Das
neue
Büchlein von Josef Kraus mit dem obigen Titel hat es mal wieder in
sich: klein,
aber oho. In 33 Kapiteln, deren Überschriften bereits Thesencharakter
haben und
die Stoßrichtung des Büchleins verdeutlichen, spießt Kraus die
Fehlsteuerungen
der modernen Bildungspolitik so klarsichtig wie erbarmungslos auf: Zur
Schule
gehören Noten und Zeugnisse, Zum Leben gehört das Risiko des
Scheiterns, Die
Debatte um Bildungsgerechtigkeit ist nichts anderes als der
sozialromantisch
kaschierte Wunsch, über die Schule Gleichmacherei zu betreiben, Das
deutsche
Bildungswesen bietet eine ausgeprägte Durchlässigkeit, Wir brauchen
Bildung
statt PISA, Inhalte sind wichtiger als Methoden, Der lehrerzentrierte
Unterricht bedarf dringend einer Renaissance und vieles mehr. Das
letzte
Kapitel ist betitelt: Ein Bildungsföderalismus garantiert Wettbewerb um
die leistungsfähigsten
Bildungssysteme. Ein Bildungszentralismus aber vereinheitlicht
Ansprüche auf
niedrigstem Niveau. Kraus läßt das Büchlein mit der Überlegung
ausklingen, daß
die bisherige Form des Bildungsföderalismus wenigstens ein Minimum an
Wettbewerb garantiert. „Daß die süddeutschen Länder in Leistungsstudien
gut, so
manch andere schlecht abschneiden, ist immerhin ein konstruktiver
Stachel. Was
noch fehlt, das ist eine Kultusministerkonferenz, die endlich vom
Einstimmigkeitsprinzip befreit wird und dann aufhören kann, sich am
langsamsten
der 16 deutschen Länder zu orientieren.“ Goldene Worte, die voll ins
Schwarze
treffen.
Die einzelnen Kapitel sind sehr kurz, maximal zweieinhalb Seiten. Sie
verdeutlichen in kondensierter Form die Aussage der jeweiligen
Überschrift. Wer
die Schriften von Josef Kraus verfolgt hat, stößt auf manches Bekannte.
Wiederholungen sind in der Auseinandersetzung der bildungspolitischen
Lager
unvermeidlich. Aber das stört nicht, es wirkt vielmehr bestätigend,
wenn
Kerngedanken, jeweils neu eingebettet, immer wieder ins Bewußtsein
gerufen
werden. Beispielsweise ist es relativ unverfänglich, gegen
Gleichmacherei zu
sein. Wenn man die Aussage ins Positive kehrt und sagt, wofür man dann
logischerweise eintritt, klingt sie eindeutiger, kämpferischer. Mancher
mag
sich überlegen, ob er sich so weit exponieren will. Josef Kraus macht
Mut zur
Eindeutigkeit. Schule, sagt er, ist eine Institution zur Förderung von
Verschiedenheit. Verschiedenheit ist keine Ungerechtigkeit. Vielmehr
ist nichts
so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher. Damit ist Auslese
eine
notwendige Voraussetzung für die individuelle Förderung von Kindern.
Eindeutigkeit ist das Markenzeichen des Büchleins. Immer wieder stößt
man auf
gelungene Formulierungen, etwa: Anlage und Umwelt wirken zusammen wie
Boden
und Klima. Der beste Boden bringt keine reiche Ernte, wenn das Klima
miserabel
ist, und das beste Klima läßt nicht üppige Früchte tragen, wenn es der
Boden
nicht hergibt. Oder: Eine Abschaffung des Sitzenbleibens käme einem
Recht auf
Wohlfühlschule mit Abiturvollkaskoanspruch gleich. Oder: Mit der
Abschaffung
der Hauptschule wird kein schulpolitisches oder schulpädagogisches
Problem
gelöst, es wird nur umetikettiert. Oder. Der Staat hat eine
Bringschuld, das heißt,
er muß ein möglichst leistungsfähiges und differenziertes Bildungswesen
vorhalten. Die Absolventen haben aber auch eine Holschuld. Wer die
Chancen
nicht nutzt, der kann sich nicht auf die angebliche Selektivität des
Systems
berufen, sondern er praktiziert Selbstselektion.
Im letzten Teil des Büchleins nimmt Kraus einige Fächer unter die Lupe.
Die
Auswahl, das sei vorsichtshalber angemerkt, ist nach dem
Gefährdungsgrad
erfolgt, so daß andere wichtige, aber weniger gefährdete Fächer nicht
erwähnt
sind. Die Gefährdung betrifft, fast könnte man es vermuten, vor allem
die
geisteswissenschaftlichen Fächer, an erster Stelle Deutsch. Keine
andere
Nation, konstatiert Kraus, geht schulisch so gleichgültig mit der
eigenen
Muttersprache um wie die deutsche. Nur 16 Prozent des gesamten
Unterrichts sind
bei uns der Landessprache als Unterrichtsfach gewidmet, während die
meisten
anderen Länder auf 23 bis 26 Prozent kommen. Und dann zählt er die
Juckepunkte
auf: Frühenglisch auf Kosten des Deutschen, Beliebigkeit der Texte
statt
Kanon, Texthäppchen, Lückentexte, Multiple-Choice-Tests,
Rechtschreibreform,
phonetische Schreibung in der Grundschule, Abschaffung der
Schreibschrift. „Das
Beherrschen der Landessprache,“ lautet der letzte Satz des Kapitels,
„ist die Basis
jeder Bildung.“ Wohin man auch schaut, wird Klartext geredet.
Das Büchlein ist trotz seines überschaubaren Umfangs gehaltvoll und je
nach
Ausgangslage weltbild-korrigierend oder weltbildbestätigend - in jedem
Fall ein
Gewinn. Es liest sich schnell und flüssig.
Josef Kraus, Bildung geht nur mit Anstrengung - Wie wir wieder eine
Bildungsnation werden können, Classicus Verlag, Hamburg, 2011, 100
Seiten, ISBN
978-3-942848-27-5, 9,90€