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Aus "Die Tagespost" vom 05. April 2011
Grün-Rot will abreißen und wegwerfen In Baden-Württemberg steht die radikale Deformation eines
erfolgreichen Bildungswesens bevor. Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) Wenn es nach den Visionen der designierten grün-roten
Koalition in Baden-Württemberg geht, dann brechen dort in der Bildung bald
paradiesische Zeiten an. Die beiden Parteien haben sich zwar noch nicht auf
einen Koalitionsvertrag geeinigt. Welche Bildung man zukünftig im „Ländle“ aber
haben will, das lässt sich ziemlich deckungsgleich den Wahlprogrammen der
beiden Parteien zur zurückliegenden Landtagswahl vom 27. März entnehmen. Die
Grünen hatten das entsprechende Kapitel ihres Programms mit dem Titel
überschrieben: „Baden-Württemberg braucht alle Talente – von Anfang an“. Im
Regierungsprogramm der SPD lautete die entsprechende Überschrift „Für ein
kluges Baden-Württemberg – Beste Bildung für alle“. Auf jeweils rund 20 Seiten
werden dort Diagnosen und Reformen ausgebreitet, die das überaus erfolgreiche
Bildungswesen Baden-Württembergs in kürzester Zeit nicht mehr erkennen lassen
werden. Bündnis 90/Die Grünen gehen davon aus, dass
Baden-Württemberg in der Bildung zwar „noch einen Spitzenplatz“ im
internationalen Vergleich einnimmt, dass es aber von anderen Ländern mit
ähnlicher Wirtschafts- und Sozialstruktur „längst abgehängt“ ist. Welche Länder
damit gemeint sind, bleibt allerdings das Geheimnis der Verfasser des Papiers. Das gerne für solche Vergleiche immer wieder bemühte
Schweden kann es nicht sein, denn dieses Land liegt bei PISA deutlich hinter
Baden-Württemberg. Finnland kann es auch nicht sein, denn Finnland hat eine
völlig andere Sozialstruktur, nämlich einen um das Zehnfache geringeren
Migrantenanteil als das „Ländle“. Und dass Bayern gemeint sein könnte, ist auch
ausgeschlossen, denn das bayerische Bildungswesen ist für die Grünen ja noch
mehr „igittigitt“ als das baden-württembergische. Sodann kümmert sich das „grüne“ Programm um die
frühkindliche Bildung „ab dem ersten Lebensjahr“. Fast ist man geneigt, einen
Abschnitt über pränatale Bildung zu vermissen. Aber lassen wir Polemik
beiseite. „Basis für ein gerechtes Bildungssystem“, so die Grünen, sei es
jedenfalls, „Kinder möglichst früh qualifiziert und individuell zu fördern“.
Dafür will man einen „Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Betreuungs- und
Bildungseinrichtung für Kinder unter drei Jahren“. Und damit all dies
funktioniert, sollen bis Mitte 2012 bereits 5 000, insgesamt 12 500 neue
Fachkräfte für die frühkindliche Bildung eingestellt werden. Entsprechend dem
„Gender-aspekt“ soll der bislang nur zwei Prozent umfassende Anteil des männlichen
Personals gezielt erhöht werden. Kernstück des „grünen“ Programms ist die Schulpolitik. Man
müsse aufhören, so das Programm, „Kinder früh in verschiedene Schubladen zu
sortieren“, man müsse Versagensängste der Schüler beseitigen und die soziale
Ungerechtigkeit des Schulwesens als die maßgeblichen „Blockaden für
Schulentwicklung“ abbauen. Der Verzicht auf das „Sortieren von Schülern“ sei
schließlich weltweiter Standard. Die Durchlässigkeit des
baden-württembergischen Schulwesens, nämlich dass ein Drittel der Abiturienten
die Studierberechtigung über ein berufliches Gymnasium erwirbt, wird von den
„Grünen“ als Beleg für das Scheitern des gegliederten Schulwesens erachtet.
