DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 19. Dezember 2003


Zwischen Phantasterei und "Basta"

Josef Kraus diagnostiziert bei der Gymnasialpolitik ein "hyperkinetisches Syndrom"


Die inszenierte Chronologie sollte urplötzliche Dynamik signalisieren: Vor der Wahl zum Bayerischen Landtag vom 21. September 2003 war man seitens der Staatsregierung zwar nicht müde geworden, den Fortbestand eines neunjährigen Gymnasiums zu bestätigen. Am 6. November aber kam in der Regierungserklärung des Bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber der Paukenschlag: Das Gymnasium werde auf acht Jahre zum sog. G8 verkürzt; „zeitnah“, so hieß es danach, wolle man dafür ein Konzept vorlegen. Am 8. Dezember 2003 sickerte durch Indiskretionen der Kern dieses zeitnahen Konzepts durch: die G8-Stundentafel. Zwei Tage später, am 10. Dezember, schrieb Kultusministerin Hohlmeier an die Gymnasialdirektoren: Mit der Regierungserklärung Stoibers sei „eine leidenschaftliche Diskussion, die über Jahrzehnte mit großem Engagement geführt worden ist, ( ...) beendet.“


Das Signal der Dynamik kam „rüber“, aber auch der Eindruck des hyperkinetischen Syndroms, der Konzeptionslosigkeit und der „Basta“-Attitüde. Diskutiert hatte man das G8 keineswegs, zumindest nicht in Bayern. Niemand hatte die Spur einer Chance, das G8-Kernstück, nämlich die Stundentafeln, auf seine generelle Realisierbarkeit zu prüfen, da kam auch schon das Aus für die Diskussion: Nach dem Wortbruch nun ein „Maulkorb“, wie viele spontan meinten! Und damit nicht genug: Im selben Schreiben vom 10. Dezember wird das Geheimnis weiter gelüftet: In die Verkürzung „einbezogen werden die Schüler der 5. und auch der 6. Jahrgangsstufe des Schuljahres 2004/05.“ Konkret heißt das: Selbst die gymnasiale Bildungslaufbahn der Schüler, die diesen Weg im Spätsommer 2003 mit der nach wie vor geltenden gesetzlichen Vorgabe von neun Jahren einschlugen, wird um ein Jahr gekürzt. Inwieweit hier noch der Gesetzes- und Parlamentsvorbehalt gewahrt bleibt, mögen der Landtagspräsident und Verfassungsrechtler prüfen.

Erstmals konkret also wurde die G8-Zielsetzung, als am 8. Dezember zwei Stundentafeln in die Öffentlichkeit gelangten: die Variante für das sprachliche G8 und für das naturwissenschaftlich-technologische G8 samt Auflösung der bislang kursbezogenen Kollegstufe. Die wichtigsten Festlegungen daraus und Begleiterläuterungen lassen sich in vier Punkte fassen.

Erstens soll es in erheblichem Umfang Nachmittagsunterricht geben. Da am Vormittag nur 30 Stunden Platz haben, die 6. und 7. Klassen des G8 aber bereits 34 Stunden haben sollen, bedeutet das bis zu zwei Unterrichtsnachmittage; in den 9. und 10. Klassen sollen es gar 36 und 37 Stunden, also bis zu drei Nachmittage oder zumindest zwei Neun- und Zehn-Stunden-Tage sein. Hausaufgaben und Vorbereitungen auf Leistungsaufgaben sind darin keineswegs enthalten. Kritiker befürchten, dass damit eine Paukschule nach japanischem Vorbild entsteht. Vor allem aber wird vermutet, dass gerade der umfangreiche Nachmittagsunterricht all das erschlägt, was gymnasiale Kultur ausmacht: Schultheater,  Kleinkunst, Wettbewerbe, Chor, Orchester, Schülerzeitung, Weihnachtsbasar u.a.m. Die Schüler werden schlicht und einfach keine Zeit mehr für dergleichen haben, sitzen sie doch dann oft mehr Zeit auf der Schulbank, als ihre Eltern Wochenarbeitszeit haben. Kritiker befürchten aber auch, dass ein solches G8 die Eltern gymnasialgeeigneter Schüler abschreckt; die Abiturientenquote, die laut Staatsregierung angehoben werden müsse, wird damit weiter in den Keller fallen. Und die Realschule droht zu einer heimlichen Gesamtschule zu werden, die über ihre angestammte Schülerschaft hinaus den alltäglichen Spagat zu proben hat zwischen potentiellen Gymnasiasten und potentiellen Hauptschülern.

Zweitens erfahren ausgerechnet durch das G8 die sogar seitens der Schulpolitik in Sonntagsreden favorisierten Kernfächer eine drastische Kürzung. Vergleiche nachfolgende Tabelle: Dort sind zu ausgewählten Fächern die Summen der Jahreswochenstunden (JWS) der bisherigen Jahrgangsstufen 5 mit 11 und die JWS der zukünftigen Jahrgangsstufen 5 mit 10 gegenübergestellt. Die Jahreswochenstunden ergeben sich aus der Addition der Fachstunden pro Woche und Jahrgangsstufe. Multipliziert man die Jahreswochenstunden mit 38 Schulwochen, so ergibt dies die Zahl an effektiven Unterrichtsstunden.

