzung unglaublich
überstürzt und ohne Konzeption eingeführt worden. Das merkt man heute noch.
Hier sind Baustellen über Baustellen. Die Schulbücher für die nächst höhere
Jahrgangsstufe sind nicht fertig. Das Oberstufenkonzept steht nicht. Viele
Schulen haben noch keine ausreichenden Mensabetriebe bei dem vermehrten
Nachmittagsunterricht. Ansonsten müssen wir feststellen, dass für einen Teil
der Schüler dieses erhöhte Tempo und die zwei Pflichtnachmittage, die unterm
Strich dastehen, doch eine Überforderung sind. Vor allem stellen wir fest, dass
die Schulkultur darunter leidet. Wenn Schüler 36 Stunden Unterricht pro Woche
haben, also mindestens zwei Nachmittage Pflichtunterricht haben, dann fragen
sie sich: Habe ich noch die Zeit, um an der schulischen Kleinkunstbühne
mitzuarbeiten, ins Schultheater zu gehen, bei Chor, Orchester und Bigband,
Wettbewerbsgruppe und zusätzlichen Sportgruppen mitzumachen. Die Schulkultur,
das ist ein ganz trauriges Ergebnis, hat unter der G8-Einführung gelitten.
Kaess: Es ging ja auch um eine Verbesserung im
internationalen Wettbewerb. Ist die denn gegeben?
Kraus: Diese Vergleiche waren immer reichlich
schief. Man hat immer übersehen, dass die Engländer auch 13 Jahre haben. Man
hat immer übersehen, dass die Niederländer 13 beziehungsweise 14 Jahre haben.
Man hat sich immer verglichen mit Ländern, die 12 Jahre haben, aber nicht die
allgemeine Hochschulreife verleihen, sondern nur eine eingeschränkte
Hochschulreife. Man hat immer übersehen, dass wir in England beispielsweise
keine Dienst- und Wehrpflicht haben, in Deutschland aber eine haben. Man hat
immer übersehen, dass es in Deutschland selbstverständlich auch möglich ist,
mit 24 Jahren einen Hochschulabschluss beispielsweise an der Fachhochschule
oder teilweise auch an der Universität zu haben. Also, das waren immer etwas
weit hergeholte Argumente.
Kaess: Herr Kraus, Sie haben die so genannten
Risikoschüler schon angesprochen. Andere Länder haben die Zahl von
Schulabsolventen mit mittlerer Reife oder Hochschulreife steigern können.
Hierzulande kommt die so genannte Bildungsexpansion nur sehr langsam voran.
Woran liegt das?
Kraus: Da werden international Dinge verglichen,
die nicht vergleichbar sind. Das gilt sowohl für den Abschluss der
Sekundarstufe I wie auch für das so genannte Abitur. Wir haben das Prinzip
Allgemeinbildung. Das heißt, wir verlangen auch vom 15-, 16-Jährigen, dass er
einen Kranz an 13, 14, 15 Fächern bis dorthin führt. Das ist in vielen anderen
Ländern der Welt eben nicht erforderlich, weil man sich dort ab 13, 14 Jahren
schon eng spezialisieren kann. Also, diese Vergleiche lasse ich nicht so ganz
gelten. Wir haben umgekehrt einen großen Vorsprung, was die Bildungsbeteiligung
der 17-, 18-Jährigen betrifft. Da liegen wir bei weit über 90 Prozent. Wir
haben einen großen Vorzug mit unserem Berufsbildungssystem, das im Übrigen ja
die Möglichkeit eröffnet, auf vielen, vielen Wegen Bildungsabschlüsse
nachzuholen. Da sollten wir ein bisschen selbstbewusster an unsere eigenen
Strukturen glauben. Wir haben auch - das ist sicherlich Ergebnis unserer
vorhandenen Strukturen - eine ausgesprochen niedrige Arbeitslosigkeit unter
jungen Leuten, auch wenn sie immer noch für uns selbst zu hoch ist.
Kaess: Dennoch sind Verbesserungen sicher nötig.
Die Pläne der Bildungsminister von Bund und Ländern für mehr Qualität wie auch
jetzt wieder zum Beispiel bei der nationalen Qualifizierungsoffensive von
Bundesbildungsministerin Schavan, die sind bisher an den
Bund-Länder-Zuständigkeiten des Föderalismus gescheitert. Ist denn der
Föderalismus bei der Bildungs- und Schulpolitik hinderlich?
Kraus: Ich glaube nicht, dass das am
Zusammenwirken oder am fehlenden Zusammenwirken zwischen Bund und Ländern
gescheitert ist. Der Bund hat bei uns Gott sei Dank relativ wenig zu sagen, aber
die 16 Länder haben sich doch am Riemen gerissen nach dem ersten Pisa-Schock im
Jahr 2001 und haben eine ganze Menge auf den Weg gebracht. Die meisten Länder
haben sich jetzt ein Zentralabitur angelacht oder sind im Moment dabei, das
umzusetzen. Sie haben sich Abschlussprüfungen nach der 10. Klasse angelacht.
Sie haben Leistungstests bereits ab der Grundschule eingeführt. Wir haben auf
der Ebene der Kultusministerkonferenz Bildungsstandards eingeführt. Da ist eine
Menge geschehen. Man darf freilich nicht erwarten, dass sich das innerhalb von
wenigen Wochen auszahlt. Im Übrigen darf man vielleicht eines nicht übersehen:
Wir haben uns von Pisa 2000 auf Pisa 2003 schon deutlich verbessert und ich
rechne damit, dass wir bei Pisa 2006 - die Ergebnisse werden wir im Dezember
2007 haben - einen weiteren Schritt nach vorne machen.
Kaess: In diese Diskussion gehört auch die
Forderung von Bundesbildungsministerin Schavan nach einheitlichen Schulbüchern.
Sind die erforderlich?
Kraus: Diese Forderung von Frau Schavan sehe ich
zunächst mit einem gewissen Schmunzeln. Frau Schavan war ja über zehn Jahre
lang eine Hüterin des Föderalismus als Kultusministerin, Schulministerin in
Baden-Württemberg. Was sie jetzt bringt, das verbuche ich ein bisschen als
Sommerlochthema. Wir haben den Föderalismus letztes Jahr durch eine
Grundgesetzänderung deutlich gestärkt bekommen und ich halte es da wirklich mit
dem Prinzip Wettbewerb. Warum soll nicht auch auf dem Schulbuchmarkt quer durch
die Länder der Wettbewerbsgedanke eine Rolle spielen? Im Übrigen kann ich eine
Reihe von Fächern nennen, wo ich sagen würde, da müssen regionalspezifische
Dinge einfach auch in den Lehrbüchern ihren Niederschlag finden: in den Fächern
Deutsch, Geschichte, Geographie beispielsweise. Frau Schavan sollte sich da mal
ein bisschen raushalten. Im Übrigen ist ihr Vorschlag reichlich blauäugig. Sie
hat ja auch sofort Gegenwind bekommen von den Ministern der großen Länder.
Kaess: Und der Wettbewerb macht sich vor allem an
unterschiedlichen Lehrmaterialien fest?
Kraus: Wenn ich einheitliche Lehrmaterialien haben
wollte, mal nur gesetzt den Fall, dann brauche ich erst mal einheitliche
Lehrpläne, denn ich kann ja nicht ein einheitliches Lehrbuch auf
unterschiedliche Lehrpläne in Geschichte oder Geographie draufsetzen. Natürlich
ist das Einmaleins deutschlandweit hoffentlich das gleiche und sind auch
Grammatikstrukturen im Deutschen und im Englischen das gleiche. Aber: Föderalismus
bedeutet auch Wettbewerb; so soll es sein. Zu einheitlichen Lehrplänen führt
kein Weg hin. Das muss man realpolitisch einfach so sehen. Dafür gibt es keine
grundgesetzliche Basis.
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