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Aus dem FOCUS vom 2. Oktober 2000
13 Jahre bis zum Abitur statt "fast education"!
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Karl Jaspers schrieb in seinem
1966 erschienen Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik?": „Es
ist das Schicksal eines Volkes, Die Vorstellung von einem Abitur nach 12
Schuljahren wird durch gebetsmühlenhaftes Wiederholen nicht richtiger.
Die von den Verkürzern bemühten Vergleiche hinken: England, Luxemburg
und mehrere Kantone der Schweiz haben 13, die Niederlande und Island 14
Jahre. Länder mit 12 Jahren schließen mit eingeschränkter
Hochschulreife ab. Frankreich kennt auf dem Papier 12, wegen der Repetentenquote
von 70 Prozent und der für viele Studienaspiranten üblichen "classe
préparatoire" realiter 13 oder 14 Jahre. Das überdurchschnittlich
hohe Berufseintrittsalter deutscher Akademiker geht somit nicht auf das
Konto der Schulzeit, sondern auf die Konten einer späten Einschulung
bei fast sieben Lebensjahren, des Wehr- bzw. Ersatzdienstes sowie langer
Studienzeiten. Schulische „fast education“ indes provoziert noch höhere
Quoten an Studienabbrechern und weiter verlängerte Studienzeiten.
Eine Verkürzung erbringt auch keine Einsparungen. Es entstünden
nämlich Mehrkosten in den Hochschulen, die systemwidrig kompensieren
müssten, was die Schule versäumt. Außerdem drängen
bei einer Umstellung auf ein gekürztes Gymnasium mit einem Male zwei
Jahrgänge, also 500.000 statt sonst jährlich 250.000 junge Leute,
auf den Markt. Ein gewaltiger Sprengstoff! Reifung braucht ansonsten Zeit.
Die Kappung eines Schuljahres entzöge jungen Menschen wichtige außerschulische
Erprobungschancen. Außerdem: Was wäre das für ein Gymnasium,
das keine Zeit mehr hätte für Schüleraustausch, Orchester,
Schultheater, Wettbewerbsgruppen! Schule darf jedenfalls nicht noch weiter
dekultiviert werden. Ein flacher Ökonomismus ist in Sachen Bildung
fehl am Platz.
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