DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 02.02.2012

Maximale Verwöhnung, gigantischer Erfolgsdruck

  

Wie Helikopter-Eltern den Schulen den Alltag und ihren überbehüteten Kindern die Reifung erschweren


von Josef K r a u s



Es gibt immer mehr schwierige Eltern, die den Kindern wie auch den Schulen das Leben schwermachen. Waren bislang die an Bildungsfragen weitgehend desinteressierten Eltern die schwierigsten, so gesellen sich zu dieser Problemgruppe immer mehr Eltern, die das völlige Gegenstück sind: Eltern, die geradezu obsessiv entschlossen sind, alles und noch mehr für ihr Kind zu tun. Früher waren das ein paar nicht nur wohlwollende, sondern auch wohlhabende Eltern. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: die meisten Eltern haben erfreulich bodenständige Vorstellungen von Erziehung und Bildung. Und es gibt auch Ungereimtheiten in den Schulen, die angesprochen und bereinigt werden müssen.  Außerdem gibt es tatsächlich Kinder, die des besonderen Schutzes bedürfen.


Doch heute geht das Prinzen- und Prinzessinnensyndrom quer durch alle Schichten. Seine Majestät, das Kind - ein wenig Alltag: Da haben wir die Mama, die ihre fast volljährige Tochter mit dem Auto bis vor die Tür des Unterrichtsraumes fährt, weil es gerade zu regnen begonnen hat, und damit die Schulzufahrt blockiert. Da haben wir Eltern, bei denen es nichts gibt, worüber sie sich nicht aufhalten könnten - über die Zahl der Englischvokabeln; über die Sitzordnung in der Klasse; über die unvermeidbare Zuteilung ihres Kindes zu einer bestimmten Klasse; über die Tatsache, dass „unsere“ Klasse zwei Schüler mehr hat als eine Parallelklasse; über das Gewicht des Schulranzens; über das Fehlen eines Salatblattes auf dem in der Pause erworbenen Wurstbrötchens; über den fehlenden Wasserspender im Klassenzimmer. Dann gibt es Eltern, die ihr Kind „krankmelden", weil es gerade keine Lust zum Schulbesuch hat. Da haben wir den Papa, der mit einem Anwalt droht, weil ein Schulbusfahrer seinen Sohn zurecht, aber eben etwas heftiger ermahnt hat. Da haben wir eine Mutter, die es lautstark für eine Frechheit erklärt, dass ein Lehrer ihrer Tochter während des Unterrichts das Handy abgenommen und damit die Vereinbarung eines Abholtermins unmöglich gemacht hat. Da haben wir die Eltern, die einen „Lehrer“ aus dem Bekanntenkreis bemühen, er möge doch die Leistungsnachweise des eigenen Sprosses nachkorrigieren, und die schon mal wegen einer Note 3 mit juristischen Schritten drohen. Und es gibt auch den Vater, der es nicht akzeptieren will, dass sein verhaltensauffälliger Sohn binnen eines Quartals bereits sieben schriftliche Ermahnungen kassiert hat, und der auf drei Seiten ausführt, dass die Schule doch gefälligst kreative Menschen und keine Duckmäuser heranziehen solle.

 

Sodann gibt es immer häufiger Eltern, die ihrem Kind ohne genauere Kenntnis der Situation die Diagnose „Mobbingopfer“ ausstellen, um Schulunlust, schlechte Noten oder eigenwilliges Verhalten ihres Kindes zu rechtfertigen. Es sei die These gewagt, dass „Mobbing“ zu einer elterlichen Trenddiagnose geworden ist, die in bald fünfzig Prozent der Fälle gar keinen Mobbinghintergrund hat. Ja, und dann haben wir so manche übersensible oder auch trickreiche Eltern, die ständig auf der Jagd nach Gutachten sind, in denen ihrem Kind ADH, ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie oder unentdeckte Hochbegabung attestiert wird.

