| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)- AKTUELL |
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 7. Januar 1999
BERUFLICHE BILDUNG/ Für das duale System gibt es keinen Ersatz
Vom Kopf auf die Füße
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Alle Jahre wieder wollen Bildungstheoretiker der OECD und ihre Künder in Bonn und Berlin glauben machen, Deutschland habe im Vergleich mit den USA und mit Japan zu wenig Akademiker. Welch ein Unsinn, rangiert doch manches, was in den USA und in Japan akademische Bildung heißt, unterhalb des Niveaus schulischer beruflicher Bildung in Deutschland! Eine weitere "Verhochschulung" des deutschen Bildungssystems wird jedenfalls den zukünftigen Herausforderungen nicht gerecht. Auch in Zukunft werden zwei Drittel der jungen Deutschen über die berufliche Bildung den Einstieg in den Beruf finden. Das scheinen viele Chronisten zu übersehen, die hundert Kolumnen über Gymnasium und Universität schreiben, ehe sie eine Kolumne über berufliche Bildung verfassen.
Dabei ist das Berufsbildungssystem in Deutschland integraler und bewährter Bestandteil der sozioökonomischen Grundlagen unseres Rechts- und Sozialstaates. Es leistet gerade als dual-kooperatives System im Miteinander zweier Lernorte den entscheidenden Beitrag zur beruflichen Qualifizierung sowie zur Sozialisation und gesellschaftlichen Integration der nachwachsenden Generation in das Gemeinwesen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist im internationalen Vergleich in Deutschland nicht zuletzt wegen des dualen Berufsbildungssystems gering. Während in Deutschland im Jahr 1996 von den jungen Leuten unter 25 Jahren 8.0 Prozent arbeitslos waren, betrug diese Quote beispielsweise in den USA 12.0, in Großbritannien 14.7, in Frankreich 26.3 und in Spanien 42.0 Prozent.
Diesen Vorsprung gilt es zu halten, ja mehr noch: auszubauen; nicht um des Vorsprungs willen, sondern der jungen Leute wegen. Deshalb sind vor dem Staat die Unternehmen gefordert. Einerseits warnen sie vor einer fortschreitenden Akademisierung, andererseits stellen vor allem Großunternehmen immer weniger Lehrstellen zur Verfügung. Viele Firmen holen sich die Berufsanfänger aus den Hochschulen - selbst in Berufen, in denen kein Hochschulabschluß erforderlich wäre. Sie steigern damit die Staatsquote im Bildungsbereich. Die bisweilen mangelhafte Vorqualifikation eines kleinen - und immer wieder bewußt überschätzten - Anteils von Lehrstellenbewerbern darf dabei nicht als Alibi benutzt werden, daß sich Betriebe aus der Ausbildungsverantwortung zurückziehen. Diese Verantwortung der Wirtschaft ist gesetzliche Verantwortung und "patriotische Pflicht".
Gänzlich ungeeignet für die Schaffung von mehr Lehrstellen wäre eine Finanzierung der beruflichen Bildung durch eine Ausbildungsabgabe nichtausbildender Betriebe. Eine solche Zwangsabgabe schafft erheblichen bürokratischen Aufwand, und ausbildungsabstinente Betriebe würden sich allzu leicht aus der Ausbildungsverantwortung freikaufen. Das Beispiel Frankreich mit seiner Ausbildungsabgabe und mit einer Arbeitslosenquote unter jungen Leuten von über 25 Prozent (in Deutschland acht Prozent) zeigt, daß sich dieses Instrument nicht bewährt hat.
Subsidiär sowie zumindest temporär und regionalspezifisch wären weitere Lösungen zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze zu unterstützen, soweit sie mit Prüfungen nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) abschließen. Dazu gehören der Ausbau der vollschulischen Berufsfachschulen, die Einrichtung von Ausbildungsgängen in schulischer Trägerschaft und die Ausbildung im Verbund, die in Kooperation mit den beruflichen Schulen erfolgen soll. Weitere Lernorte sind eigentlich nicht notwendig. Das gilt insbesondere für Träger, die privatwirtschaftlich und gewinnorientiert arbeiten. Die dorthin geleiteten öffentlichen Gelder sollten den beruflichen Schulen zugute kommen. Ansonsten ist zu prüfen, inwieweit in sich abgeschlossene Ausbildungen zu erstellen sind, die schwer vermittelbaren Jugendlichen einen berufsbefähigenden Abschluß und eine tarif- sowie sozialpolitisch abgesicherte Beschäftigung erlauben.
Frühzeitige Beratung
Darüber hinaus sind Maßnahmen zur Aufwertung der schulischen beruflichen Bildung und zur Verbesserung ihrer Rahmenbedingungen angezeigt. Diese müssen, so sie wirksam sein sollen, zugleich in acht Bereichen ansetzen.
