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Aus der FAZ vom 10. September 1998
Aufruf der Wirtschafts-, Professoren- und Lehrerverbände
"Für eine Bildungspolitik der Vernunft"
Zu einer "Bildungspolitik der Vernunft" haben Professoren-, Lehrer- und Wirtschaftsverbände in einer gemeinsamen Erklärung aufgerufen. Der Berliner Rede von Bundespräsident Herzog zur Bildungspolitik entnehmen sie "Prüfsteine" für politische Entscheidungen der Länder und des Bundes. An erster Stelle steht das Bekenntnis zur Vielfalt des Angebots an Schulen und Hochschulen und damit zu einem gegliederten Schul- und Hochschulwesen und zur Leistungsdifferenzierung. Mit den Wirtschaftsverbänden setzen sich der Deutsche Lehrerverband, die Bundesvereinigung der Oberstudiendirektoren, der Deutsche Hochschulverband als Sprecher der Universitätsprofessoren, der Hochschullehrerbund als Sprecher der Fachhochschullehrer sowie der Verband der Berufsakademien für eine Stärkung der beruflichen Bildung ein. Außerdem wenden sie sich gemeinsam gegen Tendenzen, Bildung und Ausbildung auf das Ziel zu verkürzen, allein die materielle Existenz zu sichern. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Landfried, und der Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdiensts, Berchem, bezeichnen dieses gemeinsame Bekenntnis zur Entfaltung der Persönlichkeit und zur Kultur als Sensation. Auch sie heißen Herzogs Eckpunkte und die daraus gezogenen Folgerungen für gut. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" veröffentlicht die gemeinsame Erklärung im Wortlaut:
"In seiner Rede 'Aufbruch in der Bildungspolitik' vom 5. November 1997 hat Bundespräsident Herzog wichtige Erkenntnisse ausgesprochen. Herzogs 'Eckpunkte' sind Prüfsteine für zukünftige bildungspolitische Entscheidungen auf Landes- und Bundesebene. Jetzt kommt es darauf an, Irrwege endlich zu verlassen und als richtig erkannte Wege tatsächlich zu beschreiten.
Roman Herzog:'Menschen sind Individuen. Sie haben unterschiedliche Begabungen. Wer das leugnet, vergißt einerseits die herausragenden Talente, die unser Bildungssystem oft genug behindert, und andererseits die weniger Begabten, denen unser Bildungssystem jeglichen Abschluß verweigert:'
Das heißt:Um der jungen Menschen und der Entfaltung ihrer Begabung willen brauchen wir ein Bildungsangebot der Vielfalt statt der integrierten Einfalt. Diesem Gebot können nur ein gegliedertes Schul- und Hochschulwesen sowie ein differenziertes Angebot in der Berufs- und Weiterbildung gerecht werden.
Roman Herzog: 'Bildung beginnt nicht erst mit dem Abitur. Praktische und theoretische Begabungen sind gleichwertig.'
Das heißt:Wir brauchen eine neue Akzentsetzung der Bildungspolitik zugunsten der beruflichen Bildung. Statt einer falsch verstandenen Akademisierung, die immer mehr junge Menschen in eine Sackgasse führt, müssen die Hauptschule, die betriebliche und die schulische Bildung im dualen System sowie die Einrichtungen der Weiterbildung gestärkt werden. Nur dadurch haben alle jungen Menschen die Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs.
Roman Herzog: 'Es gibt keine Bildung ohne Anstrengung. Wer die Noten aus den Schulen verbannt, schafft Kuschelecken, aber keine Bildungseinrichtungen, die auf das nächste Jahrtausend vorbereiten.'
Das heißt:Die Schulen, die Träger der beruflichen Bildung und die Hochschulen müssen ein unverkrampftes Verhältnis zur Leistung entwickeln können. Deshalb brauchen wir Noten, schulische Abschlußprüfungen und bundesweite Leistungsvergleiche. Leistung gibt es nicht ohne Anstrengung. Ihr Motiv ist nicht 'Freude statt Arbeit', sondern 'Freude an der Arbeit' wegen der mit ihr erbrachten Lebensleistung. Nur so erwerben die jungen Menschen ihre Befähigung im künftigen Berufsleben und das Selbstbewußtsein, das im Wettbewerb einer zunehmend grenzüberschreitenden Arbeitswelt erforderlich ist.
Roman Herzog:'Es ist ein Irrglaube, ein Bildungswesen komme ohne Vermittlung von Werten aus.'
Das heißt:Der junge Mensch muß sich als Persönlichkeit erfahren, der seine geistigen Kräfte nicht allein zur Sicherung der materiellen Existenz, sondern auch in der Verantwortung für sich un den Nächsten entwickelt und einsetzt. Nur eine auf diese Weise schon in der Ausbildung vermittelte Kultur individuellen Lebens ist Bildung. Sie schafft die notwendige Voraussetzung für Kreativität und Innovationsbereitschaft, auf die jede Gesellschaft angewiesen ist, die sich auch als Wirtschaftsstandort behaupten will. Die Reduzierung von Bildung und Ausbildung allein auf das ökonomisch Nützliche gefährdet diesen Standort; sie verletzt überdies die Würde des Menschen.
Bundesvereinigung
der Deutschen Arbeitgeberverbände
Bundesvereinigung
der Oberstudiendirektoren
Deutscher
Hochschulverband
Deutscher
Industrie- und Handelstag
Deutscher
Lehrerverband
Dualer
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Hochschullehrerbund
e. V.
Zentralverband
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