Der Deutsche Lehrerverband ist der
Dachverband für 160 000 Pädagogen an Gymnasien, Realschulen, beruflichen Schulen
und Wirtschaftsschulen. Der Präsident, Josef Kraus, kommt aus Landshut und ist
Leiter eines Gymnasiums.
Herr Kraus, was halten Sie von dem
„Bildungsmonitor“, der seit 2004 jedes Jahr erscheint?
Das ist ein
Zahlensalat, der schon fast in Zahlenfetischismus ausartet. Die Studie erfasst
viele Bereiche von Bildung nicht – den Unterricht in musischen Fächern oder die
Fremdsprachenkompetenz zum Beispiel. Außerdem arbeitet die Studie teilweise mit
Zahlen, die fünf Jahre alt sind. Das ist unseriös.
Zu großen Teilen sind die
Zahlen schon aus dem Erfassungszeitraum 2006. Und diese Zahlen verdammen Bayern
erneut auf den vierten Platz. Hinter Sachsen...
Man kann doch Bayern und
Baden-Württemberg nicht mit Sachsen und Thüringen vergleichen – die haben doch
ganz andere Voraussetzungen. Ein Beispiel ist der geringere Anteil der
Migrantenkinder in den sächsischen Klassen. Genauso wenig bringt der Vergleich
Flächenstaat – Stadtstaat wie zum Beispiel Hamburg.
Sie kritisieren auch die
Auswahl der Untersuchungsfelder.
Ja. Eine geringe Durchfallquote etwa ist
kein Qualitätsmerkmal. Im Gegenteil: Das kann auch für ein niedrigeres Niveau
sprechen.
Was würden Sie untersuchen? Was belegt denn
Bildungsqualität?
Man müsste unbedingt auch den Faktor Lehrer untersuchen,
etwa den Ersatzbedarf, den Lehrermangel, die Anzahl der Lehramtsstudienplätze
oder der Referendarsplätze. Auch die Gesamtstundenzahl pro Bildungsgang ist ein
entscheidender Faktor: Es besteht nämlich ein enger Zusammenhang zwischen
Stundendichte und Pisa-Rang.
Ist Pisa die bessere Studie?
Pisa ist
immerhin ein Leistungstest, auch wenn er nur einen kleinen Ausschnitt
betrachtet.
Also fehlt uns eine umfassendere Studie, die noch mehr Kriterien
miteinander vergleicht?
Das wäre ein riesiger Aufwand. Außerdem müssen wir
aufpassen, dass wir uns in Deutschland nicht zu Tode messen. Vom Wiegen wird die
Sau nicht fett.
Interview: Carina Lechner