DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
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Interview aus "Die Tagespost" vom 18. Juni 2008
Deutschland hat seit der letzten PISA-Studie deutlich aufgeholt.
Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, zum "Bildungsbericht 2008":
"Endlich die schiefen internationalen Vergleiche beenden!"
Von Alexander Riebel
Bundeskanzlerin
Merkel fordert jetzt die „Bildungsrepublik Deutschland“ und will sich
selbst ein Bild vor Ort machen. Was läuft schief, dass sie
jetzt selbst eingreifen will?
Deutschland
war immer eine Bildungsnation. Und Deutschland war weltweit immer
anerkannt und führend als Bildungsnation. Man muss da jetzt nichts Neues erfinden. Ich freue mich über jeden Politiker, der sich vor Ort Schule, Hochschule, berufliche Bildung, Berufsschule und Forschungseinrichtungen anschaut. Doch habe ich oft das Gefühl, dass Politik am Grünen Tisch über schulpolitische Belange entscheidet, ohne
zu wissen, was vor Ort los ist. Und dass eine Kanzlerin ein
paar Tage durch Deutschland fährt, genügt nicht. Dadurch bekommt
man kein repräsentatives Bild. Deutschland hat 42 000
Schulen. Das ist alles ein bisschen Show-Veranstaltung.
Kann sich der Bund überhaupt in die Schulpolitik einmischen?
Seit der Föderalismusreform 2006 hat der Bund in Sachen
Schulbildung überhaupt nichts zu mehr sagen. Das ist eine
Geschichte, die die Länder angeht, und die müssen sich nach der
Decke strecken.
Gemäß der Bildungsstudie soll das
Kompetenzniveau der Schüler gestiegen sein. Warum gibt es dann
noch die negative Bewertung?
Dazu hätten wir den Bericht nicht
unbedingt gebraucht. Wir haben ja bereits drei
PISA-Studien hinter uns. Natürlich muss man sagen, dass PISA nur einen kleinen Ausschnitt aus dem schulischen Lern- und
Leistungsgeschehen misst. Aber wir haben uns von Pisa 2000
über Pisa 2003 bis hin zu Pisa 2006 deutlich verbessert. Es wird
viel zu wenig registriert, dass Deutschland bei der letzten
Pisa-Studie international auf Platz 8 gekommen ist – deutlich vor
den Schweden, den Dänen und den Norwegern – und in der Rangfolge
aufgeschlossen hat.
Die Bildungsausgaben steigen
nicht mit dem Wirtschaftswachstum. Warum wird trotz
öffentlicher Beteuerung so wenig ausgegeben?
Es ist ärgerlich,
dass wir in Sachen Bildungsfinanzen international nur in der
Mittelgruppe sind und nicht ganz vorne. Aber dazu ist zu sagen –
und das wissen wir auch im innerdeutschen Vergleich –, dass die
Bildungsausgaben alleine noch kein Garant für Bildungsqualität
sind. Es gefällt mir überhaupt nicht, dass es jetzt schon
wieder aus der Ecke von Spitzenorganisationen der Wirtschaft heißt, die schlechten Schulen seien Schuld daran, dass es einen gewissen Anteil von nicht ausbildungsreifen und nicht ausbildungsbereiten
jungen Leuten gibt. Aber nur ein Drittel der
ausbildungsberechtigten Betriebe in Deutschland bildet aus,
zwei Drittel der Betriebe sind ausbildungsunwillig und
verstoßen damit gegen eine patriotische Pflicht gegenüber unseren jungen Leuten.
Was würden Sie empfehlen, damit der
nächste Bildungsbericht besser wird?
Zunächst, was die Diagnose
betrifft: Wir müssen uns endlich davon verabschieden, schiefe
internationale Vergleiche als den Maßstab anzunehmen. Abiturientenquote, Studierquote, Akademikerquote sind international nicht vergleichbar. Da kann die OECD noch so viele Tabellen auflisten.
In Deutschland ist der Abschluss einer beruflichen Bildung oft
mehr wert als in anderen Ländern ein Hochschulabschluss. Also
diese Vergleiche doch endlich mal beiseitelegen und weniger auf
Selbstvergessenheit und Selbstverleugnung machen. Die berufliche
Bildung wäre eine Möglichkeit, den an der Bildung
gestrandeten 19- bis 22-Jährigen eine zweite Chance zu gewähren,
wenn man ihnen entsprechend hilft.
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