Allein diese Betrachtung zeigt, wie stark die ganze Herangehensweise von
Zerrbildern geprägt ist. Immerhin ist dieses Faktum ja gerade ein Beleg für die
Durchlässigkeit, auch für die soziale Durchlässigkeit des Schulwesens im
Südwesten. Völlig nebulös ist an späterer Stelle des Programms die Behauptung,
in Baden-Württemberg würde ein „Viertel der SchülerInnen verloren gehen.“ Fast
im gleichen Atemzug heißt das Patentrezept dann: Gemeinden gestalten ihre
Schulen; zum Beispiel sollen die Gemeinden „Schulleitungen auf Zeit“ wählen
können. Da ist sie also wieder, die basisdemokratische Vision der Grünen, die
freilich im Endeffekt auf eine völlige Atomisierung der Schullandschaft und auf
eine drastische Einschränkung der Eltern- und Schülermobilität hinausläuft. Die Katze aus dem Sack lässt das „grüne“ Programm auf Seite
5. „Die Basisschule ist eine Gemeinschaftsschule für alle Kinder.“ Diese
Gemeinschaftsschule soll nach dem 10. Schuljahr zu einem mittleren
Bildungsabschluss führen. Will heißen: Unterhalb der Mittleren Reife gibt es
keinen Abschluss mehr. Will aber auch heißen: Damit alle einen mittleren
Abschluss erreichen, müssen die Ansprüche drastisch gesenkt werden. Wie man das
macht? Auch dafür haben die „Grünen“ ihre Rezepte: „nicht Frontalunterricht
hinter verschlossenen Klassenzimmertüren im 45-Minutentakt“, sondern „Arbeit in
Kleingruppen, individuelles Erarbeiten sowie Projektarbeit“. Dem aber nicht
genug: „Unser Ziel ist eine rhythmisierte Ganztagsschule“ mit „täglicher
Sportstunde“ und „hochwertigem Schulmittagessen aus vorwiegend regionaler und
biologischer Erzeugung“. Ja, und die „LehrerInnen“? Ganz einfach: „Mit einem
fachbezogenen Bachelor, der an verschiedenen Hochschulen erworben werden kann,
holen wir die Lehrerbildung aus der Sackgasse.“ Außerdem ist geplant: „Den
Beamtenstatus wollen wir auf hoheitliche Aufgaben beschränken. Wenn Lehrkräfte
Angestellte sind, können die Staatsexamina wegfallen.“ Diese Logik verstehe,
wer wolle. Das SPD-Programm liest sich kaum anders. Es ist eine Kopie
des „grünen“ Programms (oder umgekehrt). Von Plagiat wollen wir aus gutem Grund
nicht sprechen. Selbst die Wortwahl ist oft genug dieselbe. Dass „Bildung die
große soziale Frage“ ist, weiß man auch in der SPD. Und dass nicht der
Geldbeutel der Eltern über die Chancen eines Kindes entscheiden darf, ist auch
keine umwerfend neue Sprechblase. Damit „gleiche Chancen“ greifen, so die SPD,
sollen bis 2016 die beitragsfreien Kindergärten eingeführt werden. Außerdem
fordert die SPD eine „komplett kostenlose Betreuung in der Krippe und im
Kindergarten, bei gleichzeitiger Kindergartenpflicht von der Vollendung des
dritten Lebensjahres“ an. Als personellen Unterbau stellt sich die SPD eine
bessere Entlohnung der Erzieherinnen und Erzieher sowie eine Steigerung des
männlichen Anteils vor. Auch bei der SPD ergeht man sich in der Schulpolitik in
Feindbildern, um daraus ebenfalls die Forderung nach einer „zehnjährigen
Gemeinschaftsschule“ abzuleiten: „Der Zusammenhang von gegliedertem Schulsystem
und sozialer Ungerechtigkeit ist lange bekannt und durch internationale Studien
bestätigt.“ Dabei sei es internationaler Konsens: „Je länger Kinder in einer
Klasse gemeinsam lernen, desto mehr nutzt es allen.“ Seltsam nur, dass alle
deutschen Studien über Gesamtschulen exakt das Gegenteil beweisen. Warum man
bei so viel Einheitsschulidee dann noch folgenden Satz anfügt, erschließt sich
ebenfalls nicht: „Wir sind uns mit den Menschen im Land einig: Die
Grundschulempfehlung ist unzeitgemäß und soll abgeschafft werden.“ Ansonsten schwärmt man auch im SPD-Programm von
Ganztagsschulen als „Lern- und Lebensorten, ohne 45-Minuten-Takt“. Die Schulen
selbst sollen offenbar von einer „Schulkonferenz“ geleitet werden. Es soll dies
ein Gremium sein, das drittelparitätisch besetzt sein wird, zu je einem Drittel
aus Schülern, Lehrern und Eltern. Und weil dies der gefälligen Basis- und Rätedemokratie
noch nicht genug ist, fügt die SPD an: „Im Zweifelsfall müssen die Interessen
der Schülerinnen und Schüler über denen der Eltern stehen.“ Satirisch
extrapoliert heißt das: Im Zweifelsfall haben die Minderjährigen (auch in der
Grundschule?) mehr zu sagen als deren Erziehungsberechtigte. Da verwundert es
denn kaum noch, dass sich im SPD-Programm der Taschengeld-schonende Passus
findet: „Zu einem ganzheitlichen Schulkonzept gehört auch ein für alle
bezahlbares Mittagessen. Dabei soll der Eigenanteil auf 1 Euro begrenzt
werden.“ Noch Fragen? Eigentlich nicht! Außer dass man sich erstens
fragt, wer all das bezahlen soll. Immerhin will man im „Ländle“ ab dem
Wintersemester 2011/2012 auch die Studiengebühren abschaffen und damit auf 135
Millionen Euro im Jahr verzichten. Außer dass man sich zweitens fragt, wie vor
allem die Partei der Grünen auf der Basis solcher von ihr verbreiteter
Zerrbilder sowie auf der Basis von Wohlfühlvisionen tief in der bürgerlichen
Wählerklientel wildern konnte. Nein, solche Programme wie die vorliegenden der SPD und der
Grünen sind im ursprünglichen Sinn des Wortes verrückt, neben die Realitäten
gerückt. Sie sind nicht nur verrückt wegen der nicht geklärten Fragen der
Finanzierbarkeit solcher gravierender Strukturveränderungen, sondern auch
deshalb, weil Baden-Württemberg, seit es empirische Schulleistungsforschung in
größerem Stil gibt, zusammen mit Bayern und Sachsen die schulpolitische Spitze
in Deutschland darstellt und weltweit zu den Spitzenreitern gehört. Stattdessen berauscht sich Grün-Rot an Zerrbildern über den
angeblich desaströsen Zustand des Bildungswesens im Südwesten der Republik
sowie an gerechtigkeitstrunkenen Plattitüden. Durchsetzt ist das Ganze von der
Ankündigung kostspieligster Wohltaten. Weite Passagen dieser beiden
Regierungsprogramme muten ansonsten an wie die Arbeiten übereifriger
Lehramtsstudenten für Proseminare sozial bewegter Pädagogikprofessoren. Alles
soll so richtig „trendy“ daherkommen. Zudem setzen beide Parteien erkennbar auf
eine fortschreitende Verstaatlichung von Erziehung, wenn nicht gar auf eine
Entmündigung der Eltern. Die seit „Stuttgart 21“ sprichwörtliche Notarsgattin, die
„grün“ wählt, wird sich noch die Haare raufen, wenn sie für ihre Kinder eines
Tages kein Gymnasium mehr findet, weil es keine Gymnasien mehr geben wird.
Handwerk und Industrie werden sich umschauen, wenn sie dereinst Absolventen
dieser (Einheits-/Gesamt-)Gemeinschaftsschule bekommen. Dann dürfte es vorbei
sein mit dem Spitzenwert von nur 3,0 Prozent arbeitslosen Jugendlichen. Aber
vielleicht strebt die neue grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg auch
Berliner Verhältnisse an: Bei PISA rangiert man unter den Schlusslichtern, und
im Länderfinanzausgleich gehört man zu den Empfängerländern, um sodann – im
Gegensatz zu den Geberländern und auf deren Kosten – Wohltaten in Form
kostenfreier Kita-Plätze anbieten zu können. Dass ausgerechnet die Partei des
ökologischen Monopolanspruchs eine solche Abriss- und Wegwerfpolitik betreibt,
ist ein Treppenwitz. Der Autor ist Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Quelle:
http://www.die-tagespost.de/Gruen-Rot-will-abreissen-und-wegwerfen;art456,123408
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