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Aus der
BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 6. Mai 2005
Schulpolitik in Österreich
Nach PISA 2000 waren die Österreicher sehr stolz auf ihr Abschneiden. Damals hatten sie in diesem internationalen Schulleistungstest unter 31 teilnehmenden Ländern mit PISA-Werten zwischen 507 und 519 international Plätze zwischen 8 und 11 erreicht. Vor allem war unser südöstlicher Nachbar damals stolz darauf, deutlich vor den Deutschen zu liegen. Ein solches Nationalbewusstsein hatte die Alpenrepublik seit dem 21. Juni 1978 wohl nur selten erfüllt: Damals hatte die österreichische Fußballnationalmannschaft die deutsche bei der Weltmeisterschaft im River-Plate-Stadion in Córdoba/Argentinien in der zweiten Finalrunde in der 88. Minute mit einem Tor von Hans Krankl, dem „Helden von Córdoba“, 3:2 besiegt.
Um diese PISA-Ränge zu halten, sie womöglich noch zu verbessern, brachten die Österreicher nach PISA 2000 so manches auf den Weg. Die Aktion „Lesefit“ wurde gestartet, das Projekt „IMST“ (Innovations in Mathematics, Science and Technology Teaching) ausgeweitet, und im Rahmen der Initiative „klasse:zukunft“ gab es Bildungsstandards. Außerdem sollte über innere Schulreformen die Qualität des Unterrichts verbessert werden. Im Frühjahr 2003 richtete Elisabeth Gehrer, Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, die nationale „Zukunftskommission“ ein; deren Aufgabe war und ist es, die Stärken und Schwächen des österreichischen Schulsystems zu analysieren. Zum Leiter der Kommission wurde DDr. Günter Haider von der Universität Salzburg berufen; Haider ist zugleich Österreichs wissenschaftlicher PISA-Chef und entschiedener Befürworter einer verlängerten Grundschule sowie eines Gesamtschulsystems.
Nach Bekanntwerden der
Ergebnisse von PISA 2003 im Dezember 2004 sah alles anders aus als bei PISA
2000. Vom Vorarlberg bis ins Burgenland verfiel die Alpenrepublik in die
gleiche erhitzte Stimmungslage wie der Nachbar Deutschland drei Jahre zuvor.
Der Grund: Österreich war um bis zu 11 Rangplätze „abgestürzt“. Jetzt war mit
Rängen zwischen Platz 15 und 19 fast schon typisch deutsche Depression
angesagt. Der Córdoba-Effekt jedenfalls war dahin: Zurückgefallen, so manche
Kommentatoren, sei man hinter „deutsches Niveau“. Und obendrein haben die
Südtiroler mit 544 Lese-Punkten sogar noch besser abgeschnitten als die Finnen.
|
A = Österreich |
Mathematik |
Lesen |
Naturwissenschaften |
Problemlösen |
|
PISA 2000 A |
515/11 |
507/10 |
519/8 |
nicht getestet |
|
PISA 2000 D |
490/20 |
484/21 |
487/20 |
nicht getestet |
|
PISA 2003 A |
506/15 |
491/18 |
491/19 |
506/15 |
|
PISA 2003 D |
503/16 |
491/18 |
502/15 |
513/13 |
Wie auch in Deutschland
unterscheiden sich die verschiedenen Schulformen (in Österreich heißen sie
„Schulsparten“) in ihren PISA-2003-Ergebnissen erheblich:
|
|
Mathematik |
Lesen |
Naturwissenschaften |
Problemlösen |
|
Allgemeinbildende Höhere Schule AHS |
571 |
572 |
566 |
572 |
|
Berufsbildende Höhere
Schule BHS |
552 |
544 |
539 |
549 |
|
Berufsbildende Mittlere
Schule BMS |
471 |
462 |
453 |
472 |
|
Berufsschule BS |
456 |
426 |
435 |
459 |
|
Polytechnische Schule als
BS-Vorlauf PTS |
438 |
397 |
416 |
436 |
|
Durchschnitt |
506 |
491 |
491 |
506 |
Um die Hintergründe der
heftig entbrannten Diskussion einschätzen zu können, braucht man ein paar
Informationen über das österreichische Schulsystem. Es ist ein nach
„Schulsparten“ differenziertes, gegliedertes Schulwesen. Auf eine vierjährige
Volksschule (= Primarstufe) folgen vier Jahre Sekundarstufe I – entweder als
Unterstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schule (mit 29,8 Prozent der Schüler)
oder als Hauptschule (mit 68,8 Prozent der Schüler). (Die Sonderschule besuchen
1,4 Prozent der Schüler). Auf diese Sekundarstufe folgen alternativ
AHS-Oberstufe oder BHS + LHS oder BMS + LMS oder PTS + BS. Die Abschlussquoten
sind sehr unterschiedlich:
|
Schulsparte |
Beschreibung |
Absolventenanteile in Prozent und Abschluss |
|
HS |
Allgemeinbildende |
19 Prozent |
|
BHS + LHS |
Berufsbildende Höhere
Schule |
23 Prozent |
|
BMS + LMS |
Berufsbildende Mittlere
Schule |
15 Prozent |
|
BS |
Berufsschule inkl. PTS
= Polytechnische Schule als
einjähriger Vorlauf zur BS |
43 Prozent (Lehrabschluss |
Diese Schulstruktur hat
Auswirkungen auf die PISA-Ergebnisse. Bei PISA wurden nämlich 15-Jährige
getestet. Diese sind in Österreich aber zu erheblichen Anteilen nicht mehr im
allgemein bildenden Schulwesen untergebracht, sondern bereits in der beruflichen
Bildung.
