„Die angebliche soziale Schieflage des Bildungswesens in
Deutschland ist ein statisches Kunstprodukt“, sagte Verbandspräsident Josef
Kraus am Donnerstag Handelsblatt Online. So sei es „absolut einseitig, den
Zusammenhang zwischen Schulbesuch und sozialer Herkunft bei Fünfzehnjährigen zu
ermitteln“. Denn damit werde die vertikale und damit auch soziale
Durchlässigkeit des deutschen Bildungswesens überhaupt nicht erfasst.
Kraus wies darauf hin, dass es in Deutschland immerhin 50 Wege gebe,
Studierberechtigungen zu erhalten. Zwischen 43 und 50 Prozent der Berechtigten
würden sich - je nach Bundesland - ihren Universitätszugang außerhalb des
Gymnasiums beschaffen. „Diese Art von Durchlässigkeit wird aber mit einer
Studie, die Neuntklässer testet, überhaupt nicht berücksichtigt“, sagte Kraus.
Zudem lasse die Untersuchung unbeachtet, dass in den Ländern, in denen der
Zusammenhang Familienhintergrund und Gymnasialbesuch kaum eine Rolle spiele,
dies auf einem „reichlich niedrigen“ Leistungsniveau geschieht. „Im Übrigen ist
der Besuch eines Gymnasiums keineswegs vom Geldbeutel der Eltern, sondern vom
Leistungsvermögen und vom Leistungswillen der Kinder abhängig“, fügte der
Lehrerverbandspräsident hinzu. „Man muss die Bildungschancen einfach nutzen
wollen, und dabei gibt es auch eine Holschuld bei den Familien.“
In den vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen durchgeführten
Leistungstests, deren Ergebnisse am Mittwoch vorgestellt worden waren, schnitten
süddeutsche Neuntklässler aller Schulformen in Deutsch, Englisch und Französisch
teilweise weitaus besser ab als ihre norddeutschen Mitschüler. Schlusslicht ist
Bremen, aber auch Hamburg, Berlin und Brandenburg liegen hinten. Zudem ergab die
Studie, dass nach wie vor die soziale Herkunft von Kindern für den schulischen
Erfolg entscheidend ist.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kritisierte die
Länderzuständigkeit bei der Schulbildung. Nach zehn Jahren halbherziger Reformen
sollten sie „endlich einen Masterplan“ vorlegen, der tatsächlich die Qualität
des Unterrichts verbessere und bei der Aus- und Fortbildung der Lehrer ansetze,
sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann der „Neuen Osnabrücker Zeitung“
(Donnerstag). Ideologien helfen uns nicht weiter, und die gebetsmühlenartig
vorgebrachte Rechtfertigung der Kultusminister, nur die Länderhoheit garantiere
gute Schulen, wird mit jeder neuen Leistungsstudie weiter entkräftet.“ Die
Unternehmen hätten auszubaden, was die Kultusminister mit unnützen
Schulstrukturdebatten an Kraft und Zeit verpulvert hätten.
Angesichts der Ergebnisse warnte indes Bundesbildungsministerin Annette
Schavan die Länder vor Einschnitten bei der Bildung. Die Landtagswahlen der
vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass Bürger sehr genau darauf schauten,
welchen Stellenwert die Bildungspolitik in ihrer Landesregierung habe, sagte
Schavan der „Saarbrücker Zeitung“.
Sie bekräftigte, dass Bund und Länder sich darauf geeinigt hätten, zehn
Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung auszugeben. „Das
Ziel verbietet den Zugriff der Länderfinanzminister auf die Bildungsbudgets“,
mahnte Schavan. Der Ländervergleich habe gezeigt, dass konkrete Verbesserungen
im Bildungssystem der entscheidende Schlüssel für gute Leistung seien.
„Schulstrukturdebatten, wie sie in manchen Ländern geführt werden, helfen
dagegen nicht weiter. Sie bringen zwar Unruhe in die Schulen, nicht aber mehr
Qualität“, betonte die Ministerin.
Lehrerverbandspräsident Kraus beklagte, dass lange bekannt sei, dass die
Südländer in Bildungsfragen vorne liegen. Dies habe vor allem damit zu tun, dass
sie nach der vierten Grundschulklasse ein klar differenziertes Schulwesen, eine
höhere Unterrichtsdichte, verbindlichere Lehrpläne sowie verbindliche
Abschlussprüfungen auch unterhalb des Abiturs hätten und von den Schülern
einfach mehr forderten. „Die Testverlierer müssten dies seit Jahrzehnten wissen,
aber statt sich an den Siegerländern zu orientieren und nach der Decke zu
strecken, verlieren sie sich in Schwärmereien über eine verlängerte Grundschule
und Einheitsschule“, sagte Kraus.