Aber
diese vier Länder fallen quantitativ zu wenig ins Gewicht, als dass
daraus eine große Debatte geworden wäre. Das Saarland etwa mit seinen
32 grundständigen Gymnasien ist zu klein, und der Unterschied zwischen
den G8- und den G9-Durchschnittsnoten von vier Hundertstelnoten (im
Jahr 2009 Note 2,438 im G9; 2,478 im G8) war zu gering, als dass man
sich damit näher beschäftigt hätte.
In
diesem Jahr ist das alles anders. Jetzt beendeten in Bayern (Land mit
der zweitgrößten Bevölkerung) und im viertgrößten Land Niedersachsen
die doppelten Abiturjahrgänge ihre Gymnasialzeit. 410 Gymnasien
(Bayern) und 291 Gymnasien (Niedersachsen) konnten soeben ihre beiden
Entlassjahrgänge verabschieden. Im Jahr 2012 werden doppelte
Abiturjahrgänge übrigens in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und
Bremen, im Jahr 2013 dann in Nordrhein-Westfalen und Hessen folgen.
Die
Länder haben sich und ihre angehenden Abiturienten unterschiedlich auf
den jeweiligen Doppeljahrgang vorbereitet. Recht unkompliziert war es
in Niedersachsen. Der letzte G9-Zug und der erste G8-Zug (eigentlich
waren es wegen der erst 2004 abgeschafften niedersächsischen
Orientierungsstufe zwei verschiedene G7-Jahrgänge) wurden 2009 zu einer
gemeinsamen Kursphase der Oberstufe vereint. Die Abiturprüfung war für
beide, die G8-Absolventen und die G9-Absolventen, die gleiche: in vier
schriftlichen Prüfungsfächern und in einem mündlichen Prüfungsfach. Das
Abiturergebnis 2011 liegt offiziell noch nicht vor, aber erste amtliche
Erhebungen ergaben, dass die Durchschnittsnoten der G8-Abiturienten und
der G9-Abiturienten sich erst an der zweiten Stelle nach dem Komma
unterscheiden und dass die Ergebnisse der beiden Jahrgänge des Jahres
2011 sich weitgehend mit dem Ergebnis der Abiturprüfung des Jahres 2010
decken, also vermutlich bei einem Schnitt um 2,50 landen werden. Ob
damit bewiesen ist, dass die G8-Abiturienten ebenso gut sind wie die
G9-Abiturienten, sei dahingestellt. Intern meint man in vielen
Lehrerkollegien, das Ergebnis hätte kaum anders sein können, weil die
Prüfungsanforderungen nicht gerade überzogen anspruchsvoll waren.
Völlig
anders die Regeln in Bayern: Dort wurden die Abiturprüfungen des
letzten G9- und des ersten G8-Jahrgangs ebenso wie deren jeweils letzte
beiden Schuljahre zeitlich und prüfungsrechtlich entzerrt. Der letzte
bayerische G9-Jahrgang wurde im Wesentlichen in der gleichen Weise wie
alle früheren G9-Jahrgänge zu seinem Abitur mit vier Prüfungsfächern
geführt. Allerdings wurden das dritte und das vierte G9-Kurshalbjahr
(13/1 und 13/2) jeweils um ein paar Wochen verkürzt, so dass die
G9-Abiturienten ihr Reifezeugnis bereits Anfang Mai 2011 in Empfang
nehmen konnten. Man wollte ihnen auf diese Weise den Einstieg in das
Sommersemester 2011 ermöglichen. Damit im letzten G9-Jahrgang möglichst
wenige "hängenbleiben", waren die Bedingungen für die Zulassung zur
eigentlichen Abiturprüfung liberalisiert worden. Durch eine Nachprüfung
konnten Schüler, denen früher wegen nicht hinreichender Notenbilanz die
Zulassung zur Abschlussprüfung verweigert worden war, bis zu drei nicht
ausreichende Halbjahresleistungen durch sogenannte Nachprüfungen
kompensieren. Das durchschnittliche G9-Notenergebnis ist bayernweit
nunmehr 2,42. Es liegt damit im vorderen Bereich des Spektrums früherer
bayerischer Abiturschnitte, die sich zwischen 2,40 und 2,50 bewegten.
