DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 31. März 2000

 „Black Box“ Grundschule

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Wer mit Blick auf die schulpolitischen Debatten der letzten Jahre auf einer Strichliste registrierte, wie oft welche Schulform bzw. welche Schulstufe in der öffentlichen Debatte „dran“ war, könnte feststellen, dass zwei Schulbereiche nahezu völlig ausgeblendet sind. Die eine „black box“ ist das System der berufsbildenden Schulen. Wiewohl dieses System nach wie vor gut siebzig Prozent unserer jungen Leute auf ihren Beruf vorbereitet und wiewohl es nach wie vor weltweit Anerkanntes leistet, diskutiert man öffentlich nicht darüber. Der Grund für dieses Schattendasein, das seine Entsprechung in der personellen und sächlichen Mangelausstattung dieser Schulen findet, dürfte unter anderem darin zu suchen sein, dass sich kaum ein Publizist, Journalist oder Politiker in diesem hochdifferenzierten Bereich auskennt.

Die andere schulpolitische „black box“, in die man ungern hineinleuchtet, ist die Grundschule. Wenn öffentlich über Grundschule geredet wird, dann am ehesten noch im Zusammenhang mit einer „betreuten Halbtagsschule“. Ansonsten aber erscheint Grundschule geradezu als sakrosankt. Gymnasium, Hauptschule, Gesamtschule, etwas weniger Realschule – alle kriegen sie laufend „ihr Fett“ ab. Kritische Diskussion über Grundschule aber gilt als Tabubruch.

Dieser Tabubruch ist fällig. Denn ohne große öffentliche Resonanz hat in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren in der Grundschule der unter allen Schulformen wohl weitestreichende Wandel stattgefunden: von der ergebnis- zur erlebnisorientierten Schule; von der lernenden und einübenden Schule zur spielerischen Schule; von der Schule mit eindeutigen Fächerstrukturen zur Schule der Projekte und der Freiarbeit; von der benotenden Schule zur Schule ohne Noten; vom lehrergesteuerten Unterricht zur völligen Schülerzentrierung; von der Schule mit professionellem Urteil über die weitere Schullaufbahn zur Missachtung dieses Urteils.

Zugegebenermaßen haben diese Entwicklungen je nach Bundesland eine unterschiedliche Dynamik erfahren. Dies jedoch hat dazu geführt, dass bereits am Ende der 4. Jahrgangsstufe ein bundesweit erhebliches Leistungsgefälle festzustellen ist. Dieses Leistungsgefälle macht ein halbes bis ein ganzes Jahr aus. Das verwundert nicht, denn Grundschüler etwa in Süddeutschland genießen binnen vier Schuljahren - umgerechnet - rund ein halbes Schuljahr mehr Unterricht als Schüler in manch anderem (west- oder nord-)deutschen Bundesland.

Aber auch abseits von Statistiken registrieren die Lehrer weiterführender Schulen zunehmend Defizite bei ihren Neuankömmlingen: der Wortschatz (curricular vorgegeben sind teilweise nur 980 Wörter) ist zu eng, Grammatik und Syntax wackeln, die Orthographie ohnehin; der sog. Zehnerübergang sitzt nicht; mit der Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit geht es dahin. Und die Folgen? Realschulen und Gymnasien mussten ihr Anspruchsniveau anpassen, und sie müssen bei der Vermittlung von Arbeitsmethoden und Kulturtechniken heute etwas leisten, was noch vor kurzem selbstverständliche Aufgabe der Grundschule war. Und es hat das Spielerische in der Grundschule bisweilen überhand genommen. Die Kinder unterliegen damit der Täuschung, die Aneignung von Fertigkeiten und Kenntnissen könne stets ohne Anstrengung, Ausdauer und Enttäuschungen geschehen.

Mit solchen Feststellungen macht sich niemand nur beliebt. Ein angeblich einseitiger Leistungsbegriff und ein verändertes Kindsein, auf das man reagieren müsse, werden jedem Grundschulkritiker vorgehalten. Entrüstet wird der Anspruch zurückgewiesen, Grundschule habe auf weiterführende Schulen vorzubereiten. Nein, Grundschule sei erzieherische Schule schlechthin, so heißt es. Solche Posen der Entrüstung werden unterfüttert mit dem Diktum so genannter Kindgerechtheit. Vergessen wird dabei, dass eine nur noch auf das Kindsein ausgerichtete Schule dem Kind die Zukunft raubt, weil es dieses Kind in einer ewigen Gegenwart einkerkert.

Damit die Grundschule wieder den ihr gemäßen Auftrag als "Grund" legende Schule erfüllen kann, bedarf es der Veränderungen. Dazu gehört die Besinnung auf die Kulturtechniken; auf die Förderung der Ausdauer und der Arbeits- und Lerntechniken; auf die Förderung der Neugier und der Lernfreude (was etwas anderes ist als Spaß). Eine herausragende Bedeutung mit einem Anteil von der Hälfte der Stundentafel müssten in der Grundschule deshalb Deutsch und Rechnen haben. Diese beiden Fächer vermitteln in besonderer Weise das Beherrschen der Kulturtechniken: Lesen, Schreiben, Sprechen, Wortschatz, Orthographie, Grammatik, Syntax, Sprachbetrachtung; Umgang mit Zahlen und Größen, Grundrechenarten, Sachrechnen, geometrische Grunderfahrungen.