Für die österreichische
Stichprobe bedeutet dies bei PISA 2003 konkret: Von den insgesamt getesteten
4.575 Schüler kommen aus den Allgemeinbildenden Pflichtschulen APS (d.h. vor
allem aus der Polytechnischen Schule, PTS) 549 Schüler, aus den
Allgemeinbildenden Höheren Schulen AHS 984, aus den Berufsschulen 813, aus den
Berufsbildenden Mittleren Schulen 768 und aus den Berufsbildenden Höheren Schulen
1.461 Schüler. Viele PISA-Testanden hatten die allgemeinbildende Schule bei der
Testung bereits seit einem Dreivierteljahr verlassen. Das bedeutet: Die auf
Österreich bezogenen Vergleiche sind international schief. Und auch sonst
scheint nicht alles koscher. So streitet man sich beispielsweise vehement um
die Frage, ob denn wirklich alle Daten veröffentlicht oder ob nicht welche
zurückgehalten worden sind. Zumindest fällt auf, dass man differenzierte
Vergleiche zu PISA 2000 nicht haben wollte; letztere seien nicht möglich
gewesen, so das österreichische PISA-Team, weil das internationale Zentrum
diese Daten zu PISA 2000 „aus skalierungstechnischen Gründen“ nicht gesondert
nach Subgruppen zur Verfügung gestellt habe. Man munkelt, was der Grund sein könnte:
Die „AHS“ hat gegenüber PISA 2000 deutlich zugelegt.
Wie auch immer:
Österreichische Politiker und Kommentatoren holen seit Ende 2004 eine
Diskussion nach, die sich die Deutschen ab 2001 einbrocken ließen – eine
Diskussion nämlich um das ach so inhumane gegliederte Schulsystem und die doch
so vorteilhafte Gesamtschule. Krisengipfel auf Krisengipfel wird ebenso
gefordert wie der Rücktritt der Bildungsministerin Elisabeth Gehrer. Sie hatte
die Mitschuld am schwachen PISA-Abschneiden ihres Landes unter anderem darin
gesehen, dass sich Eltern „immer weniger Zeit für die Kinder nehmen.“ Und es
wird geholzt. DDr. Haider, von seinen Landsleuten als Günter-Günter
apostrophiert, verrennt sich in die gar nicht so wissenschaftliche Aussage, die
Vertreter des österreichischen Gymnasiums (AHS) – allesamt entschiedene Gegner
der Gesamtschule - seien „Steinzeitpädagogen“ und deren ganze PISA-Diskussion
erinnere ihn an „Biertischatmosphäre“. Umgekehrt werfen ihm seine Gegner
höchste schulpolitische Wendigkeit vor und kolportieren, dass er bei Auftritten
vor ÖVP-Gremien unter dem Jackett schwarze Pullover, bei Auftritten vor
SPÖ-Gremien rote Pullover trage. Auch die unvermeidliche Elfriede Jelinek sieht
erneut einen Grund, sich über ihr Land auszulassen. Den „Standard“ lässt sie
wissen: „Österreich vergötzt den Sport und verachtet jede Art geistiger
Leistung .... Kinder werden noch in der Volksschule buchstäblich sortiert, nur
damit diese katholisch geprägte feudalistische Klassengesellschaft ihre
Existenzlüge der auserwählten Elite und des ungebildeten Fußvolkes
aufrechterhalten kann.“ Die Parteien und die Presse teilen sich auf in
Gesamtschulbefürworter und Gesamtschulgegner. SPÖ, „Standard“ und „ORF“ stehen
für Gesamtschule – und damit gegen die ÖVP und den Rest der Republik.
Ab Februar 2005 ist aus der PISA-Diskussion eine verfassungspolitische Diskussion geworden. Hintergrund ist: Die österreichische Verfassung („Bundes-Verfassungsgesetz“) schreibt in Artikel 14 Abs. 10 vor: „In Angelegenheiten der ... Schulorganisation und des Verhältnisses von Schule und Kirchen ... können Bundesgesetze vom Nationalrat nur mit einer Mehrheit von zwei Dritteln beschlossen werden.“ Die ÖVP/FPÖ-Bundesgierung hatte zunächst signalisiert, dass sie diese Verfassungsänderung zusammen mit der SPÖ mittragen werden. Dann aber kam Gegenwind nicht nur von den großen Lehrer- und Elternorganisationen, sondern auch von den ÖVP-regierten Bundesländern und – wegen des Konkordats und des Religionsunterrichts - vor allem von den Kirchen. Tatsächlich wäre die Alpenrepublik gut beraten, an diesem hohen Gut der Zweidrittelmehrheit in Sachen Bildung festzuhalten. Eine so schmale statistische Basis wie die PISA-Basis kann und darf kein Anlass sein, eine Landesverfassung über Bord zu werfen. Es ist von Vorteil, wenn eine Verfassung für eine Änderung des grundlegenden Schulrechts eine Zweidrittel-Mehrheit vorsieht. Das schützt vor politischen Schnellschüssen, und es schützt die Kinder, die ja nur eine Bildungsbiographie haben, davor, zu Versuchskaninchen zu werden.
Auch wenn die PISA-Diskussion in Österreich an typisch deutsche PISA-Diskussionen erinnert, darf man gespannt sein, wie es dort weitergeht. Eines jedoch bleibt jetzt schon festzuhalten: Österreich fühlte sich in den vergangenen Jahren – nicht zu Unrecht - vor allem wirtschaftlich als das kleine, bessere Deutschland. Aber wenigstens in Sachen PISA möchte Felix Austria halt doch „a bisserl“ deutsch sein.
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