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Aus der FAZ vom 10. September 1998 - HEIKE SCHMOLL
Zur Debatte um neue Richtungen der Schulpolitik -
Bildungspolitische Lebenslügen:
Spaßpädagogik - Sackgassen deutscher Schulpolitik
von Josef KrausUniversitas, 260 Seiten, DM 39,90
Daß sich diese Einsicht durchsetzt, ist in einigen Bundesländern ziemlich unwahrscheinlich. Statt dessen, so bekräftigt Kraus zu Recht, wird mit schier unerschöpflicher Kreativität weiter an den Sargnägeln des Notensystems geschmiedet. Hessen arbeitet mit einer sogenannten relativen Notengebung, die als Maßstab nicht die Ziele des Lehrplans, sondern nur das jeweilige Klassenniveau kennt. Dort gelte ohnehin das Prinzip Hoffnung statt Leistung, denn ein Schüler kann trotz nicht ausreichender Leistungen in die nächste Klasse aufrücken, wenn dort "eine erfolgreiche Teilnahme ... zu erwarten ist". Das Schulamt in Heppenheim erlaubte einer Schülerin im Herbst 1997 gegen das Votum der Schule die Versetzung in die nächsthöhere Jahrgangsstufe, obwohl sie in fünf Fächern (Chemie, Erdkunde, Musik, Sport und Fotografie) eine Fünf hatte. Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben Drittel- oder 30-Prozent-Erlasse verfaßt, denen zufolge Prüfungsarbeiten, die mit diesem Anteil in den Noten "Fünf" und "Sechs" liegen, "kassiert", das heißt annulliert werden müssen, weiß der um Beispiele nicht verlegene Autor zu berichten, der einen umfassenden Überblick über die gesamte Schullandschaft beweist.
Das Buch ist im Stil einer engagierten Politikerrede verfaßt, es ist ein schriftlich niedergelegtes Plädoyer, das jeweils die Finger in die Wunden legt, um dann zu der entschlossenen Forderung zu gelangen: "Es muß Schluß sein mit" - zum Beispiel mit der Abneigung gegen transparente und gerechte Prüfungsformen. Außerdem fordert Kraus zentrale Abschlußprüfungen an allen Schulen, die in jedem Land festgelegt werden müßten. Zentrale Prüfungen sicherten Qualität und Breite der Grundbildung, sie gewährleisteten Vergleichbarkeit, Gerechtigkeit und Transparenz.
Als eine der Wurzeln der schulpolitischen Misere kennzeichnet der Diplom-Psychologe Kraus die Negation von Begabung und Intelligenz sowie des Eignungsprinzips. "Wer das Eignungsprinzip außer Kraft setzt, der setzt ein pädagogisch wichtiges und rechtlich gebotenes Korrektiv zur notwendigen Relativierung des bloßen Wunsches oder Ehrgeizes mancher Eltern außer Kraft", konstatiert er und fordert, den Eignungsgrundsatz wiederzuentdecken - im Interesse des Kindeswohls und im Interesse klarer Schulprofile. Er geißelt die sechsjährige Grundschule, weil die Schüler darunter leiden, wenn zu spät differenziert wird, und zeigt die ungesunde Entwicklung immer höherer Abiturientenzahlen, die in Hamburg bei 45 Prozent liegen, Baden-Württemberg und Bayern liegen bei etwas über 20 Prozent. Die Aufweichung des Abiturs ist ihm überhaupt ein Dorn im Auge, auch wenn die Reform der Oberstufenreform zumindest das nordrhein-westfälische Abitur mit nur einer einzigen Fremdsprache abschaffen wird. Durch ihren Mainzer Beschluß sei die Kultusministerkonferenz gleichwohl zum Vetoclub zur Abwehr höherer Ansprüche geworden.
Wegen der Leistungsfähigkeit eines gegliederten Schulsystems hält Kraus die Privilegierung der Gesamtschulen für völlig verfehlt. In Hessen etwa erhält ein Gymnasium eine Entlastungsstunde für einen Lehrer bei 27,3 Schülern, in der Gesamtschule gibt es diese schon bei 16,2 Schülern. Von dieser Stärkung der Gesamtschule sei der Niedergang der Hauptschule nicht zu trennen, die freilich auch mit der monomanen Ausrichtung der Bildungpolitik auf das Abitur zu tun habe. Kraus beklagt, daß Elite- und Hochbegabtenförderung nach wie vor zuwenig intensiv betrieben werden, reibt sich an der Wandlung des Lehrers zum Lernberater und kommt zum Schluß, daß es keine Alternative zum lehrergeleiteten Unterricht gibt.
Der allerdings muß darauf auch vorbereitet sein. In Hessen muß ein Lehrer mit der Unterrichtsbefähigung für Mathematik und Physik im Lernbereich Naturwissenschaften aber bis in höhere Jahrgangsstufen zugleich fachfremd Chemie und Biologie mitunterrichten.
Daß Kraus sich am Ende
für eine konservative Bildungspolitik entscheidet, wird niemanden
überraschen, er übt aber auch heftige Kritik an der gegenwärtigen
Bildungspolitik der CDU. "Hier ein wenig früher einschulen, dort ein
wenig früher mit der Schule aufhören und alle Schulen ins Internet"
sei zuwenig für eine Partei, die sich auf ihr christlich-abendländisches
Menschenbild berufe. Wer sich amüsieren will, sollte im Anhang zum
Tugend-ABC der Gutpädagogen greifen, wo sich eine bajuwarisch-deftige
Auflistung zentraler Begriffe der "Educational Correctness" findet.
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