Wenn sich Eltern mit solchen Gesinnungen zusammentun, dann werden Elternabende zu Inquisitionsabenden und das bislang individuelle Prinzensyndrom wird zum kollektiven: Warum haben Sie keinen bilingualen Unterricht? Warum praktizieren Sie keine modernen Unterrichtsformen wie Materialtheke oder Wochenplanarbeit? Warum geben sie nicht mehr Einsen und Zweien her, um die Kinder zu motivieren? Findet das Ganze auch noch auf der Ebene von Vereinszusammenschlüssen statt, dann tönt es durch das Land: "Die Lehrpläne müssen entrümpelt werden! Warum heute noch „Faust“ und Shakespeare! Unsere Kinder sind einem unmenschlichen Stress ausgesetzt!"

Eltern und Kinder aus dem fernen Osten würden den Kopf schütteln, worüber man sich bei uns grämt. In deren Kopfschütteln wird sich die klammheimliche Hoffnung mischen, dass exakt diese Attitüden der Grund sein könnten, warum die Asiaten die Deutschen demnächst überholt haben werden. Gelegentlich ist man sogar versucht zu fragen, warum die rund 60 Millionen erwachsenen Deutschen keine 60 Millionen Psychopathen und Neurotiker sind. Schließlich hatten sie jahrzehntelang ja keine Rundum-Betüttelung, kein „Helicopter-Parenting“ ständig herumschwirrender Eltern und in den seltensten Fällen Mütter und Väter, die bereits wegen Kleinigkeiten in Personalunion als Strafverteidiger und Staatsanwälte zugleich in die Schulen stürmten.

Hier zeigt sich eine Überempfindlichkeit ab, wie sie nur Hans-Christian Andersens Prinzessin vorlebte, als sie durch zwanzig Matratzen und zwanzig Daunendecken hindurch eine Erbse spürte: „Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so dass ich am ganzen Körper ganz braun und blau bin.“ Für einen Psychoanalytiker indes ist die Sache hochinteressant. Die Betüttelung und die Idealisierung des Kindes haben mit Projektionen zu tun. Eigene Wünsche, womöglich unerfüllte, und Zukunftsängste werden in das in vielen Fällen einzige Kind hineinprojiziert. Werden diese Wünsche vom Kind oder dem Kind nicht erfüllt, wird daraus für Eltern schnell eine narzisstische Kränkung. „Es kann doch nicht sein, dass wir in Mathe wieder eine Fünf kassiert haben, wir haben doch so viel miteinander geübt.“ Solche Sätze kommen gar nicht selten aus Elternmund. Die Eltern signalisieren damit, dass sie Externe, nämlich Lehrer, für die schlechten Leistungen ihrer Kinder verantwortlich machen möchten.

Dabei wäre es oft so unendlich wichtig, dass sich Eltern zurücknehmen, anstatt sich in einer das Kind fesselnden Distanzlosigkeit in eine totale Symbiose zu begeben. Dass viele Eltern ihre Kinder heute immer später bekommen und auch deswegen immer weniger intuitiv erziehen, spielt ebenfalls eine Rolle. Ein schlechtes Gewissen tut ein Übriges. Es könnte ja sein, das man als Elternpaar oder zumal als Alleinerzieher doch nicht alles für das Kind getan hat. Ja, es könnte sogar sein, dass einem das Kind seine Liebe entzieht.

Diese Psychodynamik geht nicht selten einher mit verklärten Visionen von einem perfekten, tollen Kind. Daraus entsteht für Kinder eine fatale Gemengelage aus maximaler Verwöhnung und gigantischem Erfolgsdruck. Da werden oft schon lange vor der Einschulung wahre elterliche Förderorgien inszeniert. Das kommerzielle Angebot passt sich dem an bzw. es schafft die entsprechende Nachfrage. Und so prasseln auf verunsicherte und überehrgeizige Eltern Ratschläge in einer Art und Weise ein, wie es bei Arzneimittel-Empfehlungen nie und nimmer zulässig wäre: Little-giants-Kindergärten mit integrierten Science-Labs; „Babytuning“ für die VIBs (Very Important Babies); „FasTracKids“; Englisch für Säuglinge; Early Learning Centers für 1000 Euro pro Monat; Luxuskitas; Portfolios und Potentialanalysen für Dreijährige. Mozart schon im Mutterleib, das ist längst bekannt. Bloß kein „Zeitfenster“ versäumen, in dem Kinder geprägt werden könnten oder eben irreversibel nichts lernen, heißt vielfach die Devise, die angeblich aus der modernsten Hirnforschung stammt. Peter Sloterdijks boshafter Begriff der „Fötagogik“ liegt gar nicht zu weit daneben. Und die Ratgeberindustrie boomt gerade in diesem Bereich. Dabei ist sie oft genug das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt, vor allem wenn sie als vorwurfsvolle und hybride Psychologisierung von Erziehung daherkommt.

Genährt freilich wird das Förderwettlauf, das das Kind zum Adressaten elterlicher Investition macht, auch von einer Politik, die unter Einflüsterung einer OECD in weiten Teilen zu einer Abiturvollkasko-Propaganda verkommen ist und die suggeriert, unterhalb eines Masterabschlusses gehe heute doch gar nichts mehr, wenn man seine Kinder zukunftstüchtig machen wolle. Eine quasimoderne Pädagogik, die das narzisstische Selbst der Kleinen zum Fetisch erhoben hat, spielt ebenfalls eine Rolle. Ihre Zielbeschreibungen lauten: Selbstentfaltung, Selbstevaluation, Selbstregulierung, Selbstverwirklichung, Selbstzentrierung. Nicht angesagt sind leider: Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin, Selbstironie, Selbstkritik, Selbstlosigkeit. Und dass aus lauter Selbst Selbstbesessenheit, Selbstbetrug, Selbstgerechtigkeit, Selbstherrlichkeit, Selbstüberschätzung werden können, darüber grämt man sich kaum. Autismus scheint zur (Unterrichts-)Methode werden zu müssen. Das Kind soll alles dürfen, aber nichts sollen. Ob die folgende Schülerfrage wirklich so gestellt wurde oder ob sie nur treffend erfunden ist, sei dahingestellt: „Frau Lehrerin Sowieso, dürfen wir heute, was wir sollen, oder müssen wir wieder, was wir wollen?“ All das ist falsch. Kinder sind mit zu vielen Freiräumen überfordert. Kinder sind auch überfordert, wenn man ihnen weismacht, sie seien mit den Eltern und mit den Lehrern auf Augenhöhe, sie seien gar deren Partner.

Das Risiko des Scheiterns, Enttäuschungen und Niederlagen gehören auch zum Leben. In altersgemäßer Dosis muss ein Kind das erfahren dürfen, sonst entwickelt es weder die Fähigkeit, damit umzugehen, noch das Selbstbewusstsein, mit Problemen selbst fertig zu werden, noch die Bereitschaft, erst einmal eigene Kräfte zu mobilisieren. Viele Eltern - und auch Lehrer - machen es den Kindern zu einfach, sie muten den Kindern zu wenig zu, und sie trauen ihnen zu wenig zu. Soweit überhaupt vorhanden, verkümmern dadurch die Bereitschaft zur Eigenverantwortung und die Fähigkeit zur Resilienz, also die Fähigkeit, sich nach Frustrationen und Niederlagen zu fangen oder gar gestärkt daraus hervorzugehen. Kindern in der Gluckenfalle wird damit eine wichtige Mitgift für das Leben vorenthalten. Deshalb gilt auch hier: Gutgemeint ist oft das Gegenteil von gut. Die Schulen müssen den Mut haben, ihren Schülereltern solches zu sagen.




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