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DEUTSCHER
LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus "freiheit der wissenschaft" - Heft Nr. 1 - März 2003
PISA zwischen Transparenz und Propaganda
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Es war nur ein Zufall,
daß die neuesten PISA-Interpretationen an den Karnevalstagen 2003 in
die Öffentlichkeit gelangten. Ein etwas schräger Eindruck bleibt
dennoch - schräg, was die Veröffentlichungspraxis des verantwortlichen
Instituts, und schräg, was die Darstellungen gewisser Presseorgane betrifft.
Da werden im Jahr 2000 über 48.000 Schüler aus 1.479 deutschen
Schulen getestet. Und selbst Anfang 2003 sind im mittlerweile dritten PISA-Band
immer noch nicht alle relevanten Daten veröffentlicht. Gewiß war
es Ende 2001 interessant gewesen zu erfahren, daß die Deutschen international
nur zwischen dem mittleren und dem hinteren PISA-Drittel rangieren; noch
aufschlußreicher - für manche zu aufschlußreich - war es,
im Frühsommer 2002 davon Kenntnis zu erhalten, daß es innerhalb
Deutschlands schulformübergreifend und gymnasial ein erhebliches Süd-Nord-Gefälle
in der Schulleistung gibt.
Nun, Anfang 2003, hätte man erwarten können, daß nach dreijähriger
Auswertung und nach Offenlegung der Daten der an PISA 2000 beteiligten 400
Gymnasien auch die Daten der mehr als 1.000 nichtgymnasialen Schulen veröffentlicht
würden. Aber nichts davon: Man sucht auf den 400 Seiten des aktuellen
PISA-Bandes des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) vergeblich
nach den Ergebnissen der 293 beteiligten Hauptschulen, der 339 Realschulen,
der 178 Integrierten Gesamtschulen und der 246 Schulen mit mehreren Bildungsgängen.
Die für reichlich Verzögerung verantwortlichen Wahltermine des
22. September 2002 und des 2. Februar 2003 haben anscheinend da noch ihre
Spuren hinterlassen.
Warum diese Zurückhaltung und diese Häppchen-Taktik? Vermutlich weil sich in PISA 2000 das wiederholte,
was man aus den Leistungsstudien eben dieses Instituts seit Ende der 60er
Jahre weiß, nämlich daß die Gesamtschule sogar bei vergleichbarer
Schülerpopulation nicht nur erheblich hinter dem Gymnasium, sondern
auch deutlich hinter der Realschule rangiert und trotz luxuriöser Personalausstattung
gerade eben vor der Hauptschule liegt. Sowohl die "Third International Mathematics
and Science Study" (TIMSS) wie auch die Studie "Bildungsverläufe und
psychosoziale Entwicklung im Jugendalter" (BIJU) sprechen hier eine eindeutige
Sprache. PISA 2000 hat diesen Befund mit Sicherheit repliziert. Aber das
MPIB mußte diesen erneuten diagnostischen GAU rot-grüner Schulpolitik
zurückhalten. Statt dessen gefallen sich die Diagnostiker und ihre Herolde
in Sprüchen von der "sozialen Disparität" des gegliederten Schulwesens.
Dabei wissen wir: Die Süddeutschen mit ihrem gegliederten Schulwesen
haben nicht nur die insgesamt leistungsstärkeren Schulsysteme Deutschlands,
sondern es gelingt ihnen auch besser als den anderen Bundesländern,
Schüler mit sog. Migrationshintergrund zu integrieren. Ausländerkinder
in Bayern beispielsweise erzielen bessere PISA-Ergebnisse als deutsche Kinder
in Brandenburg.
Eine Veröffentlichung
der Daten der Gesamtschulen hätte auch die Propaganda Lügen gestraft,
die einzelne Gesamtschulen, assistiert von "Spiegel" und dpa, im November
2002 in die Welt setzten. Es stimmt aber nicht, daß die Helene-Lange-Gesamtschule
in Wiesbaden und die Laborschule Bielefeld die deutschen Spitzenwerte erreicht
hätten. Nein, Bielefeld liegt, selbst bezogen auf NRW, gerade eben im
Mittelfeld, und Wiesbaden erreicht trotz eines Anteils von 55 Prozent gymnasialempfohlener
Schüler und trotz ausgeprägter Privilegien in der Schüleraufnahme
und in der Personalversorgung nicht einmal Werte, die für Spitzenpositionen
im Realschulbereich ausreichten. Viele Realschulen in Deutschland übertreffen
den Wert der Bielefelder um 60 PISA-Punkte, von den Gymnasien ganz zu schweigen.
Gleichwohl bleiben
die Künder der Gesamtschule-Theorie putzmunter. Abgehoben von allen
Leistungsbilanzen schwadronieren sie davon, daß PISA der Beweis für
das Versagen des "zergliederten" Schulsystems sei. Ansonsten wird der Lehrerschaft
der Schwarze Peter zugeschoben: Sie sei schuld, wenn Schüler für
ein und dasselbe Leistungsvermögen in Sachen PISA mal eine Zwei und
andernorts eine Fünf im Zeugnis stehen hätten. Klar! Aber es wird
nicht dazu gesagt, daß das vor allem mit den Rahmenbedingungen in den
16 Ländern zu tun hat. Schließlich hatten wir bereits mit TIMSS
den Befund, daß eine in NRW erteilte Zwei in Bayern oder Baden-Württemberg
eher eine Vier ist.
Das Institut mit dem
seriösen Namen Max Plancks wird nicht von sich aus Daten unterschlagen.
Aber vermutlich sieht sich das Institut seit 1968 unter dem Einfluß
SPD-regierter Länder immer wieder zu Opportunitätsüberlegungen
gezwungen. Als jüngstes Ergebnis solcher Überlegungen steht da
die Tatsache, daß das Institut soeben die Daten von mehr als 1.000
an der PISA-Testung beteiligten Schulen wieder nicht aufbereitet hat.
PISA bleibt aber trotz
aller Vernebelungsversuche ein wichtiger Impuls für die Schulpolitik:
für die einen als Mahnung, das Bewährte, das schulpolitische Tafelsilber
nicht zu verscherbeln, für die anderen als hoffentlich heilsamer Schock.
Was die immer noch durch die Lande wabernde Angst der Schulpolitik vor der
Wahrheit betrifft, so war PISA bislang kein Befreiungsschlag. Mit Blick auf
die Politik ist das in Grenzen nachvollziehbar. Wissenschaftler und Journalisten
aber müßten dem Grundsatz der Transparenz verpflichtet sein, sonst
verfestigt sich die Gefahr, daß die Auswertung der PISA-Veröffentlichungen
zur Propagandaveranstaltung verkommt.
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