DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Interview aus der "Schwäbischen Zeitung"  vom 14. Juni 2008

"Schule ist nicht der Libero der Nation"


Schwäbische Zeitung:
Der zweite nationale Bildungsbericht liegt vor, Bundeskanzlerin Angela Merkel will reagieren und nach einer Bildungsreise einen Bildungsgipfel einberufen: Ist die Lage so schlimm?

Kraus: Es stimmt sicherlich, dass es viele Baustellen gibt, die uns noch lange erhalten bleiben werden. Hektik bringt aber in der Schulpolitik nichts. Auch die Kanzlerin wird uns nicht helfen können.

Schwäbische Zeitung:  Warum nicht?

Kraus: Ich habe schon unter Helmut Kohl Bildungsgipfel erlebt. Das war Ankündigungspolitik, das waren Schaukämpfe von 40 oder 50 Beteiligten. Vom Bund erwarte ich auch deshalb nichts, weil er nach der Föderalismusreform von 2006 gar nichts mehr in der Schulpolitik zu sagen hat.

Schwäbische Zeitung: Ist die föderale Struktur nun Hindernis oder Vorteil in der Bildungspolitik?

Kraus: Ich bin ein überzeugter Föderalist. Dieser hat uns in Bayern oder
in Baden-Württemberg davor bewahrt, Verhältnisse wie in Bremen oder Berlin zu bekommen. Allerdings hat die Kultusministerkonferenz in den vergangenen Jahren mehrfach gesündigt. Der Föderalismus sollte mehr Wettbewerb ausleben dürfen. Das Gegenteil war der Fall.

Schwäbische Zeitung:  Können sie dafür Beispiele benennen?

Kraus: Es wurden häufig Vereinbarungen nach dem Geleitzugsprinzip getroffen, ausgerichtet am langsamsten Fahrzeug. Das war in der Regel Hamburg. Es wurden windelweiche Kompromisse gefunden. Und die Politik hat so getan, als könnte die Schule den Ausputzer der Nation spielen. Das funktioniert nicht. Es ist geradezu paradox, dass von der Tendenz her die Erziehung, ich sage es überspitzt, verstaatlicht und die Bildung privatisiert wird. So steht es nicht im Grundgesetz.

Schwäbische Zeitung:  Nach dem jüngsten Bildungsbericht ist sofort wieder eine Diskussion um die Hauptschule entflammt. Hat diese Schulform eine Zukunft?

Kraus: Natürlich. Wenn aus den Erkenntnissen abgeleitet wird, dass die Hauptschule weg muss, dann ist das Quatsch. Die Probleme vieler Jugendlicher aus Migrantenfamilien, aus zerbrochenen Familien, aus sozial schwachen Familien haben doch nichts mit dem Schultyp zu tun.

Schwäbische Zeitung:  Was ist dann zu ändern?

Kraus: Wir Deutschen neigen dazu, manche Dinge fast schon masochistisch zu sehen. Das war nach der ersten Pisa-Studie der Fall. Heute können wir feststellen, dass sich vieles verbessert hat. Schule muss sich natürlich wandeln, aber Schulen sollten auch Verlässlichkeit ausstrahlen. Wir dürfen die jungen Menschen nicht als Versuchskaninchen behandeln, die meisten haben nur eine Bildungsbiografie. Das erfordert eher Sensibilität denn Aktionismus.

Schwäbische Zeitung: 
Wie stellen Sie sich aber zu dem Befund, dass Hauptschüler so schwer einen Ausbildungsplatz finden?

Kraus: Mich macht erst einmal grantig, dass zwei Drittel der
ausbildungsfähigen Betriebe nicht ausbilden. Die Wirtschaft, das Handwerk, ich sage es jetzt mal pathetisch, sollten erst einmal ihrer patriotischen Pflicht nachkommen, mehr Plätze anzubieten als nur auf die Hauptschule herabzublicken. Zumindest in Ländern wie Bayern oder Baden-Württemberg zeigen sich ja auch die Stärken unseres dualen Systems, das vielen Jugendlichen eine zweite Qualifizierungschance bietet. Diese Abschlüsse werden im übrigen auch im internationalen Vergleich falsch eingeschätzt.

Schwäbische Zeitung:
Stellen Sie generell die Aussagen der Studien in Frage?

Kraus: Nein, die haben uns wertvolle Denkanstöße geliefert. Aber es darf auch nicht sein, dass Schule und Bildung nur noch unter den Blickwinkeln verwertbar, nützlich und messbar betrachtet werden. Da diktiert mir die Wirtschaft viel zu sehr die Inhalte. Gingen wir völlig darauf ein, bekämen wir eine dekultivierte Schule.

Schwäbische Zeitung:  Aber der Ruf nach Reformen wird nicht verstummen. Welches Tempo schlagen Sie vor?

Kraus: Bei überschaubaren Fragestellungen, nehmen wir als Beispiel das
Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen, benötigt man einen kompletten Oberstufenjahrgang zum Übergang. Sie haben es schneller versucht, jetzt ist der Streit da. Große Umstrukturierungen wie das G8-Gymnasium in Bayern erfordern noch mehr Zeit, sonst erhalten wir eine Dauerbaustelle. Im vierten Jahr steht jetzt in Bayern die vierte Änderung der Stundentafeln bevor. So kehrt nie Ruhe in die Schulen ein.


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