DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 10. Dezember 2004

PISA-Diskussion zwischen Realismus und Hysterie

Deutschlands Schüler sind zwar nur Mittelmaß, aber trotzdem besser als sie oft dargestellt werden

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Deutschland hat mal wieder gefiebert, hingefiebert auf das Ergebnis der PISA-Studie 2003. Obwohl vereinbart war, dass deren Resultate erst am 7. Dezember 2004 veröffentlicht werden, fanden sich wieder einige besonders Interessierte, die Deutschland bereits Wochen zuvor in die zweite PISA-Hysterie versetzen wollten. Teilweise ist ihnen dies gelungen, denn was ab Mitte November 2004 in die Öffentlichkeit lanciert wurde, war einmal mehr typisch deutsch: Wir sind mal wieder die Schlechtesten, sollten eigentlich in Sack und Asche gehen, und alle anderen PISA-Länder machen es dem Land der Dichter, Denker und Pädagogen vor, wie man Schule betreibt.

So oder so ähnlich ging es durch Deutschlands Gazetten und Funkhäuser. Dass dabei ein Rangplatz 15 unter 29 PISA-Ländern als Rangplatz in der „hinteren Hälfte“ Teil der PISA-Skala interpretiert wurde, fiel schon gar nicht mehr ins Gewicht. Warum sollten nicht auch Deutschlands Politiker und Journalisten PISA-untauglich sein! 15 ist nämlich exakt die Mitte von 29, weil 14 davor und 14 dahinter liegen! Gleichwohl befleißigte sich ein Kartell aus wenigen Politikern, sog. Experten der OECD, Publizisten und Gewerkschaftlern, das deutsche Bildungswesen mit säuerlicher Miene einmal mehr in Grund und Boden zu reden und zu schreiben. Ein Vergleich mit dem Fußball drängt sich auf: Wird Deutschland einmal nicht Welt- oder zumindest Europameister, sondern nur Dritter oder gar nur Achter, dann ist der ganze deutsche Fußball Mist, und Millionen spielen sich zum Bundestrainer auf, weil sie ja genau wissen, wie es hätte besser laufen können. Widmen wir uns aber den PISA-Fakten!

Faktum 1: Die deutschen PISA-Werte haben sich verbessert.
Bei der PISA-Studie 2000, häppchenweise veröffentlicht in den Jahren 2001 und 2002, lagen die Deutschen unter 31 Ländern bei einem internationalen Durchschnittswert von 500 Punkten im damaligen Schwerpunktbereich Lesen mit 484 Punkten auf Rang 21, in der Mathematik mit 490 Punkten und in den Naturwissenschaften mit 487 Punkten jeweils auf Rang 20. Damals wie heute fand sich vor alllem Finnland auf vordersten Rängen, zum Beispiel im Lesen auf Platz 1 mit 546 Punkten. Bei der soeben ausgewerteten Studie PISA 2003 hat sich in den Ranglisten einiges verändert, vieles aber ist auch gleich geblieben. Diesmal erzielten Deutschlands Schüler unter 29 Ländern (dazu 11 Nicht-OECD-Länder) im Lesen 491 Punkte (Rang 19), im aktuellen Schwerpunktbereich Mathematik 503 Punkte (Rang 17), in den Naturwissenschaften 502 Punkte (Rang 15) und im neuen Aufgabenbereich Problemlösen 513 Punkte (Rang 13). Das heißt: Es gab für die Deutschen Verbesserungen um bis zu fünf Rangplätze und – was viel aussagekräftiger ist – um bis zu 15 PISA-Punkte. Solche 15 PISA-Punkte entsprechen fast dem Lernpensum eines halben Schuljahres. Die Spitze haben wir damit nicht eingeholt, wenngleich wir in Mathematik und in den Naturwissenschaften immerhin zu dem von progressiven Bildungspolitikern hochgelobten Schweden aufschließen konnten.

Faktum 2: Vor Deutschland rangierende Länder haben zum Teil erheblich günstigere Rahmenbedingungen, ehemals vor Deutschland liegende Länder sind hinter Deutschland zurückgefallen.
Dass Finnland erneut an der Spitze steht, wird nicht verwundern. Bereits seit PISA 2000 wissen wir, warum das so ist. Erstens pflegen die Finnen im Stolz auf ihre relativ „exotische“ Sprache eine hochintensive Sprachförderung; zweitens fördern die Finnen die etwa zwanzig Prozent schwächsten Schüler gesondert in Kleingruppen mit zahlreichen zusätzlichen Förderlehrern, Sozialpädagogen und Schulpsychologen; drittens geben die Finnen pro Schüler etwa die Hälfte mehr öffentliche Mittel aus, und viertens haben die Finnen nahezu keine Migranten und damit keine Probleme mit sprachlichen Integration dieser Kinder. Was die Asiaten, also Japan und Korea. betrifft, so wird jeder halbwegs Kundige wissen, dass deren PISA-Werte vielfach Ergebnis eines Lerndrills sind, der in der westlichen Welt nicht vermittelbar wäre. Ein Wort zu Österreich: Die Alpenrepublik ist todunglücklich, denn sie hat gegenüber PISA 2000 zwischen fünf und zwölf Rangplätze bzw. zwischen 9 und 28 PISA-Punkte verloren. Man holt dort jetzt eine Diskussion in einer Heftigkeit nach, wie man dies in Deutschland ja kennt. Vielleicht aber zeigt das österreichische Ergebnis auch nur, dass die Stichprobenziehungen nicht immer so ganz repräsentativ ist und die Testverfahren nicht immer so ganz zuverlässig sind.

Faktum 3: Das Gymnasium hat sich am meisten verbessert, die Hauptschule stagniert.
Auffällig ist, dass für die vier in Deutschland üblichen Schulformen erneut unterschiedliche Werte ausgewiesen sind. Das Gymnasium steht wiederum und sogar mit vergrößertem Abstand an der Spitze, dann folgt die Realschule, dann die Gesamtschule, dann die Hauptschule. Auffällig ist zum zweiten, dass die Punktezuwächse je nach Testbereich und je nach Schulform sehr unterschiedlich sind. Während die Hauptschule hinsichtlich Punkten stagniert, haben die Realschule und die Gesamtschule leichte Zuwächse in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Das Gymnasium verzeichnet in Mathematik Zuwächse bis zu 55 PISA-Punkte, das ist ein Fortschritt um mehr als ein Schuljahr. Sicherlich spielt dabei auch eine Rolle, dass neuere Formen der Mathematikdidaktik und der mathematischen Aufgabenkultur (siehe SINUS-Projekt) in den Gymnasien am meisten greifen.

Tabelle: PISA-Werte 2003 nach deutschen Schulformen (in Klammern Punktezuwächse gegenüber PISA 2000)


Mathematik
Lesen
Naturwissenschaften

Testbereich
Veränderungen und
Beziehungen
Testbereich
Raum und
Form



Gymnasium 606 (+ 51)
588 (+ 40)
587 (+ 5)
599 (+ 21)
Realschulen
510 ((+ 19)
504 (+ 13)
501 (+ 6)
509 (+ 18)
Gesamtschulen
486 (+ 22)
478 (+ 14)
478 (+ 18)
486 (+ 29)
Hauptschulen
411 (- 5)
423 (- 4)
406 (+ 11)
418 (+ 16)
         
Dieses  Gymnasialergebnis – wie es eine paar miesepetrige Zeitgenossen versuchen – schlechtrechnen zu wollen, indem man dem Gymnasium Aufgabendrill und Schülerselektion vorhält, ist dummes Zeug. Denn erstens kann man die PISA-Aufgaben nicht trainieren, zweitens hätten das dann ja alle Schulen getan, drittens ist der Gymnasiastenanteil deutschlandweit weiter gewachsen. Dass die Hauptschule stagniert, ist kein Wunder, hat sie doch unverändert die heterogenste und schwierigste Schülerschaft. Und dass sich die deutsche Gesamtschule erneut nur zwischen Realschule und Hauptschule positionieren kann, obwohl sie in den betreffenden Bundesländern luxuriös ausgestattet ist, sollte endlich diejenigen verstummen lassen, die immer noch meinen, Gesamtschule oder – wie sie es jetzt nennen – Einheits- und Gemeinschaftsschule sei die Lösung aller deutschen Bildungsprobleme.

Faktum 4: Die Mädchen eilen den Jungen davon.
Die Gewinner des Bildungssystems sind einmal mehr die Mädchen. In Mathematik und in den Naturwissenschaften haben sie in Deutschland fast zu den Jungen aufgeschlossen. Hier liegen sie nur noch 9 bzw. 6 Punkte hinter ihren männlichen Altersgenosse. Im Lesen aber rangieren sie 42 Punkte (international 34 Punkte) vor den Jungen. Das ist in der Entwicklung Heranwachsender mehr als ein Schuljahr. Mädchen lesen einfach mehr und lieber, während die Jungen lieber herumtoben, am Bildschirm sitzen und Baller-Baller-Spiele üben.

Faktum 5: Das deutsche Bildungsproblem sind gut 20 Prozent Problemschüler.
Zu den zentralen Botschaften der PISA-Studie 2003 gehört, dass 21,6 Prozent der deutschen Schülerschaft nur die unterste von sechs PISA-Qualifikationsstufen erreichen (12,4 Prozent) oder sogar diese unterschreiten (9,2 Prozent). Ein gutes Fünftel der deutschen Schülerschaft ist insofern als Risikogruppe einzustufen, für die im Hinblick auf die weitere schulische und berufliche Laufbahn eine schlechte Prognose besteht und die – wenn überhaupt - nicht über das Lösen einfacher Rechnungen hinauskommt. Zu Recht heißt es deshalb in der jetzt vorliegenden Zusammenfassung des deutschen PISA-Konsortiums: „Mit einer Anhebung des Kompetenzniveaus im unteren Viertel der Leistungsverteilung könnte in Deutschland die Leistungsstreuung kräftig reduziert und zugleich ein deutlich höherer Gesamtmittelwert erzielt werden.“

Wer aber ist diese Problemklientel? Darüber gibt die PISA-Studie 2003 teilweise Auskunft. Zum einen gehören zu dieser Problemklientel so manche deutsche Schüler aus sozial schwierigen Elternhäusern, Kinder, deren Eltern selbst keine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung hinter sich haben, Kinder auch, die mit oder ohne Wissen der Eltern Schule schwänzen oder zumindest sehr unregelmäßig Hausaufgaben machen und lernen. Es handelt sich hier um eine Schicht, der seitens der Schule und ohne Hilfe von Sozialpädagogen kaum beizukommen ist. Schulleiter, Klassenleiter und Schulpsychologen wissen ein Lied davon zu singen, wie schwer es ist, mit den Eltern dieser Schüler ins Gespräch zu kommen, denn oft genug bleiben zehn und mehr Einladungen oder schriftliche Ermahnungen ohne Antwort.

Unter der Risikogruppe sind sodann Migrantenkinder überrepräsentiert. PISA 2003 gibt dazu recht differenziert Auskunft. Im getesteten Schwerpunktbereich Mathematik erreicht Deutschland bekanntermaßen mit 503 Punkten einen international mittleren Wert. Deutsche Schüler ohne Migrationshintergrund erzielen hier 527 Punkte, deutsche Schüler mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil 508, Kinder zugewanderter Familien 454 und Kinder der ersten Migrantengeneration 432. Das bedeutet: Zwischen diesen vier Gruppen liegt eine Lern- und Leistungsdifferenz von fast drei Schuljahren. Ansonsten erreichen Migrantenkinder in Deutschland in etwa ein  PISA-Ergebnis, wie es eines der größten Herkunftsländer deutscher Immigranten ausweist, nämlich die Türkei: Diese kam bei PISA 2003 – jeweils auf Rang 28 unter 29 Ländern - in Mathematik auf 423 PISA-Punkte, in den Naturwissenschaften auf 441, im Lesen auf 434 und im Problemlösen auf 408. Die 544 Mathematik-Punkte des PISA-Spitzenreiters Finnlands umgekehrt haben auch damit zu tun, dass dieses Land einen Migrantenanteil von gerade eben zwei Prozent hat und es sich hier zumeist um Schweden handelt – eine Volksgruppe also, die die zweite Amtssprache Finnlands spricht.

Wie auch immer: Die schulische Integration von Migrantenkindern in Deutschland gelingt nicht. In Australien, Kanada und die USA sieht das anders aus; dort erzielen Migrantenkinder in etwa dieselben PISA-Werte wie die Kinder ohne Migrationsgeschichte. Allerdings ist das in diesen drei Einwanderungsländern wohl weniger eine Leistung der Schulen, sondern Ergebnis einer anderen Migrationspolitik und einer anderen Haltung der Migranten zu Fragen der Integration und zur Landsprache des Einwanderungslandes.

Was kann Schule in Deutschland hier tun? Nun, Schule allein wird dieses Problem nicht lösen. Es reicht nicht aus, dass Schulen den Migranten zusätzliche Förderangebote machen. Vielmehr müssen diese Angebote auch angenommen werden. Es gibt auch eine Hol-Schuld. Leider ist nämlich aus vielen Beispielen bekannt, dass sich manche Migranteneltern weigerten, ihre Kinder an Grund- und Hauptschulen in zusätzliche Deutschkurse oder sog. Sprachlernklassen zu schicken. Parallelgesellschaften in Deutschland, das schlägt sich eben dann in Sachen Schulleistung und in einem um bis zu 70 Punkte unter dem Durchschnitt liegenden PISA-Wert nieder.

Faktum 6: Mehr Verbesserung war in der Kürze der Zeit nicht möglich.
Die Ungeduldigen müssen daran erinnert werden: Die Ergebnisse von PISA 2000 wurden Ende 2001 bzw. Ende 2002 veröffentlicht. Damit begann bundesweit eine heftige Diskussion. Nachdem sich der Nebel gelichtet hatte, wurden ab Herbst 2003 Reformen umgesetzt: Jahrgangstufentests in vielen Bundesländern, Reformen in der Lehrerfortbildung, bundesweit vereinbarte sog. Bildungsstandards für Grundschulen und weiterführende Schulen. Aber: Die PISA-Testung 2003 fand bereits im Frühjahr 2002 statt. Die dabei Getesteten könnten also gar keine Nutznießer der erfolgten Reformen sein. Deshalb darf man zuversichtlich sein, dass Deutschlands Schüler beim PISA 2006 mit dem Schwerpunkt Naturwissenschaften ins vordere Drittel der untersuchten Länder vorstoßen können.

(Der Beitrag wurde mit geringfügigen Änderungen in der  Bayerischen Staatszeitung veröffentlicht)

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