Deutschland hat in den ersten drei PISA-Studien unterschiedlich gut
abgeschnitten. 2000 und 2003 erreichte es ein Ergebnis im Mittelbereich der
OECD-Staaten, 2006 schloss es in der internationalen Rangfolge zum vorderen
Viertel auf und ließ sogar das hochangesehene Schweden hinter sich. Insgesamt
ist durch die PISA-Studien eine lebhafte bildungspolitische Debatte in Deutschland angestoßen worden. Diese Debatte ist zum Teil hilfreich, zum Teil
aber auch überzogen und wird für andere Zwecke instrumentalisiert. Zuletzt wurde
PISA vor allem sozialpolitisch diskutiert. "Bildung ist die soziale Frage des
21.Jahrhunderts", so heißt es. Das ist richtig. Zugleich gilt: Sozial ist, was
Arbeitsplätze erhält beziehungsweise neu schafft. Bildung ist dabei ein
wichtiges - wenngleich nicht das einzige - Vehikel zur Verbesserung von Chancen.
Eine formal höhere Bildung kann individuelle Chancen auf dem Arbeitsmarkt
verbessern, sie verschärft aber zugleich den Konkurrenzkampf. Der britische
Politikwissenschaftler Colin Crouch wundert sich daher nicht zu Unrecht, dass
manche Politiker auf Bildung setzen, dabei aber übersehen, dass nur eine
Minderheit in den Genuss des Aufstiegs kommen könne.
Gleichwohl hat Bildung eine bedeutende soziale und eine mindestens
gleichberechtigte personale Dimension. Bildung ist Zweck und Mittel der
Persönlichkeitsentwicklung. Nur durch Bildung können sich Menschen zu mündigen
Mitgliedern eines freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen
Gemeinwesens entwickeln. Bildung sollte deshalb nicht zum bloßen Vehikel von
Sozialpolitik werden. Höchst bedenklich wäre aber auch eine völlige
Indienstnahme der Bildung durch die Wirtschaftspolitik, denn eine
fortschreitende Ökonomisierung der Bildung könnte dazu führen, dass "unrentable"
Bildungsangebote gerade zulasten sozial Schwächerer wegrationalisiert würden.
Gleichheit versus Freiheit
Im Kontext mit PISA gibt es in Deutschland einen leidenschaftlichen Streit um
Gerechtigkeit. Das ist zwar gut, aber nicht unproblematisch. Denn bei der
Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse gilt es zwei Prinzipien zu beachten:
das Prinzip Gleichheit und das Prinzip Freiheit. In Reinform praktiziert,
bedeutet Gleichheit Vereinheitlichung und Gleichmacherei; Freiheit pur bedeutet
Überleben der Stärksten. Es kann also weder das eine noch das andere Paradigma
einziger Maßstab sein. Denn Freiheit ohne Gleichheit wäre ein
Laisser-faire-Libertarismus, und Gleichheit ohne Freiheit wäre Kollektivismus.
Insofern kann es gerade in einem freiheitlich-demokratischen Rechts- und
Sozialstaat immer nur um einen Ausgleich zwischen Freiheit und Gleichheit gehen.
Beide sind auf der Basis von Subsidiarität und Solidarität durchaus vereinbar,
erst daraus erwächst Gerechtigkeit.
Das Spannungsverhältnis von Gleichheit und Freiheit bleibt jedoch nicht
aufhebbar: Sind die Menschen frei, dann wollen sie gleich sein; und sind sie
gleich, so wollen sie frei sein. Deshalb gilt nach wie vor, was Goethe sagte:
"Gesetzgeber oder Revolutionäre, die Gleichheit und Freiheit zugleich
versprechen, sind Phantasten oder Scharlatane". Die Gefahr, die hinter der
vermeintlichen Unvereinbarkeit von Freiheit und Gleichheit lauert, ist freilich,
dass das Prinzip Freiheit schwieriger zu wahren ist. Bereits Alexis de
Tocqueville hat 1835 warnend darauf hingewiesen: Freiheit erliege gern der
Gleichheit, weil Freiheit mit Opfern erkauft werden müsse, während Gleichheit
ihre Genüsse von selbst darbiete. Am Ende sei den Menschen die Gleichheit in
Knechtschaft lieber als die Ungleichheit in der Freiheit.