Durchgefallen sind an den mehr als 400 bayerischen Gymnasien aktuell
etwas mehr als 300 der insgesamt 35 000 G9-Kandidaten.
Ganz
anders gestaltete Bayern den Oberstufendurchlauf und die
Abschlussprüfung der G8-Abituraspiranten. Statt der vier
Abiturprüfungsfächer im G9 mussten sich die G8-Abiturienten fünf
Prüfungsfächern stellen. Darunter sind verbindliche schriftliche
Prüfungsfächer Deutsch und Mathematik, ferner eine Fremdsprache als
mündliches oder als schriftliches Fach sowie zwei weitere Fächer.
Insgesamt müssen drei der fünf Fächer schriftliche Prüfungsfächer sein.
Das schien zunächst eine Verschärfung der Bestimmungen zu sein, die
sich in schwächeren Noten hätte abbilden können. Dieser Gefahr steuerte
man allerdings administrativ frühzeitig gegen. Wie jeder Schulkundige
weiß, fallen schriftliche Leistungsfeststellungen strenger aus als
mündliche. Bis dahin war es Vorschrift, dass schriftliche Leistungen
zweifach und mündliche Leistungen einfach verrechnet wurden. Für das G8
wurde diese Formel geändert. Statt zwei zu eins wurde nun eins zu eins
gerechnet. Bereits im Frühjahr 2010 waren die Notendurchschnitte der
ersten G8-Abiturienten in der 11. Klasse um rund 0,3 herkömmliche Noten
besser als die der letzten G9-Abiturienten in der 12. Klasse. Ein
ministerielles Monitoring hatte dies ergeben. Dieser Unterschied
zwischen G8- und G9-Noten blieb weitgehend bis in die Gesamtbilanz des
Abiturs im Jahre 2011 erhalten. Zwar liegt auch für Bayern die
Gesamtbilanz 2011 noch nicht vollständig vor. Bei einer
parlamentarischen Ministeranhörung gab Bayerns Kultusminister Ludwig
Spaenle (CSU) allerdings zu erkennen, dass die G8-Abiturienten im
Endeffekt rund zwei Zehntel besser lägen als die G9-Abiturienten, also
zwischen 2,20 und 2,30 gelandet seien, dass sich ferner der Anteil der
Einser-Abiturienten des G8 gegenüber dem G9 um rund 40 Prozent erhöht
und dass sich die Zahl der Spitzenabiturienten, die alle
Voraussetzungen für eine spezielle Begabtenprüfung erfüllten, gegenüber
dem G9 fast verdoppelt habe. Spaenle gab zugleich zu Protokoll, dass im
G8 mehr Kandidaten durchgefallen seien als im G9. Er wollte dies als
Beleg dafür sehen, dass das G8 trennschärfer oder sogar strenger als
das G9 sei. Als Spaenle kurzfristig - nach Abschluss aller Prüfungen -
außerdem noch anordnete, dass in den Pflichtfächern Deutsch, Mathematik
und Fremdsprache nicht nur einmal 1 Notenpunkt (Note 5 minus) und
zweimal 5 Notenpunkte (Note 4), sondern bei letzteren beiden Leistungen
auch einmal 4 Notenpunkte (Note 4 minus) ausreichten, ging ein Raunen
durch Bayern.