 
JWS bislang
JWS neu
Differenz
Stundenverlust
Deutsch
28
22
- 6
228
1. Fremdsprache
30
22
- 8
304
Mathematik (je nach Zweig)
25/29
21/21
- 4/8
152/308
Kunst und Musik
21
18
- 3
114
Sport
7 x 2,65 = 18,55
15
- 3,55
135
   
Kompensiert werden sollen diese Verluste laut G8-Konzept mit sog. Intensivierungs-Stunden (15 JWS); darin will man Schüler gesondert gefördert sehen. Dass aber bereits vorher in den Kernstunden und in der Folge in den Lehrplanansprüchen drastisch eingespart wurde, kann die schöne Vokabel von der Intensivierung kaum verschleiern. Somit bleibt nach der Amputation der Hauptglieder nichts anderes als ein Sammelsurium an Prothesenstunden bzw. ein schulpolitischer Marketing-Gag, nämlich eine Mogelpackung: Aus der Hauptpackung wird ein großes Stück des Inhalts herausgenommen, ausgelaugt und in eine Nebenpackung umgefüllt. Am Ende sollen alle glauben, der Inhalt sei mehr geworden, tatsächlich ist nur mehr Verpackungsmüll angefallen. Vor allem leidet darunter erneut die muttersprachliche Bildung. Ganze elf Prozent aller Gymnasialstunden macht das Fach Deutsch noch aus. Keine andere Nation der Welt stattet ihre Mutter- und Landesprache mit so wenig Stunden aus, wie es die Deutschen und die Bayern tun: Woanders sind es in der Regel zwanzig und mehr Prozent. Oder: Erst im September 2003 hatte die Kultusministerin eine Offensive für ästhetische Bildung angekündigt – eine Ankündigung, die mit der G8-Stundentafel Lügen gestraft wird.

Drittens erfährt das gerade erst drei Monate lang erprobte Fach „Natur und Technik“ (derzeit zweistündig in der 5. Jahrgangsstufe), eine gigantische Ausdehnung. Zukünftig soll es in der Summe elf Jahreswochenstunden in den 5., 6. und 7. Klassen ausmachen und die Fächer Biologie, Physik, Chemie und Informatik vereinen. Die Fachleute reiben sich die Augen ob dieses profillosen Fächer-Mischmasches, den man wegen der darin stattfindenden fachdidaktischen und fachwissenschaftlichen Entprofessionalisierung gerade seitens der Bayern jahrzehntelang an Ländern wie Bremen oder Nordrhein-Westfalen kritisiert hatte. Wie jetzt zu vernehmen ist, wünschen sich CSU-Bildungs-„Experten“ sogar die Zusammenlegung von Musik mit Kunst und von Erdkunde und Geschichte.

Viertens soll das G8 Lehrerstunden zur Individualförderung dadurch gewinnen, dass mehrere Klassen zu einem „Vorlesungsunterricht“ zusammengelegt und die „frei“ gewordenen Lehrer zur Individualförderung eingesetzt werden - so zumindest der Bildungsexperte der CSU-Landtagsfraktion, Siegfried Schneider, Volksschullehrer a. D., bei öffentlichen Auftritten. Über solchermaßen phantastische Unterrichtsmethoden ist man denn doch erstaunt. Schade, dass man dergleichen nicht schon längst hatte, dann hätte man sich Tausende von Lehrerstellen, Tausende von Klassenzimmern sparen können. Man hätte sich die vergangenen fünf Jahre auch Hunderte von Fortbildungsveranstaltungen sparen können, in denen Lehrer unter Berufung auf die internationalen Schulleistungsstudien PISA und TIMSS für mehr schülerzentrierten Unterricht geschult wurden. Jetzt also Vorlesungsunterricht: Wohin mit 150 Schülern einer Jahrgangsstufe? Und was macht der Vorlesungslehrer, wenn die 150 jungen Damen und Herren „wepsige“ Pubertierende sind? Und wie hält er es mit mündlichen oder schriftlichen Leistungserhebungen? Aber all diese praktischen Fragen spielen ja keine Rolle - Hauptsache, man hat eine neue pädagogische Protzvokabel in die Welt gesetzt.

Unterm Strich: Die Diskussion wird sich nicht par ordre du mufti abwürgen lassen, sie wird jetzt erst so richtig beginnen. Hoffentlich auch bald dort, wo sie hingehört - ins Parlament. Und hoffentlich, indem man die Bürger und die Betroffenen mitnimmt. Bayerns Landtagspräsident Alois Glück hat nämlich sehr Recht mit seinem Bild, das er am 9. Dezember 2003 bei seiner Ansprache zur parlamentarischen Weihnachtsfeier gebrauchte. Er meinte beziehungsreich: Als Wanderer neige man, wenn man die Orientierung verloren hat, dazu, zunächst schneller zu gehen. Das aber sei falsch; statt dessen müsse man innehalten, auf die Karte schauen, sich orientieren und dann in Ruhe den richtigen Weg suchen.

Das ist ein entscheidender demokratiepolitischer Aspekt. Ein nicht minder wichtiger kultureller Aspekt kommt hinzu: Je weniger die Bildungsgewaltigen mit dem Prinzip Bildung etwas anzufangen wissen und je weniger sie Bildung von Ausbildung bzw. marktgerechter Abrichtung unterscheiden können, desto mehr wird die Bedeutung des Übernützlichen in der Bildung an den Rand gedrängt. Thomas Mann hat zu solchen Defiziten in seinem Fragment „Von der europäischen Humanität“ gesagt: Ich hasse diese falschen, verwirrenden Alternativen, deren Liebhaber und Verfechter über den modischen Augenblick nicht hinaussehen.
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