Bezogen auf Schulbildung lautet die Frage also: Soll ein Schulwesen am
Prinzip Freiheit oder am Prinzip Gleichheit orientiert sein? Hier ist der
Freiheit eindeutig der Vorrang zu geben, denn Gleichheit total wäre der Tod der
Individualität. Und haben wir uns erst einmal der Gleichheit verschrieben, so
fangen wir auch über Erziehung und Bildung an, Unterschiede abzuhobeln. Dem aber
steht entgegen, was der Berliner Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth
kürzlich in einem Interview zum Ausdruck brachte: "Die Beseitigung der
Ungleichheit durch Bildung ist ein kollektives Missverständnis (...) Schule ist
ein System der Erzeugung von Differenz und nicht von Gleichheit." 1
Die "conditio humana" kennt keine Gleichheit. Menschen kommen unterschiedlich
auf die Welt. Wer völlige Chancengleichheit will, müsste sie entmündigen. Beim
Start in die Bildungslaufbahn sollten -abgesehen von den Genen - alle die
gleichen Chancen haben, gleiche Zielchancen kann es aber nicht geben. So äußert
sich auch der Begabungsforscher Christopher Jencks, dessen Klassiker von 1972
"Inequality" betitelt ist (und der in Deutschland bezeichnenderweise unter dem
Titel "Chancengleichheit" auf den Markt kam). Bereits bei Jencks findet sich
auch die Feststellung: Chancengleichheit durch Bildung sei eine Illusion, denn
selbst wenn Bildung am Ende gleichmäßig verteilt wäre, würden doch andere
Unterschiede durchschlagen: familiäre Förderung, Begabung usw. Was den Faktor
Begabung betrifft, so mag es heute politisch nicht mehr korrekt sein, davon zu
sprechen. In manchen Diskussionen ist aus Begabung eine "vermeintliche Begabung"
geworden. Wissenschaftlich haltbar ist eine solche Diktion nicht. Denn die
Forschung hat seit mehreren Jahrzehnten eindeutig nachgewiesen, dass 70 Prozent
des kognitiven Potentials durch Erbfaktoren bestimmt sind.
Gerechtigkeits-Rhetorik
Gerade in Wahlkampfzeiten haben Bindestrich-Gerechtigkeiten Konjunktur: etwa
Generationen-, Geschlechter-, Umwelt-, Leistungs-, Renten-, Einkommens- oder
Verteilungs-Gerechtigkeit. In diesem Katalog nimmt die so genannte
Bildungsgerechtigkeit seit etwa 2001 eine prominente Stellung ein. Obgleich der
Zusammenhang zwischen Schulleistung und sozialer Herkunft keine neue Einsicht
ist, erheben in der Folge manche Bildungspolitiker und Bildungsforscher - da es
angeblich gerechter ist - die Forderung nach einem egalisierenden Bildungswesen.
Was dabei unter dem Titel "Gerechtigkeit" implizit und explizit mit aufgelegt
wird, mutet wie eine Verschwörungstheorie an: Akademiker würden Kinder von
Nicht-Akademikern von höherer Bildung ausschließen und von höheren
Bildungsabschlüssen abhalten wollen. Vertreter der oberen Dienstklassen hätten
Angst vor einer nivellierenden Masse und legten deshalb Wert auf Exklusivität,
auf Privilegienhierarchien, auf Status- und Kultur-Reproduktion, auf einen
ausgrenzenden bürgerlichen Bildungskanon sowie auf die Monopolisierung
spezieller materieller und kultureller Güter. Es wird zudem behauptet, PISA habe
bewiesen, dass Bildung vom Geldbeutel der Eltern abhänge. Dabei hat PISA das
Einkommen der Eltern gar nicht erfassen können, sondern nur das Vorhandensein
"kultureller Besitztümer" (gemeint sind vor allem Bücher).
