DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - STELLUNGNAHME
Bonn, 26. August 2003
Lehrerverband warnt vor Verstaatlichung der Erziehung
Zur
aktuellen Diskussion um die Einführung eines eigenen Schulfaches für
Benehmen und Anstand nimmt DL-Präsident Josef Kraus wie folgt Stellung:
„Das ist einmal mehr ein typisch deutsches Beispiel von Gesellschaftspolitik:
Erst wird Erziehung dreißig Jahre lang als ‚repressiv’ diskreditiert;
dann entdeckt die Bildungspolitik, dass das falsch war und dass man Erziehung
ab sofort bis hin zur Vermittlung simpler Benimm-Regeln zur Staatsaufgabe
machen müsse.
Natürlich brauchen
wir in allen Bereichen des Gemeinwesens couragierte Leute, die gewisse Regeln
anmahnen, und wir brauchen ‚Mut zur Erziehung’ (so übrigens bereits
1979 ein von Hans Maier und Wilhelm Hahn initiierter Kongress). Es ist auch
Aufgabe von Schule, Grenzen für überschießendes Verhalten
zu ziehen. Aber mit einer fortschreitenden Verstaatlichung von Erziehung
sind die Deutschen noch nie gut gefahren.
‚Pflege und Erziehung
der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern ...’; soweit ist manchem
das Grundgesetz mit Artikel 6 im Hinterkopf. Noch weniger Leute aber wissen,
dass dieser Satz fortfährt: ‚.... und die zuvörderst ihnen obliegende
Pflicht.’ Dies in die Köpfe aller Eltern zu bringen wäre wichtiger
als die schlagzeilenträchtige Show-Veranstaltung eines schulischen Benimm-Faches.
Die Eltern sind es, die dafür zu sorgen haben, dass ihre Kinder in die
Schule ein sozial verträgliches Verhalten mitbringen. Was zu Hause an
entsprechenden Prägungen – und sei es nur ein positives elterliches
Vorbild – versäumt wird, kann die Schule nicht nachholen.
Im Übrigen ist
es Alltags-Job unserer Schulen, Spielregeln zu vermitteln. Wöchentlich
tun das Hunderttausende von Lehrern in Millionen von Unterrichtsstunden.
Wenn man meint, in Sachen Anstand ein eigenes Unterrichtsfach oder eigene
curriculare Bausteine einführen zu müssen, dann kommt dies dem
Versuch gleich, Selbstverständlichkeiten zu Innovationen aufzublasen.
Wichtig wäre es schließlich, dass die Kultusminister den Lehrern
den Rücken stärken, wenn letztere konsequent erzieherisch tätig
sind und zum Beispiel Sanktionen verhängen. Hier knickt die Schulaufsicht
zu häufig ein, weil man – aus welchen populistischen Gründen auch
immer – viel lieber Gefälligkeitspolitik gegenüber manch selbstherrlichen
Eltern betreibt."
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