| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Was ist dran am "bestbezahlten" Halbtagsjob der Welt?
| Land | Gehalt in US-$ |
Unterrichtszeit (Vollzeitstunden) |
|---|---|---|
| Australien |
39.668 |
825 |
| Dänemark |
35.297 |
640 |
| Deutschland |
49.053 |
735 |
| Frankreich |
31.507 |
637 |
| Japan |
43.043 |
557 |
| Korea |
42.713 |
553 |
| Schweiz |
54.852 |
keine Angaben |
| 1. |
Die
von der OECD angegebene Unterrichtszeit sagt nur bedingt etwas über
die Zahl der Unterrichtsstunden je Lehrer aus. Weil die Unterrichtsstunden
weltweit unterschiedlich lang dauern (von 40 bis 60 Minuten) hat die OECD
die Unterrichtszeit der Lehrer aus Gründen der Vergleichbarkeit in Vollzeitstunden
umgerechnet. Wenn ein Lehrer nach OECD-Berechnung also 750 Stunden jährlich
unterrichtet, dann hat er in Deutschland bei 45-Minuten-Schulstunden insgesamt
1.000 Unterrichtstunden, also rund 25 pro Schulwoche. |
| 2. |
Wenn
davon die Rede ist, dass deutsche Lehrer eines bestimmten Schulbereiches
laut OECD 750 Stunden „Arbeitszeit“ hätten, so ist das falsch, denn
die OECD hat die Unterrichtszeit untersucht. Man kann also nicht rechnen,
dass ein solcher Lehrer in Deutschland bei 40 Schulwochen pro Jahr eine wöchentliche
Arbeitzeit von gerade eben knapp 19 Stunden habe. Nicht erfasst ist nämlich
bei diesen Zahlen das Drumherum um den Unterricht: die Vorbereitung des Unterrichts,
das Gespräch mit den Eltern, die Zeit für Konferenzen, die Besprechung
mit Kollegen und Schulleitung und vor allem die Korrektur, die ja gerade
im Bereich der weiterführenden Schulen einen enormen Umfang ausmacht.
|
| 3. |
Die von der OECD berichtete Unterrichtszeit muss – je nach Schulart – mit dem Faktor 2 bis 2,5 multipliziert werden, damit man auf die tatsächliche Arbeitszeit eines Lehrers kommt. Dieser hohe Faktor dürfte gerade für die deutschen Lehrer so hoch sein, weil wir in Deutschland ein hochdifferenziertes Bewertungs- und Prüfungssystem haben. Viele andere Länder kennen keine schulischen Abschlussprüfungen, zum Großteil auch über viele Schuljahre hinweg keine Noten. Im Extrem bedeutet das für einen Lehrer eines Gymnasiums mit den Fächern Deutsch und Englisch, dass dieser pro Jahr bei jeweils drei Deutsch- und drei Englischklassen, also insgesamt annähernd 180 Schülern, rund 1.000 Stunden pro Schuljahr korrigiert: Klausuren, Stegreifaufgaben, Diktate, Übungsaufsätze usw. |
| 4. |
Multipliziert
man die Unterrichtszeit eines deutschen Lehrers mit dem Faktor 2 bzw. 2,5,
dann ergibt das eine wöchentliche Arbeitszeit, wie sie bereits Anfang
1973 im Auftrag der Finanzministerkonferenz errechnet wurde. Damals hatte
das sog. Knight-Wegenstein-Gutachten sogar unter Umrechnung der über
die normale Unterrichtszeit hinausgehende Ferienzeit folgende wöchentlichen
Arbeitszeiten von deutschen Lehrern errechnet: Grundschullehrer 41,5 Stunden,
Sonderschullehrer 44,2 Stunden, Hauptschullehrer 44,6 Stunden, Realschullehrer
45,1 Stunden, Gymnasiallehrer 45,6 Stunden, Lehrer an beruflichen Schulen
46,9 Stunden. Damit ergeben sich bei 40 Schulwochen pro Jahr Jahresarbeitszeiten
der deutschen Lehrer von 1.660 bis 1.876 Stunden. |
| 5. |
Diese
Arbeitsumfänge haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht
reduziert, sondern auf Grund einer problematischer gewordenen Schülerschaft
eher noch erhöht. Dem gegenüber aber sank die Arbeitszeit der Beschäftigten
in der deutschen Wirtschaft deutlich. Ein deutscher Industriearbeiter etwa
arbeitete im Jahr 2000 noch 1.491 Stunden. Zum Vergleich: Seine Kollege in
Japan 1.820, in England 1.886 und in den USA 2.188 Stunden.
|
| 6. |
Wenn deutsche Lehrer hinsichtlich Gehalt in der OECD-Spitzengruppe zu finden sind, dann hat das unter anderem seinen Grund in der hohen Arbeitsbelastung. Das Gehalt deutscher Lehrer folgt zudem auch dem Lohngefüge im gesamten deutschen Beschäftigungssystem, denn alle Berufsgruppen in Deutschland gehören im weltweiten Vergleich zu ihren jeweiligen Spitzengruppen. |
| 7. |
Wenn
der Lehrerberuf in Deutschland materiell wirklich so attraktiv wäre,
wie es die OECD-Daten und manche Interpreten unterstellen, dann stellt sich
die Frage, warum denn dann der Lehrerberuf immer weniger attraktiv geworden
ist. Immerhin müssen wir in Deutschland ernsthaft Sorge um den Lehrernachwuchs
haben. Von den derzeit aktiven 750.000 Lehrer gehen 300.000 in den kommenden
zehn Jahren in den Ruhestand. Es sieht nicht so aus, als könne man diese
300.000 mit jungen Lehrern ersetzen. Schließlich sei nicht vergessen,
dass ein Referendar in Deutschland-West mit monatlich rund 1.000 EURO und
in Deutschland-Ost mit rund 900 EURO zurechtkommen muss, ehe ihn dann
womöglich nur ein befristeter Vertrag in Zwangsteilzeit erwartet. Übrigens:
900 EURO ist weniger als das, was ein Lehrling im dritten Lehrjahr Bau bekommt. |
| © 2003 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 | ![]() ![]() |