| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL |
Aus dem "Bayernkurier" vom 27. Juni 2009
"Bildungsstreik" als Randale
Positiver Widerhall in den Medien war zu viel des Guten
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Vergangene Woche war „Bildungsstreik“ angesagt. Tatsächlich bestand dieser
Streik aus „Demos“, an der sich – je nach Quelle – 100 000 bis 200 000 Schüler
und Studenten beteiligten. Unter dem Strich sind das knapp ein bis eineinhalb
Prozent aller insgesamt 11,5 Millionen Schüler und 2,3 Millionen Studenten.
Wenn man davon die „Streikenden“ abzieht, denen eher nach einer Variante der
Love-Parade zumute war; wenn man sich vergegenwärtigt, dass radikalisierte
Gruppen den Landtag in Mainz stürmten und andere gar fingierte Banküberfälle
inszenierten; wenn man dann auch noch berücksichtigt, dass sich unter den
Initiatoren des „Bildungsstreiks“ nicht wenige linksextreme Gruppierungen
befanden, dann wundert man sich, welch positiven Widerhall die Demo-Woche in
Medien und Politik fand. Immerhin firmierten für den „Streik“ neben
Linksgewerkschaften so illustre Organisationen wie
anarchistisch-syndikalistische Jugendgruppen, die Assoziation marxistischer
Studierender, die Linksjugend, die Rote Antifa und die Sozialistische
Arbeiterjugend.
Vor einem solchen Hintergrund hätte man sich etwas kritischere
Kommentierungen des Streiks in Politik und Journalistik gewünscht. Aber
vielleicht meinte manch ergrauter Alt-Achtundsechziger, hier via Enkelgeneration
ein Revival erleben zu dürfen. Dass die Demonstranten in lobenswerter Weise ihre
demokratischen Rechte ausgelebt und ihre Zukunft in die eigenen Hände genommen
hätten, das war denn doch des politischen und publizistischen Lobes etwas zu
viel. Vergessen schien dabei auch, dass ein verfassungsrechtlich garantiertes
Demonstrationsrecht nicht als Recht auf Schuleschwänzen zu verstehen und auf
Unterrichtszeiten beschränkt ist.
Am Ende haben es die Demonstranten der Politik und der Öffentlichkeit recht
leicht gemacht. Die Forderungen, die sie vor sich hertrugen, ergaben einen
Bauchladen an Wünschen: pro Einheitsschule, contra Leistungsdruck, pro kleine
Klasse, contra G8, pro Allgemeinbildung, contra Verwertungsinteressen, contra
Bachelor und Master, contra Kita- und Studiengebühren und vieles, vieles
mehr.
Über die eine oder andere dieser Forderungen kann man sich durchaus
unterhalten. Wo wäre nichts zu verbessern, und wo wäre eine Verbesserung
wichtiger als im wichtigen Bereich der Bildung? Doch Rundumschläge solcher Art
bauen zu erheblichen Teilen auf einer verzerrten Wahrnehmung von Bildung in
Deutschland auf. Außerdem ist an so manchen Initiatoren und an so mancher
Forderung erkennbar, worum es gewissen Ideologen geht: um ein nach unten
nivelliertes Bildungswesen, in dem die Prinzipien Leistung und
Eigenverantwortung einer Gleichmacherei und einer Vollkasko-Mentalität geopfert
werden sollen.
| © 2009 Deutscher Lehrerverband (DL)
- Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21
12 24 |   |
|