In solcher Rhetorik schwingt ein gewisser antibürgerlicher Affekt mit, der
sich aus der Tatsache speist, dass Heranwachsende nun einmal einen Vorsprung
haben, wenn sie über Distinktion, Lebensstil, Habitus und Bildungsehrgeiz
verfügen. Hier wird gelegentlich sogar das Evangelium bemüht - konkret der so
genannte Matthäus-Effekt: "Wer hat, dem wird gegeben. Wer aber nicht hat, vom
dem wird genommen." Dass in der Bildung niemandem etwas genommen wird und - so
er es denn hat - genommen werden kann, scheint dabei keine Rolle zu spielen.
Absolute Gerechtigkeit bleibt auch in Fragen von Erziehung und Bildung ein
irrationales (metaphysisches) Ideal. In der Bildung kann es keine egalisierende
Gerechtigkeit im Sinne eines "Jedem das Gleiche" geben, weil Individualität
damit blockiert würde. Überhaupt geht es in der Bildung nicht um
Verteilungsgerechtigkeit im Sinne von Chancenverteilung, sondern um
Chancennutzung. Aber Chancen sind keine Garantien. Zu konkreten Optionen werden
sie erst durch eigene Anstrengung. Die Menschen müssen Agenten ihrer eigenen
Interessen sein können. Die Motivation dazu ist freilich zum Teil wiederum eine
Frage der Schichtzugehörigkeit und der Bildung. Der Soziologe Pierre Bourdieu
hat dazu festgestellt: Selbst bei einer Inflation an höheren Bildungsabschlüssen
bleiben traditionelle Privilegien bessergestellter Familien erhalten
("Bildungsparadoxon"). Auch eine Studie von 2007 zeigt, dass sogar eine
Korrelation zwischen den Bildungsabschlüssen der Großeltern- und der
Kindergeneration besteht. Das heißt: Viele Bildungsaufstiege sind über die
Generationen hinweg nicht nachhaltig. 2 Da Bildung per se kein
knappes Gut ist, kann sie nicht den einen genommen und den anderen gegeben
werden. Es ist zudem nicht vertretbar, die Chancen bestimmter Gruppen zu
verbessern, indem man andere Gruppen bremst. Aus diesem Grund verbieten sich
übrigens auch Quotierungen.
Zugleich gilt: Vermeintliche Gleichheit könnte allenfalls durch Absenkung des
Anspruchsniveaus erzielt werden. Wer aber die Ansprüche senkt, der bindet gerade
junge Menschen aus schwierigen Milieus in ihren "eingeschränkten Codes" fest.
Derartige Gleichmacherei würde nur zu einer gefühlten Gerechtigkeit führen, nach
dem Motto: Was nicht alle können, darf keiner können.
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat dazu
Bedenkenswertes festgestellt: Die Politik der Chancengleichheit erhöhe massiv
den bürokratischen Aufwand, und sie sei zugleich illusionär, weil kein
Bildungssystem imstande sei, Chancen nach Begabung und Leistung gerecht zu
verteilen. Der Staat müsste, falls Chancengleichheit hergestellt werden solle,
Chancen zuweisen und so Freiheiten beschneiden. Das Ergebnis wäre nicht mehr
Gerechtigkeit für alle, sondern nur eine andere Verteilung mit neuen
Benachteiligungen. Es gebe überhaupt nie gleiche Chancen, weil die Talente
verschieden seien und die Ressourcen der Bildung sowohl genutzt als auch
verpasst werden könnten. 3
Schiefe internationale Vergleiche
Zur Frage sozialer Ungleichheiten im Bereich Bildung ist in PISA 2000 im
internationalen Vergleich nachzulesen: "Es gelingt keinem Teilnehmerland,
Schülerleistungen von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler zu
entkoppeln (...) Die disparitätserzeugenden Effekte von familiären
Strukturmerkmalen werden überwiegend durch die kulturelle Praxis von Familien
vermittelt." Auch 2006 erreichten Schüler aus Familien mit höherem
sozioökonomischem Status tendenziell bessere PISA-Kompetenzwerte. Dieser
Zusammenhang sei besonders eng in Tschechien, Luxemburg, Frankreich,
Großbritannien, den Niederlanden und Belgien, besonders gering in Kanada,
Mexiko, Island, Finnland, Korea und Japan. Deutschland liegt hier im
OECD-Mittelfeld. Am ausgeprägtesten ist die soziale Selektivität des
Bildungswesens in Ländern mit flächendeckendem öffentlichem Einheitsschulsystem
und kostspieligen Privatschulen. In Japan schicken zwei Drittel der Eltern ihre
Kinder auf eine private Nachhilfeschule, oder sie heuern einen Privatlehrer an.
In England, Frankreich und in den USA geben Eltern ihre Kinder auf eine
Privatschule, sofern sie sich die zehn- bis dreißigtausend Euro Schulgeld pro
Kind und Jahr leisten können.
Allein vor diesem Hintergrund trifft die Behauptung nicht zu, ein
gegliedertes Schulwesen wie in Deutschland sei ein sozial besonders selektives
Schulwesen. Soziale Selektivität gibt es eben in allen nationalen Schulsystemen.
Dort, wo es sie auf dem Papier nicht gibt, werden Studienberechtigungen nahezu
flächendeckend vergeben. Viele internationale Vergleiche der "Abitur- und
Akademikerquoten" sind statistische Artefakte, denen - nach dem Prinzip
"upgrading of certificates and downgrading of skills" - eine Gleichsetzung von
Quote mit Qualität zugrunde liegt. Statistische Artefakte sind auch die Angaben
über die so genannte "soziale Durchlässigkeit". Wenn zum Beispiel die Tochter
eines finnischen Hafenarbeiters Krankenschwester wird, gilt sie - da mit
Hochschulstempel ausgestattet - als Beleg für die ausgeprägte soziale
Durchlässigkeit des dortigen Schulwesens; wenn in Deutschland die Tochter eines
Fließbandarbeiters Krankenschwester wird, gilt sie - da ohne Hochschulstempel -
als Beleg für die mangelnde soziale Durchlässigkeit des deutschen
Bildungswesens.
Frankreich mag mit einer 80-prozentigen "Abitur"-Quote als besonders sozial
durchlässig wahrgenommen werden. Staatspräsident Nikolas Sarkozy sieht das
jedoch anders: Aus dem "collège unique" sei ein "collège inique" geworden. (Aus
dem einheitlichen Collège sei ein ungerechtes Collège geworden.) Hintergrund für
seine Klage ist die Tatsache, dass in Frankreich 65 Prozent der Studierenden ihr
Studium abbrechen. Eine Quotenpolitik kann also nicht die Lösung sein. Denn dann
müssten Frankreich mit 80 Prozent baccalauréat général und Italien mit 80
Prozent maturità viel reicher sein als Deutschland, das laut Statistischem
Bundesamt eine Studienberechtigtenquote von 43Prozent hat (Stand: 2006).
Zugleich müsste die Schweiz mit einer gymnasialen Maturitätsquote von knapp 20
Prozent und einer Berufsmaturitätsquote von 12 Prozent (vergleichbar mit
FH-Reife) ein ärmeres Land als Deutschland sein. Ein wichtiges sozialpolitisches
Kriterium wird ebenfalls häufig übersehen, nämlich das Ausmaß an
Jugendarbeitslosigkeit. Hier haben oft sogar PISA-Vorzeigeländer mit
Gesamtschulsystemen eine Quote von um die 20 Prozent - Finnland und Schweden
etwa. In Ländern mit gegliederten Schulsystemen und dualer Berufsbildung dagegen
sind es um oder unter zehn Prozent: in Deutschland, in Österreich und in der
Schweiz.
