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Berlin - Politisches Feuilleton - 26. Februar 2007
Amerikanische Verhältnisse an und um Deutschlands Schulen
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes (DL)
Es
ist gut zehn Jahre her, da wusste man, dass sich in puncto Jugendgewalt
in Deutschland etwas zusammenbraute - quantitativ und qualitativ. Das
hieß: Die Zahl der Gewaltakte Heranwachsender war gestiegen, und die
Gewaltakte waren brutaler geworden.
Im
Jahr 1993 hatten deshalb ein Bundeskanzler Kohl und eine
Bundesjugendministerin Merkel zu einem Anti-Gewalt-Gipfel ins
Kanzleramt geladen. Am Ende aber meinten viele, so schlimm sei alles
nicht, schließlich hätten wir bei weitem keine Verhältnisse wie in den
USA, wo es in Schulen laufend Tote gibt; wo der gewaltsame Tod die
häufigste Todesursache unter Jugendlichen ist; wo Sicherheitsdienste
die Schultore mit Metalldetektoren bewachen und jährlich Tausende von
Schießeisen konfiszieren.
Dieser transatlantische Vergleich mag
vor zehn Jahren noch gegolten haben. Mittlerweile hat selbst
Deutschland eine erschreckende schulische Gewaltbilanz. Rekapitulieren
wir nur die schlimmsten und spektakulärsten Fälle, bei denen in nur 8
Jahren einschließlich einzelner Täter 20 Menschen ums Leben kamen:
- Mai 1999: Ein 15-jähriger Schüler ermordet in Meißen seine Geschichtslehrerin mit 22 Messerstichen.
- März 2000: Ein 16-jähriger Schüler erschießt in Brannenburg einen Internatslehrer.
- Februar 2002: Ein 22-Jähriger erschießt in Freising den Leiter seiner
ehemaligen Schule, nachdem er zuvor zwei frühere Betriebschefs auf
gleiche Weise getötet hatte.
- April 2002: Ein 19-jähriger Schüler
erschießt in einem Erfurter Gymnasium zwölf Lehrer, eine Sekretärin,
zwei Mitschüler und einen Polizisten.
- März 2006: Das Kollegium der
Berliner Rütli-Schule fordert den Bildungssenator auf, die Schule zu
schließen, weil die Gewalt dort nicht mehr beherrschbar sei.
- November 2006: Ein 18-jähriger Schüler stürmt in Emsdetten eine Schule;
er verletzt mit Schusswaffen und Rauchbomben 37 Personen.
- Januar
2007: Eine Gruppe arabisch- und türkischstämmiger Jugendlicher schlägt
einen Schülervater, der zugleich Polizist ist, krankenhausreif, nachdem
dieser vor einer Berliner Schule einen Streit hatte schlichten wollen.
- Februar 2007: Eine Horde Jugendlicher befreit gewaltsam einen
Altersgenossen, der von der Polizei wegen Randale vor einer Nürnberger
Schule festgenommen worden war.
Was also ist los in und um
Deutschlands Schulen? Müssen Lehrer tagtäglich um ihr Leben und Eltern
um das Leben ihrer Kinder bangen? Natürlich nicht. Die genannten 8
Beispiele sind die extremen Beispiele aus 42.000 deutschen Schulen.
Aber
Wegsehen führt nicht weiter. Eine geballte Gewalt, die
gesellschaftlicher und medialer Alltag ist, schwappt mehr und mehr in
die Schulen hinein. Heile Welt ist da nicht mehr. Das hat im wahrsten
Sinn des Wortes tausend Gründe, denn von tausend Tätern hat jeder seine
ganz individuelle Vita. Allerdings gibt es Merkmale, die den meisten
heranwachsenden Gewalttätern gemeinsam sind: selbst erlebte Gewalt in
der Familie; eine Erziehung, die keinerlei Grenzen zog oder nur
verwöhnte; ein Mangel an sprachlicher Verteidigungs- und
Durchsetzungsfähigkeit; ein Mangel an Empathie/Einfühlungsvermögen;
zerbrochene Familien; Erfahrungen des Scheiterns in Schule und
Berufsbildung; ein schlechter Umgang in der Gleichaltrigen-Gruppe; die
oft genug mangelnde Integration bzw. Integrationsbereitschaft von
Migrantenkindern; letzteres oft einhergehend mit archaischen
Männlichkeitsvorstellungen.
Und dann sind da noch die Medien,
die den Heranwachsenden Gewaltmuster mittels gezielter Heroisierung und
Ästhetisierung geradezu aufdrängen. Natürlich wird keiner zum
Amokläufer, weil er einmal ein sog. Hackfleischvideo angeschaut oder
ein Killerspiel gespielt hat. Aber die Hemmschwellen werden dadurch
gesenkt. Kommen dann noch andere der genannten Faktoren und Merkmale
dazu, dann ergibt das eine hochexplosive Mischung.
Was tun?
Mit Patentrezepten ist es nicht getan, dazu sind die Täterprofile zu
individuell. Aber eines brauchen wir schon: eine
gesamtgesellschaftliche Ächtung von Gewalt. Die Medien müssen daran
mitwirken, Eltern und Lehrer ohnehin. Auch die Sportstars dürften sich
hier öfter am Riemen reißen, denn ihr Handeln ist Vorbild - im Guten
und im Schlechten. Die Schulen selbst, die Sicherheitsdienste und die
Rechtsprechung müssen konsequenter eingreifen können. Gewalttätiges
Handeln gehört klar und eindeutig sanktioniert - im Interesse der
potentiellen Opfer und im Interesse der Täter. Denn ein Gewalthandeln,
dem das Gemeinwesen nicht entgegentritt, bleibt ein erfolgreiches
Handeln, das sich alsbald wiederholt.
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