DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus "BILD" vom 23. November 2004


PISA II: Darum sind unsere Schüler so schlecht

7 Thesen über unser Bildungssystem

Von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


  • Die Lehrer haben keine Autorität

In vielen Schulklassen fehlt die Disziplin zum Lernen. Der Grund: Manche Lehrer haben Angst vor der eigenen Autorität, können sich gegen randalierende Schüler kaum noch durchsetzen. Viele Lehrer haben resigniert und sind, auch unter dem Druck der Eltern, zur Gefälligkeitspädagogik übergegangen.

  • Eltern haben das Erziehen verlernt
Viele Eltern fühlen sich mit der Erziehung ihrer Kinder völlig überfordert oder lassen die Erziehung aus Bequemlichkeit ganz sein. Die Schüler werden sich selbst überlassen, lernen keine Grenzen mehr kennen. Kommt es zu Konflikten, wird das Problem auf die Lehrer abgewälzt. Die Schule wird zum Reparaturbetrieb der Gesellschaft. Für das reine Lernen bleibt immer weniger Platz.
  • Politiker reden viel, handeln aber zuwenig
Trotz der alarmierenden Ergebnisse der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 und trotz mancher Anstrengungen ist bisher noch zuwenig geschehen. Wir brauchen zum Beispiel dringend zentrale Prüfungen für Haupt-, Real- und Abiturabschlüsse in allen Bundesländern. Viele Länder sperren sich noch dagegen. Auch ein verbindlicher „Bildungskanon“ fehlt, der festlegt, was ein Schüler gelesen und gelernt haben muß, ehe er in die Berufswelt entlassen wird. Das kann nur die Politik leisten!
  • Unis predigen weiter „Spaßpädagogik"
Bei manchen Erziehungswissenschaftlern herrscht noch immer der Geist der 68er: Eltern, Lehrern und Politikern wird seit Jahrzehnten vorgegaukelt, „Spaßpädagogik“ könne die Erziehung zu Leistung und Disziplin ersetzen. Aber Unterricht kann und darf nicht mit Computerspielen und Musikvideos konkurrieren.
  • Bildungsmaßstäbe werden zurückgeschraubt
Statt Leistung zu belohnen und faule Schüler konsequent anzupacken, schrauben Bildungspolitiker bundesweit die Bildungsstandards immer weiter zurück. Beispiel: Vor 15 Jahren mußten Grundschüler bis zur 4. Klasse 1100 Wörter schreiben lernen. Heute liegt der verlangte „Grundwortschatz“ in den meisten Bundesländern bei 700 Wörtern. Das gleiche an weiterführenden Schulen: Statt ganze Bücher zu lesen oder Aufsätze zu schreiben, müssen Schüler für Prüfungen nur kopierte Textauszüge bearbeiten oder „Lückentexte“ ausfüllen. So erzieht man Kinder zur Bequemlichkeit.
  • Viele Schüler sprechen kaum noch Deutsch
In vielen Schulklassen drücken Ausländerkinder mit zu geringen Sprachkenntnissen das Leistungsniveau. Dieses Problem kann Schule allein nicht lösen. Die Politik muß klar vorgeben: Wer eine deutsche Schule besucht, muß Deutsch können. Das müssen auch ausländische Eltern verstehen, die mit ihren Kindern zu Hause lieber Türkisch oder Russisch sprechen, statt ihnen die deutsche Sprache beizubringen oder sie in Sprachkurse zu schicken.
  • Bildung muß sich lohnen
Wir brauchen ein Umdenken bei den Werten unserer Gesellschaft: Bildung muß wieder ein wertvolles Gut werden, in das unsere Gesellschaft Geld und Anerkennung, der einzelne aber auch Anstrengung investiert. Lehrer dürfen nicht länger als unterbezahlte Witzfiguren für Politiker und Eltern mißbraucht werden. Nur so können wir wieder mehr fähige und selbstbewußte Nachwuchslehrer gewinnen.
© 2004 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang