DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Aus "Die Tagespost" vom 19. Februar 2008

"Mutige Politik würde zu dreizehn Schuljahren zurückkehren"

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands:
Das achtjährige Gymnasium entspricht nicht europäischem Durchschnitt



Von Alexander Riebel


Ist der Rücktritt der hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) ein Zeichen dafür, dass Schule und Bildungspolitik eine größere Rolle bei Wahlen spielen wird?

Schule und Bildungspolitik haben bei den Landtagswahlen der letzten Jahre eine herausgehobene Bedeutung gehabt. Das gilt für die Wahl in Niedersachsen, für die aktuelle Wahl in Hessen und dort auch für alle Landtagswahlen seit den späten 70er Jahren. Wenn Schulpolitik eine Rolle gespielt hat, ist es in der Regel immer zugunsten der Unionsparteien ausgegangen. Jetzt ist es das erste Beispiel in der jüngeren Geschichte, dass es zu Ungunsten der Union ausgegangen ist. Wohl darum, weil man Verwerfungen, die durch die G8-Einführung zustande kamen, seitens der Politik in Hessen unterschätzt hat und Karin Wolff vielleicht ein bisschen zu lange beratungsresistent war.

Hat Deutschland wirklich mit dem achtjährigen Gymnasium den europäischen Durchschnitt mit zwölf Schuljahren erreicht?

Dieser europäische Vergleich ist völlig schief, denn es gibt Schulsysteme in Europa, die – auch was die Altersstaffelung betrifft –, nicht vergleichbar sind. Ebenso wenig wie das Abschlussniveau der studienvorbereitenden Schulen. Wir haben in Deutschland eine allgemeine Hochschulreife, wie es sie in anderen Ländern nicht gibt. Und wir haben ein Abiturprinzip, nicht wie sonst in anderen Ländern ein Aditur-Prinzip, also eine Zugangsprüfung. Außerdem gibt es auch Länder, die dreizehn oder vierzehn Jahre zum Eintritt ins Studium vorschreiben, wie Frankreich, Großbritannien oder die Niederlande. Da macht es sich also die Politik ein bisschen zu leicht, wenn sie sich nur am Alter orientiert.

In einigen Bundesländern wird die Einführung des Schulunterrichts am Samstag erwogen, um die Schüler zu entlasten. Klingt das nicht zynisch?

Vor dreißig Jahren hat man den Samstagsunterricht abgeschafft. Das kam de facto der Streichung eines Schuljahres gleich. Jetzt nach Streichung eines weiteren Schuljahres will man den Samstag wieder draufpacken. Ich sehe das von zwei Warten her und damit ambivalent. Pädagogisch und lernpsychologisch betrachtet wäre verteiltes Lernen und damit die Wiedereinführung des Samstagsunterrichts durchaus erwägenswert. Man könnte sich Nachmittagsunterricht sparen, die Schüler würden nicht in ein so tiefes Wochenendloch fallen. Das andere ist natürlich, dass Samstagsarbeit generell heute kaum noch gesellschaftlich vermittelbar ist, die Eltern ihre Kinder ganz gerne ab Freitag Nachmittag für das Wochenende zur Verfügung haben.

Wie könnte man aus Ihrer Sicht die gymnasiale Situation verbessern?

Wenn die Politik mutig und selbstkritisch wäre, dann würde sie sagen: Das war ein Fehler, wir gehen wieder auf dreizehn Schuljahre. Dadurch, dass wir ja noch keinen G8-Abiturjahrgang hatten – der erste kommt frühestens in dreieinhalb Jahren – wäre das organisatorisch möglich. Gerade bei den schwächeren Gymnasiasten könnten wir damit eine Entlastung schaffen.

Wird es mit G8 mehr Abiturienten geben?

Man will einerseits die Abiturienten- und Studierquote erhöhen, aber will gleichzeitig das G8 trotz einer erheblichen Überforderung des schwächeren Gymnasiastendrittels: Das passt nicht zusammen. Ich glaube nicht, dass wir mit einem G8 in der jetzigen Form die Abiturquote bei gleichbleibender Qualität erhöhen können.


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