Bildungsexpansion durch ein differenziertes Schulwesen
Chancengleichheit ist über das Bildungswesen nicht herstellbar. Daran ändert
kein PISA-Schock etwas. Auch der so genannte Sputnik-Schock von 1957 hat in den
USA trotz größter Anstrengungen nicht zu einer weitreichenden und nachhaltigen
Mobilisierung von "Begabungsreserven" geführt. Falsch ist auch die Behauptung,
durch die Integrierte Gesamtschule könne ein sozialer Ausgleich stattfinden. In
einer Langzeitstudie von 2008 wurde nachgewiesen, dass der Besuch einer
Gesamtschule keineswegs verbesserte soziale Aufstiegsmöglichkeiten schafft.
Unabhängig von der besuchten Schulform zeigte sich zugleich, dass 25 Prozent der
damaligen Neuntklässler zu höheren Abschlüssen gekommen sind, als es das
Abschlussziel der zunächst besuchten Schulform war. 4
Es gibt also keinen Abschluss ohne Anschluss. Zugleich bleibt für die
vergangenen drei Jahrzehnte für Deutschland festzuhalten: Durch die Verlängerung
der Pflichtschulzeit, durch mehr Beteiligung in höheren Bildungsgängen sowie
durch sehr viele Schulgründungen gab es vielerlei positive Effekte, die den so
genannten bildungsfernen Schichten zugute kamen. Wenn das deutsche Gymnasium
immer nur die eigene Klientel reproduziert hätte, wie es manche Kritiker
behaupten, dann hätte sich die Zahl der Gymnasiasten im gegliederten Schulwesen
binnen 20 Jahren (von 1960 bis 1980) nicht um 150 Prozent erhöhen können. All
dies sind Leistungen des herkömmlichen, gegliederten Schulwesens. Insgesamt gibt
es in der Bundesrepublik heute rund 60 verschiedene Wege zu einer
Hochschulreife. Die Anzahl der Hochschulen hat sich in 30 Jahren (von 1960 bis
1990) fast verdoppelt, die der Studentinnen und Studenten sogar versechsfacht.
5
Jedenfalls haben wir in Deutschland in den vergangenen Jahren eine eindeutige
Entkoppelung von besuchter Schulform einerseits und dem höchsten formal
erreichten Bildungsabschluss andererseits. Das heißt: Der Anteil der
Studienanfänger, die nicht über den herkömmlichen Weg des Gymnasiums an die
Hochschule kommen, ist immer größer geworden. In manchen Bundesländern hat er 50
Prozent überschritten und selbst in Bayern liegt er bei 44 Prozent. Nutznießer
dieser Entwicklung sind vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten (kaum
jedoch von Migranten). Gerade das berufsbildende Schulwesen in Deutschland
bietet hier im Sinne vertikaler Durchlässigkeit nicht nur qualifizierte
Ausbildung, sondern in erheblichem Maße Aufstiegsbildung. Allerdings findet
trotz dieser Optionen oft immer noch eine Selbstselektion statt. Arbeiterkinder
studieren, selbst wenn sie Abitur haben, zu einem geringeren Anteil als Kinder
aus anderen Familien.
Eine gerechte Schule ist eine Schule der Leistung
Zum Leistungsprinzip in der Schule gibt es keine gerechte Alternative. Wer es
untergräbt, setzt zugleich eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien
außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel, Gesinnung,
Geschlecht oder dergleichen die maßgeblichen Kriterien zur Positionierung eines
Menschen im Gemeinwesen. Freie Gesellschaften haben an deren Stelle das
Kriterium Leistung vor Erfolg und Aufstieg gesetzt: ein revolutionärer
Fortschritt und die große Chance zur Emanzipation für jeden Einzelnen und jede
Einzelne!