Erstens:Es muß die Bildungsberatung intensiviert werden. Dabei sollte klargemacht werden, daß berufliche Bildung keine Rang- und Wertigkeitsskala zu scheuen braucht und daß ein beruflicher Abschluß zugleich Anschluß an vielfältige Bildungsmöglichkeiten und an angesehenen Status ist. In diesem Sinne muß die Information bzw. Beratung über den eigenständigen und erfolgversprechenden Weg der beruflichen Bildung verstärkt werden, beginnend bereits bei den Informationsveranstaltungen der Grundschulen zur Beratung der Eltern.
Zweitens: Die in den allgemeinbildenden Schulen vermittelte Ausgangsqualifikation muß verbessert und mit einem aussagekräftigen Zeugnis ausgewiesen werden. Ein Zeugnis auf der Basis einer schulformspezifischen, zentralen Abschlußprüfung an den abgebenden Schulen bietet dafür die beste Gewähr. Sonst wissen die beruflichen Schulen nicht, was sie voraussetzen können.
Drittens: Ein Unterrichtsumfang von neun Wochenstunden in der Berufsschule ist in Zeiten höherer Anforderungen an breite Bildung - zumal wenn diese neun Stunden an nur einem Berufsschultag stattfinden - ineffizient und unpädagogisch; in allen Bundesländern sind in der Berufsschule die von der Kultusministerkonferenz (KMK) empfohlenen mindestens zwölf Wochenstunden sicherzustellen.
Viertens: Die Berufsschulen müssen gleichberechtigte Partner bei den Abschlußprüfungen im dualen System sein. Die in Schule und Betrieb erbrachten Leistungen sollten in die Abschlußqualifikation aufgenommen werden. Konkret könnte dies geschehen, indem die reinen Prüfungsleistungen sowie die während der betrieblichen Ausbildung erbrachten Leistungen und die Leistungen aus der Berufsschule drittelparitätisch in die Gesamtnote einbezogen werden. Das würde die Zeugnisse aufwerten und die Anstrengungsbereitschaft der Auszubildenden fördern.
Fünftens: Die Berufsschule braucht unterrichtliche Differenzierungsmöglichkeiten, um ihre heterogene Schülerschaft mit ihrer von der Sonderschule bis zum Gymnasium reichenden Vorbildung individuell fördern zu können. Dazu gehören sonderpädagogische berufsschulische Maßnahmen für Behinderte und Benachteiligte; Stütz- und Förderkurse vor allem in Deutsch und Mathematik; Differenzierungsangebote für Schüler unterschiedlicher Vorbildung bzw. für besonders Leistungsfähige, zum Beispiel für Fremdsprachen.
Sechstens: Die beruflichen Schulen leiden in manchen Fachbereichen, derzeit vor allem in den Berufsfeldern Wirtschaft und Verwaltung, Metalltechnik, Elektrotechnik sowie Bautechnik, unter einem erheblichen Lehrermangel. Dieser Mangel wird bis zum Jahr 2010 weiter wachsen. Deshalb ist Vorsorge zu treffen, daß der Lehrernachwuchs gesichert wird. Dazu gehören: die gezielte Werbung für das berufliche Lehramt unter Abiturienten; die Zulassung aller Bewerber in das Referendariat; die Einstellung aller geeigneten Bewerber auf volle Stelle. Das berufliche Lehramt muß insgesamt attraktiver werden.
Europäischer Vergleich
Siebtens: Es ist eine Offensive zugunsten einer aufstiegs- und anpassungsbezogenen Weiterbildung notwendig. Hier bieten sich Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen dual organisierter Bildungsangebote an, für die die Berufsschule als dual-kooperativ verfaßte Institution über beträchtliches Know-how verfügt. Erstausbildungs- und Weiterbildungsgänge sind aufeinander abzustimmen und als eigenständige, gleichwertige berufliche Bildungswege neben der Hochschulausbildung weiter auszubauen.
Achtens: Im europäischen Wettbewerb muß das deutsche Berufsbildungssystem seine Stärken durch stetige Modernisierung beweisen. Das Zusammenwachsen Europas erfordert bei der nachfolgenden Generation solide Kenntnisse über die ökonomischen Rahmenbedingungen in den europäischen Ländern, Kenntnisse der europäischen Institutionen und des europäischen Rechts, die Beschäftigung mit anderen Kulturen und Mentalitäten sowie gute Fremdsprachenkenntnisse. Die beruflichen Schulen sind hier der geeignete Ort für den Erwerb entsprechender Qualifikationen und Haltungen, sie sind über Austauschprogramme und Schulpartnerschaften zugleich der geeignete Ort für die Begegnung mit Gleichaltrigen anderer Nationen. Eine Harmonisierung der Bildungspolitik der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) mit dem Ziel einer Angleichung der Berufsbildungssysteme kann aber kein sinnvolles Ziel europäischer Politik sein. Hier sollten sich die Deutschen vermehrt ihrer Stärken besinnen.
Für die Realisierung
dieser Maßnahmen sind keine gigantischen Millionenbeträge erforderlich.
Ein wenig politischer Mentalitätswandel und ein bißchen guter Wille
reichen aus. Beides ist aber auch dringend erforderlich, damit Bildungspolitik
in Deutschland wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird.
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