DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Gastbeitrag aus der FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 7. September  2006

Ein Bonsai-Gymnasium ist ein Irrweg

Acht statt neun Jahre Gymnasium: In vielen Ländern ist der zweite Jahrgang nach dem System "G8"
in die weiterführenden Schulen gewechselt - sie sind Opfer eines "Beschleunigungswahns".


Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


In der Schulpolitik dominieren mehr und mehr ein Nützlichkeitsdogma und ein Beschleunigungswahn. Wirtschaftslobbyisten möchten die jungen Leute gar mit vier Jahren eingeschult und mit 16 in die Hochschule geschickt wissen. Das bislang neunjährige Gymnasium (G9) ist zum ersten Opfer dieses "Bildungs"-Ökonomismus geworden.


Konnte man vor Jahren noch darauf setzen, dass sich wenigstens die SPD einem "G8" und damit einer Kappung der 13. Klasse verweigern würde, so sind heute alle Parteien auf diesen Irrweg eingeschwenkt. Das Ganze hat eine historische Dimension: Im Jahr 1837 war in Preußen, 1874 in ganz Deutschland eine neunjährige Gymnasialzeit eingeführt worden. Im Interesse der Rekrutierung des Offiziersnachwuchses verkürzten die Nazis das Gymnasium 1938 um ein Jahr. Die Länder der Bundesrepublik stellten 1951 wieder auf 13 Jahre um, die DDR blieb bei zwölf. Heute aber wird in allen 16 Ländern der Republik vom G9 auf das G8 verkürzt.

Die Argumente indes sprechen gegen ein solches Bonsai-Gymnasium. Bereits die Prämissen der G8-Befürworter sind schief. Deutsche Hochschulabsolventen sind im internationalen Vergleich nicht um vier Jahre älter, wie von den Verkürzern behauptet. Das ist falsch: Denn man nimmt hier den ungünstigsten Fall eines deutschen Absolventen (28 Jahre alt) und den günstigsten eines englischen (24 Jahre).

Verschwiegen wird dabei, dass ein erheblicher Anteil deutscher Absolventen 23 Jahre alt ist, nämlich die der Fachhochschule. Und vergessen wird, dass in Deutschland viele junge Leute selbst ein Uni-Examen mit 24 Jahren machen. Auch ist eine Schulzeit von 13 Jahren bis zum Erwerb einer Hochschulreife international sehr wohl üblich: in England mit fachspezifischer Hochschulreife, in Luxemburg und in mehreren Kantonen der Schweiz mit Allgemeiner Hochschulreife; 14 Jahre sind es gar in den Niederlanden und auf Island. Frankreich hat 12 Jahre, aufgrund der hohen Repetentenquote von rund 70 Prozent und aufgrund der für viele Studienaspiranten notwendigen "classe préparatoire" de facto zumeist 13 oder 14 Jahre.

Wer ansonsten von der Notwendigkeit einer Entrümpelung gymnasialer Lernstoffe spricht, muss den Beweis antreten, welche Inhalte gekürzt werden können, ohne dass das Bildungsziel "Hochschulreife" darunter leidet; der muss auch davon Abstand nehmen, permanent Defizite junger Menschen in der Grundbildung zu beklagen und zugleich stets nach mehr Fremdsprachen, Mathematik, politischer und ökonomischer Bildung sowie nach mehr Medien-, Gesundheits- und Umwelterziehung zu verlangen. All dies kostet nun einmal Zeit, die freilich in einem "G8 light" nicht mehr da ist. Und auch die persönliche Reifung braucht Zeit. Deshalb sind die Fächer Kunst, Musik, Sport sowie Religion bzw. Ethik so wichtig; es sind dies Fächer, die man in den meisten Staaten mit zwölfjähriger Schulzeit nicht hat. Der Verzicht auf entsprechende Inhalte provozierte ein rein funktionalistisches Verständnis von Bildung. Zudem braucht kindliche und jugendliche Entwicklung außerunterrichtliche Freiräume. Ohne solche Freiräume gehen den jungen Menschen wertvolle Entfaltungs- und Erprobungschancen verloren. Jedenfalls leidet unter dem G8 das schulische Angebot an Schultheater, Musikgruppen, Wettbewerben, internationalen Austauschaktionen; dergleichen wird bei einem zusammengestauchten Gymnasium mit bis zu 38 Unterrichtsstunden pro Woche (ohne Hausaufgaben) kaum Platz finden. Diese Erfahrung ist in den beiden süddeutschen Ländern zu besichtigen, denn dort ist man bereits mitten drin im G8.

Wer gar meint, das G8 erbringe Einsparungen, ist auf dem Holzweg. Schließlich bedeutet G8 zwei bis drei Pflichtnachmittage in der Schule und damit Mehrkosten für Mensa-Bauten und für die Schülerbeförderung. Auch ist ein G8 nicht stellenneutral zu machen. Zumindest für die Zeit der Parallelität von G9 und G8 braucht man rund zehn Prozent Lehrer mehr. Belastungen entstehen zudem im arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Bereich, denn ab dem Jahr 2011 drängen mit einem Mal zwei Jahrgänge auf den Hochschul- und Arbeitsmarkt.

Alles in allem: Das neunjährige Gymnasium ist das Flaggschiff des deutschen Schulwesens, denn es hat in Vergleichsstudien hervorragend abgeschnitten. Die Gymnasien zwischen Flensburg und Garmisch stellen die weltweit erfolgreichste Schulform dar; mit PISA-Werten um 585 liegen sie etwa 40 Punkte vor dem PISA-Sieger Finnland. Somit bleibt als Trost, dass es das Gymnasium in Deutschland seit 1788, also seit fast 220 Jahren, gibt und dass es damit schon so manche Regierung und so manche Reform überstanden hat.


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