Auch Sozialstaatlichkeit ist nur mit dem Leistungsprinzip möglich. Ein
simpler Beweis hierfür ist die Tatsache, dass 20 Prozent der besonders
Leistungsfähigen für 70 Prozent des Steueraufkommens sorgen. Deshalb kann das
Sozialprinzip auch nicht über das Leistungsprinzip gestellt werden, da es kein
Leistungssubstitut ist. Das Sozialstaatsprinzip ist allerdings ein ethisch
gebotenes, dem Leistungsprinzip immanentes Korrektiv. Verschiedenheit ist keine
Ungerechtigkeit. Vielmehr ist nichts so ungerecht wie die gleiche Behandlung
Ungleicher. Nur in totalitären Organisationen gibt es die eine, zeitlose
Gerechtigkeit als Ausdruck einer - totalitären - Glückverheißung. Kinder und
Jugendliche brauchen ein möglichst individuelles Anspruchs- und
Herausforderungsniveau. Ein Einheitsanspruch aber würde individuelle
Anstrengungsbereitschaft und Eigeninitiative bremsen.
Was noch notwendig und möglich ist
Eine freiheitliche Gesellschaft muss mit Unterschieden leben. Soziale
Unterschiede werden durch das Prinzip Solidarität abgepuffert. Es kann aber kein
einklagbares Recht auf einen bestimmten Bildungsabschluss geben. Natürlich gibt
es ein moralisches Recht auf Bildung. Damit muss freilich eine moralische
Pflicht zur Bildung korrespondieren. Bildung und Wissen sind heute frei
verfügbare Güter; Wissen hat zuletzt durch die neuen Medien (bei aller
Problematik ihres Angebotsspektrums) eine Demokratisierung ohnegleichen
erfahren. Bildung ist insofern kein Privileg mehr von wenigen. Man kann
Bildungsabschlüsse jedoch nicht planwirtschaftlich-inflationär vergeben, und man
kann niemanden zu echter Bildung zwingen. Bildungsbereitschaft staatlich
anzuordnen wäre totalitär. Es kann also nur um Hilfe zur Selbsthilfe gehen und
um eine Rückbesinnung darauf, dass die erste Bildungsverantwortung in der
Familie liegt. Der Staat hat hinsichtlich des Bildungsangebots eine Bringschuld,
die Eltern und ihre Kinder aber haben eine Holschuld. Wichtig ist es auch
anzuerkennen, dass Fördern und Auslese zusammengehören. Leistung und Auslese
sind zwei Seiten derselben Medaille. Auslese ist eine notwendige Voraussetzung
für individuelle Förderung. Die antithetische Formel "Fördern statt Auslese" ist
falsch. Es muss heißen: Fördern durch Differenzierung!
Eine Optimierung des Bildungsangebots im Interesse der sozial schwächeren
Klientel ist gleichwohl möglich und ein Gebot der Fairness. Die Erziehungs- und
Bildungsberatung muss in den Risiko-Populationen intensiviert werden. Damit kann
ein Beitrag gegen die Selbstselektion dieser Familien geleistet werden. Vor
allem muss es mehr als bisher gelingen, Angehörige bildungsferner Schichten im
Falle eines entsprechenden Leistungsvermögens ihrer Kinder zum Besuch
weiterführender Bildungseinrichtungen zu motivieren. Des Weiteren müssen dem
Kindergarten und der Vorschule mehr Bedeutung beigemessen werden. Ohne die
institutionalisierte frühkindliche Förderung überschätzen zu wollen - es ist
notwendig, dass der (kostenfreie) Besuch des Kindergartens stärker auf Bildung
als auf Betreuung ausgerichtet wird. Gerade für Kinder aus sozial schwächeren
Elternhäusern ist ferner eine rechtzeitige Einschulung notwendig. Würden diese
Kinder zu lange von der Schule zurückgestellt, blieben ihnen in prägenden Phasen
wichtige Anregungen vorenthalten. Darüber hinaus sollten Schulen mit besonderen
sozialen Problemlagen bevorzugt für die Jugendsozialarbeit geöffnet und als
Ganztagsschulen betrieben werden. Für Risikoschüler, die im ersten "Anlauf" zu
keinem Schulabschluss gekommen sind, sollte es außerdem die Chance eines zweiten
"Anlaufs" geben.
