Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Die
aktuelle öffentliche Diskussion des Jahres 2003 macht erneut deutlich,
dass die tatsächlichen Arbeitszeiten und die effektiven berufliche Belastungen
der Lehrer in weiten Kreisen der Politik und der Gesellschaft nicht bekannt
sind oder zumindest nicht wahrgenommen werden. Immer wieder verfestigt sich
der Eindruck, als werde der Lehrerberuf – aus Unwissenheit oder gar aus Böswilligkeit
– als ein Beruf mit viel Freizeit betrachtet. Vor allem die Politik ist aufgefordert,
den diesbezüglich entstandenen Vorurteilen und Fehleinschätzungen
zu begegnen bzw. diese nicht auch noch mit leichtfertigem Gerede zu nähren.
Vorurteil 1:„Lehrer arbeiten nur halbtags.“
Faktum ist:Die Zeit
des reinen Unterrichts macht nur rund die Hälfte aller Lehrerarbeiten
aus. Die andere Hälfte besteht aus: Unterrichtsvorbereitung, Korrektur,
Besprechungen mit Kollegen, Eltern, Schülern und außerschulischen
Repräsentanten, Konferenzen, Schülerexkursionen (auch unter Einbeziehung
von Wochenenden und Ferien) u.v.a.m. Allein der jährliche Korrekturaufwand
eines Lehrers an einer weiterführenden Schule mit zwei Sprachen als
Unterrichtsfächern beziffert sich auf jährlich rund eintausend
Stunden (bei sechs Sprachklassen, insgesamt rund 180 Schülern, pro Schüler
rund 12 bis 16 zu korrigierende Übungsarbeiten und Prüfungsarbeiten;
insgesamt also zwischen 2.000 und 3.000 Korrekturarbeiten). Ansonsten: Sehr
viele Lehrer (vor allem der weiterführenden allgemein bildenden und
der berufsbildenden Schulen) unterrichten auch an bis zu drei Nachmittagen.
Lehrer weiterführender Schulen kommen damit – ausgewiesen in mehreren Studien der letzten Jahre,
darunter Studien der Finanzminister – selbst unter Berücksichtigung
der Schulferien auf jährliche Arbeitszeiten von weit mehr als 1.800 Stunden.
Pro Schulwoche macht dies im Schnitt Umfänge zwischen 45 bis 55 Arbeitsstunden
aus. Zum Vergleich: In weiten Bereichen des Beschäftigungssystems gelten
Wochenarbeitszeiten von 35 Wochenstunden bzw. Jahresarbeitszeiten von 1.450
bis 1.600 Stunden.
Vorurteil 2: „Lehrer haben drei Monate Ferien.“
Faktum ist:Ferien
im herkömmlichen Sinn sind für Lehrer nur die Sommerferien. Alle
anderen unterrichtsfreien Zeiten der Lehrer sind zu erheblichen Teilen beansprucht
mit Korrekturarbeiten. Zudem haben viele Lehrer auch während der Ferien
Präsenzdienst in den Schulen, oder sie sind selbst in der ersten Woche
und den letzten beiden Wochen der Sommerferien mit Abschluss- und Planungsarbeiten
befasst. Typische Beispiele für arbeitsintensive Ferienzeiten sind die
Oster- und Pfingstferien: In diesen Wochen haben sehr viele Lehrer die Korrekturen
zu den Schulabschlussprüfungen zu erledigen; dabei handelt es sich oft
genug um Arbeiten im Umfang von 20 Seiten pro einzelnem Schüler.
Vorurteil 3: „Lehrer schieben eine ruhige Kugel.“
Faktum ist: Der Lehrerberuf
gehört zu den nervlich aufreibendsten Berufen. Während die Erkrankungsrate
unter der Lehrerschaft unterdurchschnittlich ist, gehören Lehrer zu
den Berufsgruppen, die hohe Raten an Frühpensionierungen ausweisen.
Der Grund dafür ist, dass viele Lehrerinnen und Lehrer nach dreißig
Berufsjahren am Ende ihres sechsten Lebensjahrzehnts erschöpft und krank
sind. Die extreme Belastung im Lehrerberuf ist in den vergangenen zehn Jahren
von mehreren Wissenschaftlern nachgewiesen worden: Prof. Dr. Bauer/Universität
Freiburg, Prof. Dr. Schaarschmidt/Universität Potsdam, Prof. Dr. Szadkowski/Universität
Hamburg, Prof. Dr. Scheuch/TU Dresden, Prof. Dr. Müller-Limmroth/TU
München, Dr. Hillst/Med.-Psychosomatische Klinik Roseneck.
Vorurteil 4: „Deutsche Lehrer verdienen sehr gut.“
Faktum ist: Alle Bezieher
von Bezügen in Deutschland gehören international zur Spitzengruppe
– vom Industriearbeiter bis zum Richter und vom Mechaniker bis zum Sozialhilfeempfänger.
Wenn der Lehrerberuf in Deutschland materiell wirklich so attraktiv wäre,
wie es manche unterstellen, dann stellt sich die Frage, warum der Lehrerberuf
dann immer weniger attraktiv geworden ist. Immerhin muss man in Deutschland
ernsthaft Sorge um den Lehrernachwuchs haben. Von den derzeit aktiven 750.000
Lehrern gehen 300.000 in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand. Es sieht
nicht so aus, als könne man diese 300.000 mit jungen Lehrern ersetzen.
Schließlich sei nicht vergessen, dass ein Referendar in Deutschland-West
mit monatlich rund 1.000 EURO und in Deutschland-Ost mit rund 900 EURO zurechtkommen
muss, ehe ihn dann womöglich nur ein befristeter Vertrag in Zwangsteilzeit
erwartet. Übrigens: 900 EURO ist weniger als das, was ein Lehrling im
dritten Lehrjahr Bau bekommt.
Vorurteil 5: „Die Arbeitszeit der Lehrer ist nicht transparent; sie sollen nach Stechuhr in der Schule arbeiten.“
Faktum ist: Für
jeden, der bereit ist, sich mit dem breiten Spektrum der Aufgaben der Lehrer
vertraut zu machen, wird deren Arbeitsaufwand rasch deutlich. Würden
Lehrer dazu verpflichtet, ihre Arbeitszeit wie andere Beschäftigte am
Arbeitsplatz, ggf. auch noch zur Betreuung von Schülern zu verbringen,
dann hätte das weitreichende Folgen:
Dann
dauert die Korrektur von Schülerarbeiten so lange wie die Erarbeitung
eines Steuerbescheides durch das Finanzamt oder der Ausfertigung eines Urteils
durch ein Gericht – nämlich monatelang.
Dann
ist kein Platz mehr für ein überunterrichtliches Lehrerengagement
in Bereichen, die das Schulleben maßgeblich ausmachen; dann gibt es
keine Musikgruppen, Theatergruppen, Wettkampfgruppen, Exkursionen und internationale
Austauschaktionen mehr.
Dann
müssten die Sachaufwandsträger die Schulen erweitern und zahlreiche
Arbeitsplätze für Lehrer einrichten..