DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 17. Oktober 2003

Was ist dran am "bestbezahlten" Halbtagsjob der Welt?

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Noch bevor die OECD am 16. September mit ihrer Bildungsstudie 2003 an die Öffentlichkeit ging, hatten sich Teile der Presse Auszüge aus diesem Opus besonders vorgenommen, im Besonderen das Kapitel D 5 „Lehrergehälter an öffentlichen Schulen des Primat- und Sekundarbereichs“ und das Kapitel D 6 „Unterrichtszeit und Arbeitszeit der Lehrer“. In den Zeitungen war denn auch ohne nähere Betrachtung der vielen Tabellen zu lesen, die deutschen Lehrer seien bei durchschnittlicher „Arbeitszeit“ Spitzenverdiener. Interessierte Gruppen sollten damit offenbar ihr altes Vorurteil bestätigt bekommen, nämlich dass der Lehrerberuf der bestbezahlte Halbtagsjob der Welt sei. Die OECD-Daten geben dieses Urteil aber in keiner Weise her.

Tab.: Lehrergehälter und Unterrichtszeit in ausgewählten OECD-Ländern (hier: Lehrer nach 15 Jahren Berufserfahrung im Sekundarbereich I, das heißt in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 unterrichtend)

Land Gehalt
in US-$
Unterrichtszeit
(Vollzeitstunden)
Australien
39.668
825
Dänemark
35.297
640
Deutschland
49.053
735
Frankreich
31.507
637
Japan
43.043
557
Korea
42.713
553
Schweiz
54.852
keine Angaben

Festzuhalten bleibt, dass deutsche Lehrer allein schon hinsichtlich Unterrichtszeit im oberen Teil der untersuchten Länder zu finden sind. Richtig ist ferner, dass sie in puncto Gehalt zur Spitzengruppe gehören; aber das gilt für jeden Beruf in Deutschland und für jeden Bezieher von Leistungen – vom Industriearbeiter bis zum Richter und vom Mechaniker bis zum Sozialhilfeempfänger.

Dass vergröbernde Vergleiche gezogen und Urteile wie die genannten gefällt werden, hat mit der von der OECD praktizierten Vergröberung der Daten und mit der Einäugigkeit mancher Berichterstatter zu tun. Dazu ein paar Anmerkungen:

1.
Die von der OECD angegebene Unterrichtszeit sagt nur bedingt etwas über die Zahl der Unterrichtsstunden je Lehrer aus. Weil die Unterrichtsstunden weltweit unterschiedlich lang dauern (von 40 bis 60 Minuten) hat die OECD die Unterrichtszeit der Lehrer aus Gründen der Vergleichbarkeit in Vollzeitstunden umgerechnet. Wenn ein Lehrer nach OECD-Berechnung also 750 Stunden jährlich unterrichtet, dann hat er in Deutschland bei 45-Minuten-Schulstunden insgesamt 1.000 Unterrichtstunden, also rund 25 pro Schulwoche.
2.
Wenn davon die Rede ist, dass deutsche Lehrer eines bestimmten Schulbereiches laut OECD 750 Stunden „Arbeitszeit“ hätten, so ist das falsch, denn die OECD hat die Unterrichtszeit untersucht. Man kann also nicht rechnen, dass ein solcher Lehrer in Deutschland bei 40 Schulwochen pro Jahr eine wöchentliche Arbeitzeit von gerade eben knapp 19 Stunden habe. Nicht erfasst ist nämlich bei diesen Zahlen das Drumherum um den Unterricht: die Vorbereitung des Unterrichts, das Gespräch mit den Eltern, die Zeit für Konferenzen, die Besprechung mit Kollegen und Schulleitung und vor allem die Korrektur, die ja gerade im Bereich der weiterführenden Schulen einen enormen Umfang ausmacht.
3.

Die von der OECD berichtete Unterrichtszeit muss – je nach Schulart – mit dem Faktor 2 bis 2,5 multipliziert werden, damit man auf die tatsächliche Arbeitszeit eines Lehrers kommt. Dieser hohe Faktor dürfte gerade für die deutschen Lehrer so hoch sein, weil wir in Deutschland ein hochdifferenziertes Bewertungs- und Prüfungssystem haben. Viele andere Länder kennen keine schulischen Abschlussprüfungen, zum Großteil auch über viele Schuljahre hinweg keine Noten. Im Extrem bedeutet das für einen Lehrer eines Gymnasiums mit den Fächern Deutsch und Englisch, dass dieser pro Jahr bei jeweils drei Deutsch- und drei Englischklassen, also insgesamt annähernd 180 Schülern, rund 1.000 Stunden pro Schuljahr korrigiert: Klausuren, Stegreifaufgaben, Diktate, Übungsaufsätze usw.

4.
Multipliziert man die Unterrichtszeit eines deutschen Lehrers mit dem Faktor 2 bzw. 2,5, dann ergibt das eine wöchentliche Arbeitszeit, wie sie bereits Anfang 1973 im Auftrag der Finanzministerkonferenz errechnet wurde. Damals hatte das sog. Knight-Wegenstein-Gutachten sogar unter Umrechnung der über die normale Unterrichtszeit hinausgehende Ferienzeit folgende wöchentlichen Arbeitszeiten von deutschen Lehrern errechnet: Grundschullehrer 41,5 Stunden, Sonderschullehrer 44,2 Stunden, Hauptschullehrer 44,6 Stunden, Realschullehrer 45,1 Stunden, Gymnasiallehrer 45,6 Stunden, Lehrer an beruflichen Schulen 46,9 Stunden. Damit ergeben sich bei 40 Schulwochen pro Jahr Jahresarbeitszeiten der deutschen Lehrer von 1.660 bis 1.876 Stunden.
5.
Diese Arbeitsumfänge haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht reduziert, sondern auf Grund einer problematischer gewordenen Schülerschaft eher noch erhöht. Dem gegenüber aber sank die Arbeitszeit der Beschäftigten in der deutschen Wirtschaft deutlich. Ein deutscher Industriearbeiter etwa arbeitete im Jahr 2000 noch 1.491 Stunden. Zum Vergleich: Seine Kollege in Japan 1.820, in England 1.886 und in den USA 2.188 Stunden.   
6.
Wenn deutsche Lehrer hinsichtlich Gehalt in der OECD-Spitzengruppe zu finden sind, dann hat das unter anderem seinen Grund in der hohen Arbeitsbelastung. Das Gehalt deutscher Lehrer folgt zudem auch dem Lohngefüge im gesamten deutschen Beschäftigungssystem, denn alle Berufsgruppen in Deutschland gehören im weltweiten Vergleich zu ihren jeweiligen Spitzengruppen.
7.
Wenn der Lehrerberuf in Deutschland materiell wirklich so attraktiv wäre, wie es die OECD-Daten und manche Interpreten unterstellen, dann stellt sich die Frage, warum denn dann der Lehrerberuf immer weniger attraktiv geworden ist. Immerhin müssen wir in Deutschland ernsthaft Sorge um den Lehrernachwuchs haben. Von den derzeit aktiven 750.000 Lehrer gehen 300.000 in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand. Es sieht nicht so aus, als könne man diese 300.000 mit jungen Lehrern ersetzen. Schließlich sei nicht vergessen, dass ein Referendar in Deutschland-West mit monatlich rund 1.000 EURO und in Deutschland-Ost mit  rund 900 EURO zurechtkommen muss, ehe ihn dann womöglich nur ein befristeter Vertrag in Zwangsteilzeit erwartet. Übrigens: 900 EURO ist weniger als das, was ein Lehrling im dritten Lehrjahr Bau bekommt.
Datenquellen: OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ 2003, Statistisches Bundesamt, Grund- und Strukturdaten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Jahresgutachten 2002/2003 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

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