Ob die Grundschule auch Fremdsprachen unterrichten soll, ist fraglich. Natürlich ist das Nachahmungsvermögen Achtjähriger so ausgeprägt, dass man es für das Erlernen von Fremdsprachen nutzen kann. Aber dieses Vermögen ist eben auch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Deshalb müsste Fremdsprachenunterricht in der Grundschule in äußerer Leistungsdifferenzierung erfolgen. Das wagt aber keiner zu fordern. Und so werden die Stunden für diesen Unterricht in Fächern abgesäbelt, die gerade für die Schwächeren wichtig wären. Jedenfalls dürfte Fremdsprachenunterricht in der Grundschule nicht zu Lasten des Stundenkontingentes im Fach Deutsch gehen. Kurz: Solange die Kinder ihre Muttersprache nicht wieder besser beherrschen, sollte man darauf verzichten, Stunden zu Gunsten von Fremdsprachen zu opfern. Sonst baut man Stockwerke auf Häuser, deren Fundamente längst morsch sind. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die allzu spielerische Begegnung mit einer Fremdsprache in der Grundschule für das spätere systematische Erlernen einer Fremdsprache in einer weiterführenden Schule kontraproduktiv wirkt: Die Schüler  werden der Täuschung ausgesetzt, das Erlernen einer Fremdsprache geschehe immer so "locker" wie in der Grundschule. Dass der Erwerb von Fremdsprachen aber auch Schweiß und Sitzfleisch bedeutet, wird übersehen.

Wie auch immer: Für das, was Grundschule leisten soll, sind vier Grundschuljahre ausreichend. Am Ende der 4. Klasse ist bei 90 Prozent der Grundschüler eine solide Empfehlung möglich, welcher der nachfolgenden Bildungswege der geeignete für einen Grundschüler ist. Die Schere in der kognitiven Entwicklung weitet sich ab da noch mehr. Die prognostische Validität einer Eignungsempfehlung ist am Ende der 4. Klasse zudem höher als am Ende der 6. Klasse inmitten der Vorpubertät. Eine Verlängerung der Grundschule (als sechsjährige Grundschule oder als integrierte Orientierungs-, Beobachtungs- oder Förderstufe) kann aus entwicklungspsychologischen und pädagogischen Gründen nicht vertreten werden. Dergleichen provoziert massenhaft Unterforderung und Überforderung in der 5. und 6. Jahrgangsstufe. Eine solche Verlängerung lässt außerdem das vor Beginn der Vorpubertät sehr ausgeprägte Lernvermögen Elf- und Zwölfjähriger und deren ausgeprägte Lernbereitschaft brachliegen.

Am Ende der 4. Klasse ist vor allem bei differenzierter Betrachtung des Leistungsvermögens der Kinder in Deutsch und Rechnen eine solide Bildungsempfehlung bzw. Eignungsaussage möglich. Eine hohe prognostische Validität haben die Grundschulnoten in Aufsatzschreiben, in Grammatik/Rechtschreiben sowie im Zahlenrechnen und im Textrechnen. Schüler, die am Ende der 4. Klasse hier einen Notendurchschnitt von 2,0 erreichen, kommen mit höchster Wahrscheinlichkeit zum Abitur; Grundschüler, die durchweg mit Note 3 in den genannten Bereichen ans Gymnasium übertreten, finden sich unter Abiturienten kaum wieder.

Zugleich muss vermieden werden, dass Grundschüler in eine für sie ungeeignete Bildungslaufbahn gelenkt werden. Dies kann am sichersten dadurch geschehen, dass dem sog. Elternwillen bei der Wahl des weiterführenden Bildungsweges als Korrektiv gleichrangig der Eignungsgrundsatz zur Seite gestellt wird. Die Grundschulempfehlung ist insofern aufzuwerten, zumal es sich hier um ein professionelles Urteil von Lehrern handelt, die ein Kind in der Regel mehr als ein Jahr lang kennen.

Wichtig und richtig aber wäre es zudem, Grundschüler sukzessive wieder an die Prinzipien Anstrengung und Leistung zu gewöhnen. Leistungsmessung gehört dazu. Die sog. Berichtszeugnisse haben sich zumindest in der dritten und vierten Klasse nicht bewährt. Ab Ende der zweiten Klasse sollte deshalb in den Zeugnissen neben einer Verbalbewertung eine Benotung mittels Ziffernnoten erfolgen. Und nachdem man endlich deutschlandweit bereit ist, bei Vierzehnjährigen zu testen, was sie in Mathematik können, was sie in den Naturwissenschaften wissen und was sie an Lesefertigkeit aufbringen, wäre es an der Zeit, einmal genauer hinzusehen, was Viertklässler in den Fächern Deutsch und Rechnen können. Was sie können sollten, darüber gibt es hoffentlich bald wieder einen Konsens.


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