Mit dem am vergangenen
Montag im Bundesvorstand der CDU
vorgelegten Papier „Bildungsrepublik Deutschland“ droht die Union ohne
Not ein
Alleinstellungsmerkmal ihrer erfolgreichen Bildungspolitik zu opfern.
Das
Papier propagiert ein für alle Länder verpflichtendes sogenanntes
Zwei-Säulen-Modell. Danach soll es in Zukunft
neben dem Gymnasium nur noch eine Oberschule geben.
Damit folgt die
Union dem politischen Meinungsstrom und „verabschiedet sich von der
Hauptschule“, wie namhafte Zeitungen titeln. Beifall gibt es von linken
Gewerkschaften und der Opposition, die die Union auf dem Weg zu ihrem
Ziel
einer Einheitsschule sehen.
Mehrere
Gründe berechtigen die Frage: Warum tun wir uns das
an? Das vielfältig gegliederte Schulwesen hat sich in Deutschland als
Erfolgsmodell erwiesen. Jedes Kind wird hierzulande entsprechend seiner
Begabungen gefördert und gefordert. Die Bildungspolitik der Union hat
sich
immer an diesen Belangen der Kinder ausgerichtet. Die positiven Zahlen
der
unionsregierten Länder Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Thüringen
und Hessen
hinsichtlich Abschlussquoten, Studierendenzahlen und erfolgreichen
Berufseinsteigern sprechen im Ländervergleich für sich. Deshalb sollte
die Union
weiterhin nicht eine Schule für alle, sondern die richtige Schule für
jeden
anstreben.
In dem
im Dezember 2007 verabschiedeten Grundsatzprogramm
der CDU Deutschlands heißt es wörtlich: „Das vielfältige gegliederte
Schulwesen
hat sich bewährt und erfolgreich weiterentwickelt. Das Konzept der
Einheitsschule lehnen wir ab. Unsere Devise lautet vielmehr: Für jeden
Abschluss einen Anschluss. Es müssen die richtigen Rahmenbedingungen
geschaffen
werden, damit die Schulen stetig besser und den Schülern gerecht
werden.“
Dieses Programm wurde durch eine Initiative der bildungspolitischen
Sprecher
der Union ausdrücklich unterstrichen. Unter dem Titel „Vielfalt fördert
alle“
setzen sich die Unionsfraktionen für bundesweit vergleichbare
Bildungsabschlüsse, Leistungsorientierung, bessere Unterrichtsqualität
und
Verlässlichkeit ein. Das Grundsatzprogramm und diese Beschlüsse
respektieren
die unterschiedlichen Entwicklungen in den Ländern.
Die
Suche nach einheitlichen Begriffen darf nicht dazu
führen, dass die Schulmodelle in den Ländern über einen Kamm geschoren
werden.
In Hessen gibt es beispielsweise die historisch gewachsene Besonderheit
der
Integrierten und Kooperativen Gesamtschulen. Wer eine „Oberschule“ in
Hessen
einführen will, die Haupt- und Realschüler zusammenfasst, müsste die
Gesamtschulen auflösen und würde damit das gymnasiale Angebot im
ländlichen
Raum verdünnen.
Völlig
außer Blick geraten in der Diskussion um eine
„Oberschule“ ist die Tatsache, dass die Realschulen in Deutschland
mustergültig
arbeiten und ihre Vereinnahmung beziehungsweise Beseitigung durch die
„Oberschule“ eine große bildungspolitische Torheit wäre. Hinzu kommt:
Die bloße
Umbenennung einer Schulform löst die Probleme nicht. Man kann zwar die
Hauptschule abschaffen, nicht aber die Hauptschüler. Deshalb ist es
sinnvoller,
über mögliche Veränderungen in der Ausgestaltung der
Hauptschulpädagogik
nachzudenken, als eine Namens- oder Schulstrukturdebatte zu führen.
Hauptschulpädagogik muss stärker praxisorientiert sein. Es ist eine
unlängst
gesicherte Erfahrung, dass Hauptschüler zu höheren Leistungen und
Motivationen
fähig sind, wenn der Unterricht größere Anteile an Berufsbezug enthält.
Ein
weiterer Schwerpunkt muss die Verbesserung der Lehrerausbildung sein.
Gut
ausgebildete Lehrer sind der Garant für erfolgreiche Schüler. Hessen
reagiert
mit der Einführung eines Praxissemesters auf die veränderten
Anforderungen an
den Lehrerberuf.
Das
differenzierte Schulsystem muss als Markenkern der Union
erhalten bleiben. Nebenbei würde die Union damit dem mehrheitlichen
Wunsch der
Bevölkerung nach einem gegliederten Schulwesen folgen. Einer
repräsentativen
Forsa-Umfrage vom September 2009 zufolge lehnen mehr als 60 Prozent der
Bundesbürger die Einführung einer Einheitsschule ab. Dagegen spricht
sich eine
überwältigende Mehrheit von 89 Prozent für den Erhalt der Gymnasien aus.
Die
Annahme, mit der Umbenennung einer Schulform könne man
den beschriebenen Problemen entgegnen, ist ein Trugschluss. Im
Gegenteil. Wird
dieser Beschluss umgesetzt, droht der Union der Verlust eines weiteren
Markenkerns Ihrer erfolgreichen Politik.