DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Kolumne aus dem "Handelsblatt" vom 15. August 2008

Gerecht oder ungerecht?

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Innerhalb der gängigen Gerechtigkeitsrhetorik nimmt seit kurzem die sogenannte Bildungsgerechtigkeit ein prominente Stellung ein. "Progressive" Bildungspolitiker behaupten nämlich, das deutsche Schulwesen sei ungerecht wie kein zweites. Die Zielrichtung ist klar: Dieses Schulwesen müsse durch ein - so meint man - gerechteres Gesamtschulsystem ersetzt werden.

Gewiss gibt es kein perfektes Bildungswesen. Es gibt weltweit aber auch kaum eines, das so viele Chancen bietet wie das deutsche. Belege dafür sind die vergleichsweise niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland; die Vielfalt des beruflichen Bildungswesens; die mehr als 60 Weg zur Hochschulreife (darunter viele, die über die berufliche Bildung führen).

Manche Ideologen wollen das nicht wahrhaben, sie meinen, für ihre Theorie der Ungerechtigkeit aus Pisa Honig saugen zu können. Das aber ist unzulässig. Denn Pisa untersucht Fünfzehnjährige, stellt für dieses Alter je nach Sozialschicht den Gymnasiastenanteil fest, berücksichtigt aber nicht, welchen Bildungsabschluss die Pisa-Getesteten später tatsächlich machen. Fakt jedoch ist: Fast 50 Prozent der Studienberechtigten kommen nicht aus dem Gymnasium.

Statistische Artefakte sind auch die Angaben über die soziale Durchlässigkeit anderer Systeme. Beispiel: Wenn die Tochter eines finnischen Arbeiters Krankenschwester wird, dann gilt sie als Beleg für die soziale Durchlässigkeit des dortigen Schulwesens; wenn in Deutschland eine Arbeitertochter Krankenschwester wird, dann gilt sie als Beleg für die mangelnde soziale Durchlässigkeit des deutschen Bildungswesens. Hintergrund: In Finnland trägt dieser Abschluss einen Hochschulstempel, in Deutschland nicht.

So kommen gefühlte Ungerechtigkeiten zustande! Dabei gibt es nichts Ungerechteres als die gleiche Behandlung Ungleicher. Egalitäre Schulpolitik jedenfalls erzielt vermeintliche Gleichheit nur durch Absenkung des Anspruchsniveaus. Wer aber die Ansprüche senkt, der bindet gerade junge Menschen aus schwierigen Milieus in ihren "restringierten Codes" fest.


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