DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Buchbesprechung von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), zu:

Uwe Krebs; Johanna Forster (Hrsg.):
 Vom Opfer zum Täter? Gewalt in der Schule und Erziehung von den Sumerern bis zur Gegenwart

Klinckhardt-Verlag, Bad Heilbrunn, 2003, Euro 19,- ISBN: 3-7815-1305-X, 238 Seiten


Die an Häufigkeit und Brutalität zunehmenden Gewalttaten von Schülern gegenüber Mitschülern und Lehrern bildeten den Hintergrund für das Symposion des Bayerischen Schulmuseums Ichenhausen; man wollte dort dem Thema "Gewalt in der Schule" in einer Vortragsreihe historisch, aber auch vor dem Hintergrund der heutigen Situation auf den Grund gehen. Die Vortragsreihe ist jetzt als lesenswerter Sammelband erschienen.

Sicher können die kurzen Buch-Beiträge keine umfassende Antwort auf die Frage geben, warum sich körperliche Gewalt vom alltäglichen Erziehungsinstrument des Pädagogen im Altertum und Mittelalter nunmehr zu einer von Schülern ausgehenden  Gewalt in den westlichen bzw. westlich orientierten Gesellschaften (Japan) wandelte – einer Gewalt, die sich zunehmend auch gegen Lehrer richtet. Der platte Psychologismus der 70er Jahre von der „strukturellen Gewalt“ erweist sich heute als eindeutig falsch: Weil Schüler Gewalt von ihren Erziehern erfahren, wenden sie sie selbst gegen diese an, hatte es damals geheißen.  Gleichwohl ist es heute eine unstrittige Errungenschaft der modernen Erziehungsinstitutionen, dass Prügel und andere harte Strafen, wie z.B. der Karzer - zum Glück - aus den Schulhäusern verbannt sind und Kinder und Jugendliche nicht mehr damit gequält werden.

Dass im alten Ägypten oder auch im Mittelalter unter diesen Umständen - Androhung brutalster Strafen nicht etwa nur bei Fehlverhalten, sondern schon bei mangelnder Leistung - überhaupt gelernt werden konnte, ist heute schwer fassbar. Und die historischen Beiträge im Buch zeigen eindrucksvoll den Weg auf, den die aufgeklärte  Pädagogik in diesem elementaren Punkt zurückgelegt hat. Auch dass es zu jeder Zeit immer schon Menschen gab, die die Erkenntnis zu verbreiten suchten, dass Gewaltanwendung das Lernen nicht befördern kann, tut dem pädagogisch engagierten Leser gut. Höchst lehrreich ist der Beitrag von Liedtke; er geht der Propaganda für den Ersten Weltkrieg und ihren subtilen Mitteln der Beeinflussung in der damaligen Schülerzeitschrift "Jugendlust" nach und stellt dar, wie es vom ursprünglich humanistischen Anliegen dieser Zeitschrift, das schon die Integration von Behinderten und antirassistische Bemühungen einschloss, zur kriegsverherrlichenden Tendenz vor und während des Krieges kam.

Warum das heutige Bemühen der Lehrer, mit immer neuen Methoden und regelrechten Unterhaltungskünsten ihren Schülern den Lehrstoff schmackhaft zu machen, die Schwierigkeiten ihrer Schüler zu verstehen und weitgehend von Drohungen und Angstmache abzusehen, nicht eine Verminderung der Schülergewalt nach sich zog, warum es stattdessen immer öfter Gewaltexzesse gibt, die nicht selten von Rachegefühlen gegen Erzieher motiviert sind, bleibt die Frage. Der Bericht über Schulgewalt in Japan und in den USA versucht die unterschiedliche Gewaltbelastung von Schulen in Japan und den USA mit gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten in Beziehung zu setzen.

Eine umfassende und systematische Einführung in die psychologischen und pädagogischen Zusammenhänge heutiger schulischer Gewaltausübung gibt der Beitrag von Hans Joachim Schneider. Der Begründer der Viktimologie stellt das Opfer von Schülergewalttaten in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, zeichnet die Opfer- und Täterpersönlichkeit nach und schlägt eine ganze Reihe von praxiserprobten Präventions- und Interventionsmöglichkeiten vor. Dabei steht und fällt der Erfolg solcher Bemühungen mit dem Konsens, keinerlei Gewalt zu dulden – einem Konsens freilich, der oft genug erst noch zwischen den Lehrern, Eltern und Schülern eines Schulhauses, der "Lerngemeinschaft" quasi, hergestellt werden muss (Whole-School-Approach). Weiter ist als unverzichtbarer Bestandteil der Gewaltprävention das Aufdecken des "verdeckten Opferwerdens" in den Mittelpunkt zu stellen sowie das Trainieren von Lehrpersonal und Eltern im Vermitteln von Mitgefühl und pro-sozialem Verhalten bei ihren Schülern.

Ein Unterrichtsprogramm zum Vermitteln gewaltfreier Konfliktlösungsstrategien bietet der Beitrag von  Hubert Kleber mit einem Schwerpunkt auf der Thematisierung von virtueller (Medien) Gewalt und Förderung der Medienkompetenz.

Im letzten Beitrag von Rudi und Renate Hänsel schließlich wird das bereits in Norwegen, England und Schleswig-Holstein erfolgreich angewandte Gewaltpräventionsprogramm von Dan Olweus vorgestellt und durch einige lernpsychologische praxisgeleitende Elemente erweitert. Da Gewalt immer auch erlernt wird, müssen alle Bemühungen darauf gerichtet werden, gewalttätige Konfliktlösungsmuster durch Einsicht, Mitgefühl mit dem Opfer, Wiedergutmachung und Training mitmenschlichen Verhaltens "umzulernen". Der Erzieher muss wissen, dass jedes erfolgreiche oder nicht geahndete Gewaltverhalten für den Täter ein Training darstellt, das er nicht zulassen darf. Der Erzieher soll jede Gelegenheit wahrnehmen, seine Schüler zum mitmenschlich verantwortlichen, feinfühligen Umgang anzuleiten und mit ihm gemeinsam an prosozialen Aktivitäten teilnehmen. Eine solche Arbeit des Lehrers ist ein wichtiger Beitrag zu einer umfassenden Friedenserziehung.

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