DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
16. Januar 2006


Kraus kommentiert den Oettinger-Vorschlag eines Schulbeginns um 9 Uhr

Den Vorschlag des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger, den täglichen Schulbeginn auf 9 Uhr zu verschieben, kommentiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, wie folgt:

"Dieser Vorschlag ist nicht zu Ende gedacht. Er wäre nur umsetzbar, wenn die Schulträger deutschlandweit  mindestens 30 Milliarden Euro für schulische Mittagsbetreuung investierten. So viel Geld kostet es nämlich, alle Schulen zur mittäglichen Essensausgabe zu befähigen; letztere wäre an 42.000 deutschen Schulen notwendig, denn ein am Morgen um eine Stunde verzögerter Unterrichtsbeginn verlängert den Schultag der Kinder um zwei Stunden in den Nachmittag hinein – es sei denn, man macht ohne Mittagessen durch. Was darüber hinaus mit den Schülern geschehen soll, die an einem G8-Gymnasium oder an einer berufsbildenden Schule ohnehin schon jede Menge Nachmittagsunterricht haben, scheint Oettinger ebenfalls nicht zu interessieren.

Ansonsten ist es naive Familienromantik, wenn Oettinger glaubt, mit einem späteren Schulbeginn würden mehr Eltern als zuvor mit ihren Kindern frühstücken. Nein, die Zahl der Eltern, die ihre Kinder mit nichts als Cola im Bauch in die Schule schicken, wird sich nicht verringern. Im Übrigen gibt es genug Eltern, die sich selbst um 6 oder 7 Uhr auf den Weg zur Arbeit machen müssen und deshalb ihre Kinder gerne ab 7 Uhr auf dem Schulweg wissen. Wahrscheinlich aber ist sich der Stuttgarter Regierungschef seines Vorschlages selbst nicht so sicher, sonst würde er nicht die Schlafforschung für seinen Vorstoß bemühen. Allerdings sollte man angesichts einzelner am Morgen gähnender Schülergesichter doch auch die Frage stellen dürfen, ob diese Kinder von ihren Eltern rechtzeitig ins Bett geschickt wurden.

In Ostasien und in Osteuropa kennt man Herrn Oettingers Sorgen nicht, dort schüttelt man über uns den Kopf, denn dort sind die jungen Leute geistig hungrig; sie haben kein Problem, sich am sehr frühen Morgen auf das Fahrrad zu setzen, um eine Stunde in die Schule zu radeln. Nur wir kerkern unsere Kinder in einen Elfenbeinturm ein und packen sie obendrein in Watte. Damit bereiten wir die jungen Leute nicht auf den Alltag und auf die Globalisierung vor. Allerdings brauchen wir uns bei so viel Wohlfühlpädagogik auch nicht zu wundern, wenn wir eines Tages in der zweiten Liga spielen und der Osten in der ersten."

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