Da Bildungsarmut vor allem männlich und multiethnisch geprägt ist, bedarf es
schließlich speziell für diese Klientel zusätzlicher schulischer, vor allem
sprachlicher Fördermaßnahmen. Notwendig ist aber auch eine Ordnungspolitik, die
sanften Druck auf Eltern ausübt, damit ihre Kinder das vorhandene
Bildungsangebot tatsächlich wahrnehmen. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister
Heinz Buschkowsky (SPD) lag in dieser Hinsicht wohl nicht ganz falsch (und das
gilt auch für so manches deutsche Elternhaus), als er im Sommer 2007 mit Blick
auf Schulschwänzer mit Migrationshintergrund das Streichen von Kindergeld
vorschlug: "Wenn ein Vater merkt, dass ihm 300 Euro fehlen, wenn Ayse und Murat
nicht zur Schule gehen, haben die das letzte Mal geschwänzt."
Zum Schluss: Auch in der Bildungs- und Sozialpolitik sollte wieder vermehrt
das Subsidiaritätsprinzip gelten. Die Bürger müssen die ihnen gebotenen Chancen
eigenverantwortlich nutzen, bevor der Staat eingreift. Darüber hinaus sind - so
ein Postulat von John Rawls - soziale Ungleichheiten so zu gestalten, dass sie
jedermanns Vorteil dienen. 6 Insofern kann Ungleichheit
gerecht sein - nämlich dann, wenn das Handeln von Eliten zu einem Mehrwert
führt. Auch aus diesem Grund dürfen die Stärkeren nicht gebremst werden, denn
man macht die Schwächeren nicht stärker, indem man die Stärkeren schwächt. Den
Mitgliedern einer Gesellschaft, auch den gutsituierten, ist eine Kultur des
Respekts gegenüber jedermann abzuverlangen - auch gegenüber den Klienten des
Sozialstaates. 7 Der Mensch beginnt
schließlich nicht erst mit Abitur ein Mensch zu sein.
1 In: Frankfurter Allgemeine
Zeitung (FAZ), vom 16.9. 2008.
2 Vgl. Pierre
Bourdieu/Jean-Claude Passeron, Die Illusion der Chancengleichheit, Stuttgart
1971; diess., Die verborgenen Mechanismen der Macht, Hamburg 1997; Marek
Fuchs/Michaela Sixt, Zur Nachhaltigkeit von Bildungsaufstiegen, in: Kölner
Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 59 (2007) 1, S.
1-29.
3 Vgl. Friedrich A. von Hayek, Die Verfassung
der Freiheit, Tübingen 1971; ders., Illusion der sozialen Gerechtigkeit,
Landsberg 1981.
4 Vgl. Helmut Fend u.a., LifE -
Lebensläufe ins frühe Erwachsenenalter, Wiesbaden 2008.
5 1960: 131 Hochschulen/0,29 Millionen Studierende; 1990:
248/1,58 Millionen; heute: 360/2,26 Millionen. Vgl. Bundesminister für Bildung
und Wissenschaft (Hrsg.), Grund- und Strukturdaten 1974; Bundesministerium für
Bildung und Forschung (Hrsg.), Grund- und Strukturdaten 2003/2004; dies.
(Hrsg.), Grund- und Strukturdaten 2007/2008, in:
http://gus.his.de/gus/download.html (10.11. 2008).
6
Vgl. John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1975.
7 Vgl. Richard Sennett, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit,
Berlin 2002; ders., Handwerk, Berlin 2007.
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