DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der FAZ vom 6. Januar 1999 - Heike Schmoll

Die Berufsschule stärken

Das deutsche Bildungssystem muß sich in Europa bewähren

Auch wenn die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland noch zu hoch ist, im Vergleich zu anderen Staaten ist sie niedrig. Während in Deutschland im Jahr 1996 von den jungen Leuten unter 25 Jahren 8 Prozent arbeitslos waren, betrug die Quote in den Vereinigten Staaten 12, in Großbritannien 14,7, in Frankreich 26,3 und in Spanien 42 Prozent. Für eine vergleichsweise geringe Anzahl jugendlicher Arbeitsloser sorgt hierzulande auch das duale System. Das Berufsbildungssystem in Deutschland erleichtert den Übergang vom Bildungssystem ins Beschäftigungssystem erheblich. Etwa zwei Drittel der Jugendlichen finden den Einstieg in den Beruf über die berufliche Bildung. Angesichts neuerlicher Klagen über zu wenig Akademiker in Deutschland ist die berufliche Bildung zu Unrecht in den Hintergrund getreten. In einem Memorandum "Vorfahrt für berufliche Bildung" erinnert der Deutsche Lehrerverband (DL) daran, daß das Berufsbildungssystem eine tragende Säule des gesamten Bildungssystems und der Volkswirtschaft ist und warnt davor, das Bildungssystem vom Beschäftigungssystem zu trennen.

Einerseits kritisierten die Unternehmen die fortschreitende Akademisierung, andererseits stellten vor allem Großunternehmen immer weniger Lehrstellen zur Verfügung und holten sich statt dessen Berufsanfänger aus den Hochschulen selbst für Berufe, in denen kein Hochschulabschluß erforderlich wäre. Die Großunternehmen dürften sich nicht aus der Ausbildungsverantwortung zurückziehen und diese den kleinen und mittelständischen Betrieben überlassen, fordert der Lehrerverband und spricht sich für eine Stärkung der Ausbildungsleistung des Mittelstandes aus. Nur so könne auch der Anteil von 25 Prozent gesenkt werden, die ihre Ausbildung abbrechen. Für ungeeignet wird eine Ausbildungsabgabe nichtausbildender Betriebe erklärt. Sie sei nicht nur mit bürokratischem Aufwand verbunden, sondern führe auch dazu, daß sich manche Betriebe aus der Verantwortung für Ausbildung freikauften. Der Lehrerverband fordert daher auch eine finanzielle Stärkung der beruflichen Schulen.

Aufgewertet werden müsse die berufliche Bildung außerdem durch eine gezielte Bildungsberatung. Viele Schüler wissen offenbar nichts über den eigenständigen und durchaus erfolgversprechenden Weg eines beruflichen Bildungsganges. Auch in den allgemeinbildenden Schulen soll Schülern durch fächerübergreifenden Unterricht eine berufliche Orientierung erleichtert werden. In den allgemeinbildenden Schulen, so fordert der Verband, müsse aber auch die Ausgangsqualifikation dadurch verbessert werden, daß sie mit einem aussagekräftigen Zeugnis der abgebenden Schule ausgewiesen wird.

Den Klagen der ausbildenden Betriebe über veraltete Richtlinien in der beruflichen Bildung soll durch eine ständige Anpassung der Rahmenlehrpläne und Ausbildungsordnungen begegnet werden. Alle beruflichen Schulen sollen auch die von der Kultusministerkonferenz empfohlenen zwölf Wochenstunden mit Fremdsprachenunterricht sicherstellen. In einigen Ländern wird das dazu noch reduzierte Pensum von nur neun Stunden an einem Tag unterrichtet, was der Lehrerverband für völlig unpädagogisch hält. Manche Bundesländer planen auch, die Abschlußprüfung an beruflichen Vollzeitschulen ganz zu streichen. Damit würde freilich die Tendenz gefördert, den Abschluß einer Berufsschule als minderwertig gegenüber dem einer allgemeinbildenden Schule zu betrachten. Die Berufsschulen müßten gleichberechtigte Partner bei den Abschlußprüfungen im dualen System sein, fordern die Lehrer. Sie schlagen vor, die in Schule und Betrieb erbrachten Leistungen in die Abschlußqualifikation aufzunehmen. So könnten Prüfungsleistungen während der betrieblichen Ausbildung und Leistungen aus der Berufsschule drittelparitätisch in die Gesamtnote einbezogen werden. Das würde die Zeugnisse aufwerten und die Anstrengungsbereitschaft der Auszubildenden fördern, heißt es in dem Memorandum. Weil die Berufsschule unter ihrer heterogenen Schülerschaft leidet, soll es mehr Angebote für Behinderte und Benachteiligte, aber auch für besonders leistungsfähige Schüler geben.

Im europäischen Wettbewerb müsse das deutsche Berufsbildungssystem seine Stärken durch stetige Modernisierung beweisen. Das Zusammenwachsen Europas fordere bei der nachfolgenden Generation solide Kenntnisse der ökonomischen Rahmenbedingungen in anderen europäischen Ländern, der Institutionen und des europäischen Rechts. Eine Harmonisierung der Bildungspolitik der Mitgliedstaaten der Europäischen Union mit einer Angleichung der Berufsbildungssysteme könne kein sinnvolles Ziel europäischer Politik sein, heißt es in dem Text.

Doch zu einer Stärkung der Berufsschule gehören geeignete Lehrer. Bereits jetzt herrscht bei der Metalltechnik, Elektrotechnik und Bautechnik erheblicher Lehrermangel, der sich bis zum Jahr 2010 noch steigern wird. Denn unter den Lehramtsanwärtern interessieren sich wenigsten für die Berufsschule mit ihren Schülern von der Sonderschule bis zum Gymnasium. Das berufliche Lehramt ist so wenig attraktiv wie die Berufsschule in den Augen der meisten Eltern und Schüler; dabei könnte sie eher den Zugang zu einer qualifizierten Berufsausbildung öffnen als so manches Studium eines brotlosen Faches.


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