Ministerielle
"Feinjustierungen" dieser Art sind möglich, womöglich auch politisch
oder pädagogisch geboten, zumal sie den Vereinbarungen der
Kultusministerkonferenz entsprechen. So manche Interpretation der
vorliegenden Bilanzunterschiede bedarf freilich der Ergänzung. Die
gesteigerte G8-Durchfaller-Quote jedenfalls kann nicht als Ausweis
strenger Abiturregeln gelten. Im G8-Abitur sind nämlich Schüler
gescheitert, die nach G9-Bestimmungen die Zulassung zum Abitur gar
nicht erst bekommen hätten und damit in der Durchfaller-Statistik nicht
erschienen wären. Ebenso erscheinen die Durchfaller nicht in der
Durchschnittsnote eines Landes. Insgesamt aber kann mit Blick auf die
Bilanzen und mit Blick auf Zehntelnoten, die bei Bewerbungen um
Studienplätze entscheiden, nur bedingt von einer Gleichbehandlung der
G9-Abiturienten mit den G8-Absolventen und umgekehrt gesprochen werden.
Ohne die Leistung der jungen Leute abwerten zu wollen, muss man
festhalten: Die G8-Absolventen sind nicht besser, aber sie schneiden
besser ab; und die G9-Abiturienten sind nicht schlechter, im Gegenteil:
sie sind persönlich eindeutig reifer, aber sie schneiden schlechter ab.
Wie
geht es weiter? Die positiven G8-Notenbilanzen werden in den kommenden
Jahren vermutlich zugleich eine abkühlende und eine aufheizende Wirkung
entfalten. Abkühlen wird sich die Debatte um das G8, weil man nun zur
Kenntnis nehmen kann, dass das vielbeklagte, ach so stressige G8 eben
doch schöne Bilanzen ergibt. Aufheizen wird sich die Lage vor Ort. Es
ist ja schon seit geraumer Zeit so, dass viele Schüler und ihre Eltern
in der gymnasialen Oberstufe jede einzelne Klausur- und Referats-Note
unterhalb eines zweistelligen Oberstufen-Punkteergebnisses (also
unterhalb 10 Punkten, das heißt einer Zwei minus) als Katastrophe
empfinden. Schließlich "weiß" man nun ja aus dem ersten G8-Jahrgang,
dass 10 oder 11 Punkte (also eine 2 minus oder eine 2) Standard sind.
Dass das arithmetische Mittel der sechsstufigen Notenskala 3,5 ist,
wird noch mehr in Vergessenheit geraten. Und es werden noch mehr Eltern
als bislang bei den Gymnasialdirektoren vorstellig werden, um eine
"motivierendere Notengebung", also den Verzicht auf die Vergabe von
Noten unterhalb der Zwei, einzufordern. Auf die Schulen kommt da eine
Menge zu, lässt sich die Forderung nach guten Noten doch mit Hinweis
auf die Zukunftsperspektiven der jungen Leute bestens begründen.
Wenn
sich die Noten der Abiturzeugnisse im Schnitt weiter in Richtung 2,0
bewegen, dann werden die Hochschulen ihr bislang eher virtuelles
Steckenpferd endgültig auspacken und das Abitur durch ein "Aditur",
also eine Zugangsprüfung, ersetzen. Die Hochschulen selbst freilich
haben nicht unbedingt Grund, über zu gute Abiturnoten zu klagen. Es ist
hinreichend bekannt, dass es Studienfächer gerade im geistes- und im
sozialwissenschaftlichen Bereich gibt, in denen die Note 1 oder
schlechtestenfalls die Note 2 Standard sind. Von dem, was jüngst über
so manche Promotion bekanntgeworden ist, ganz zu schweigen!
Offensichtlich
neigt die Schulpolitik unter dem Eindruck einer teilweise
übermotivierten Elternschaft mehr und mehr dazu, gefällig zu sein.
Wichtige Weichenstellungen in der Biographie eines jungen Menschen
werden damit immer weiter nach hinten verlagert und schließlich einem
rigorosen Markt überantwortet. Gewiss kann man alle jungen Leute mit
einem auf dem Papier guten Abiturzeugnis ausstatten. Zunächst kommt das
gut an. Was aber Ausweis von Studierreife sein soll, droht dann durch
punktuelle, weniger valide Zugangstests der Hochschulen oder der
Arbeitgeber ersetzt zu werden.
Der
Autor ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL).