DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
 April1998
MEMORANDUM

9 Argumente für 9 Jahre Gymnasium

Im Jahr 1837 war in Preußen, im Jahr 1874 in ganz Deutschland eine neunjährige Gymnasialzeit eingeführt worden.

Im Interesse der Rekrutierung des Offiziersnachwuchses verkürzten die Nationalsozialisten das Gymnasium 1938 um ein Jahr.

Die Länder der Bundesrepublik Deutschland stellten im Zuge des Wiederaufbaus 1951 wieder auf 13 Jahre um. Die DDR blieb bei zwölf Jahren.

Seit Beginn der 60er Jahre wird im Westen Deutschlands die Frage der Dauer der gymnasialen Bildung bis zum Abitur heftig und mit jeweils wechselnder Akzentsetzung diskutiert. Mittlerweile finden sich in allen Parteien Befürworter und Gegner einer Verkürzung.

Zu Recht aber wurden bislang alle Versuche einer generellen Verkürzung der Gymnasialzeit durch Streichung einer Klasse zurückgewiesen. Weder die als "Argument" für eine Verkürzung bemühte europäische Integration noch die ebenso bemühte Wiederherstellung der Einheit Deutschlands haben sich entscheidend auf die Bildungsdauer bis zum Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife ausgewirkt. Nur noch die Länder Thüringen und Sachsen halten an einer zwölfjährigen Schulzeit fest. Ansonsten haben alle anderen Modelle einer Verkürzung der gymnasialen Schulzeit zu Recht keine Akzeptanz gefunden und sich in der Realität nicht bewährt.

Argument 1
Das Bildungsziel des Gymnasiums ist die Vermittlung der Studierfähigkeit, die den erfolgreichen Absolventen als Allgemeine Hochschulreife und damit als formale Studienberechtigung bestätigt wird. Diese breitangelegte Zielsetzung hat sich bewährt, sie verlangt gerade in Zeiten gewachsener Anforderungen nach neun Jahren. Eine fundierte Hochschulreife ist die beste Prophylaxe gegen hohe Quoten an Studienabbrechern und gegen überlange Studienzeiten. Wenn die Studierfähigkeit aufgrund schulpolitischer Vorgaben regional - wissenschaftlich ausweislich - gelitten hat, dann hat das mit einem falschen Verständnis von Fächerkanon und von schulischer Leistung sowie mit oft weitreichenden Kürzungen der Stundentafeln zu tun, in einigen Bundesländern auch mit der Kappung des Gymnasiums von unten in Form der Orientierungsstufe bzw. Förderstufe.

Argument 2
Die für die Förderung einer zeitgemäßen Hochschulreife zu vermittelnden Inhalte erfordern im Zuge der fortschreitenden Globalisierung neun Jahre Gymnasium. Umfassende Fertigkeiten und Kenntnisse in der Muttersprache, in mehreren Fremdsprachen, in Mathematik, in den Naturwissenschaften, in Geschichte und in weiteren Fächern sind die entscheidende Mitgift für Studium und Beruf. Zu moderner gymnasialer Bildung gehört ferner die kulturelle Grundbildung in Kunst, Musik, Sport sowie in Religion bzw. Ethik; dies sind Fächer, die man in den meisten Staaten mit zwölfjähriger Schulzeit nicht hat. Der Verzicht auf diese Inhalte provozierte ein rein funktionalisiertes Verständnis von Bildung. Wer hier von Leerlauf, von Luxus oder angeblich notwendiger Entrümpelung gymnasialer Inhalte spricht, muß den Beweis antreten, welche Inhalte gekürzt werden sollen, ohne daß das Bildungsziel darunter leidet; der muß auch davon Abstand nehmen, permanent die Defizite junger Menschen im Bereich der Grundbildung zu beklagen.

Argument 3
Reifung braucht Zeit. Das gilt für die intellektuelle Entwicklung ebenso wie für die Entwicklung von Haltungen und für die Persönlichkeitsentwicklung insgesamt. Alle Entwicklungsbereiche brauchen den außerschulischen Freiraum. Eine Verdichtung der gymnasialen Bildung entzöge jungen Menschen wertvolle außerschulische Entfaltungs- und Erprobungschancen.

Argument 4
Das neunjährige Gymnasium ist Teil eines sensibel aufeinander abgestimmten Bildungswesens und Ergebnis des Bestrebens, daß schulische Bildung in breiter Vielfalt angeboten wird. Umgekehrt provozierte eine Kürzung des Gymnasiums eine radikale Verarmung der Schullandschaft. Die Strukturen würden im Sinne überholter sozialistischer Bildungsvorstellungen vereinheitlicht: Unter anderem drohten die Fachoberschulen, die Berufsoberschulen und die Berufsfachschulen (z.B. Höhere Handelsschulen) zu verschwinden, weil für Eltern und Schüler nicht nachvollziehbar wäre, warum der zwölfjährige Bildungsweg von Grundschule/ Realschule/Fachoberschule ein Weniger an Berechtigung erteilte als ein dann zwölfjähriger Bildungsweg via Grundschule/Gymnasium. Es entstünden in der Folge irreparable Verluste an Schulprofilen. Schließlich ergäbe sich auch eine drastische Schieflage zuungunsten der beruflichen Bildung: Es wäre schwer nachvollziehbar, warum 13 Jahre für den Erwerb eines Mittleren Schulabschlusses plus Berufsausbildung, aber nur 12 Jahre für den Erwerb des Abiturs mit der damit verbundenen breiten Palette aller Optionen notwendig seien.

Argument 5
Das Gymnasium ist in rund 30 Jahren von der 10-Prozent-Schule zur 40-Prozent-Schule geworden. Diese Expansion verlief schulpolitisch nicht ohne Probleme. Gleichwohl ist es unrealistisch zu glauben, das Gymnasium könnte wieder zur 10-Prozent-Schule werden, in der man in acht Jahren mit einem kleinen Kreis hochbegabter Schüler zum Abitur käme. Die überwältigende Anzahl der Gymnasiasten braucht neun Jahre. Alle Verkürzungsmodelle der letzen Jahrzehnte orientierten sich - so sie überhaupt zustande kamen - an besonders Begabten. Die Angebote einer individuellen Schulzeitverkürzung durch "Springen" werden kaum genutzt (in Bayern im Schuljahr 1996/97 von 0,1 Promille, entsprechend 25 Gymnasiasten); ebensowenig werden die Angebote von D-Zug-Klassen genutzt: In Bayern, das in den 60/70er Jahren flächendeckend solche Modelle erprobte und wieder aufhob, kam 1996 und 1997 - trotz entsprechend großzügiger Angebote - eine Springer-Klasse weder in der 8. noch in der 6. Jahrgangsstufe zustande. Die seit 1991/92 in Baden-Württemberg eingerichteten D-Zug-Klassen werden im Schuljahr 1997/98 von rund 800 Schülern, entsprechend rund 0,2 Prozent aller Gymnasiasten, besucht. In Rheinland-Pfalz waren von 1985 bis 1995 insgesamt 2.256 Schüler in solchen Klassen. Von den neuen Ländern haben mittelfristig nur noch zwei, nämlich Thüringen und Sachsen, eine zwölfjährige Schulzeit. Brandenburg begann 1990 mit 13 Jahren, Mecklenburg-Vorpommern stellt zum Schuljahr 2000/2001 und Sachsen-Anhalt zum Schuljahr 2001/2002 auf 13 um.

Argument 6
13 Jahre Schulzeit bis zum Erwerb einer Hochschulreife sind international sehr wohl üblich. 13 Jahre haben Italien und England mit jeweils fachspezifischer Hochschulreife als Abschluß, 13 Jahre mit Allgemeiner Hochschulreife haben Luxemburg und mehrere Kantone der Schweiz, 14 Jahre die Niederlande und Island. Mit Ausnahme Belgiens und Österreichs vergeben alle Länder, die nur 12 Jahre kennen, eine nur fachspezifische bzw. eingeschränkte Hochschulreife, zumeist begleitet von einem Aditur, das heißt einer Hochschulzugangsprüfung. In Belgien und Spanien wird zwar formal eine allgemeine Hochschulreife verliehen, tatsächlich wird jedoch auch dort eine eingeschränkte Vergabe der Hochschulreife durch zusätzliche fachspezifische Eingangsprüfungen praktiziert. Frankreich hat 12 Jahre, aufgrund der hohen Repetentenquote von rund 70 Prozent und aufgrund der für viele Studienaspiranten notwendigen "classe préparatoire" de facto zumeist 13 oder 14 Jahre.

Argument 7
Eine Verkürzung des Gymnasiums erbringt keine Einsparungen, sondern sie provoziert Mehrkosten. Diese Mehrkosten entstünden in den Hochschulen, die systemwidrig kompensieren müßten, was in der Schulzeit versäumt wurde. Diese Mehrkosten entstünden ferner im sozialpolitischen Bereich, denn im Moment der Umstellung auf ein generell verkürztes Gymnasium drängen mit einem Male zwei Jahrgänge, also rund 500.000 statt sonst jährlich 250.000 junge Leute, auf den Arbeitsmarkt. Außerdem verlangte eine Verkürzung des Gymnasiums eine Verdichtung des Bildungsangebots in Form von Nachmittagsunterricht und damit Mehrkosten in den Bereichen Personal und Schülerbeförderung.

Argument 8
Das im internationalen Vergleich hohe Berufseintrittsalter deutscher Akademiker geht ausschließlich zu Lasten einer in Deutschland üblichen, relativ späten Einschulung mit einem Einschulungsalter von annähernd sieben Lebensjahren, zu Lasten des Wehr- bzw. Ersatzdienstes, zu Lasten langer Gesamt- und Fachstudienzeiten sowie zu Lasten der Praxis, daß die übergroße Mehrzahl der Studiengänge aufgrund der Überlast der Hochschulen nur im Wintersemester beginnt. Die Verkürzung der gymnasialen Bildung setzte also am völlig falschen Ende an; eine vermeintliche - zuletzt von Rheinland-Pfalz ins Gespräch gebrachte - Kompromißlösung von zwölfeinhalb Jahren änderte nichts an der Tatsache, daß die meisten Studienberechtigten trotz eines Abiturs im März erst im November zu studieren beginnen könnten.

Argument 9
Einziges Kriterium für die Bemessung der Länge eines Bildungsweges darf die angestrebte Qualifikation sein. Um diese Qualifikation zu stärken, hier die Qualität gymnasialer Bildung und des Abiturs, sind völlig andere Maßnahmen notwendig: Es sind zu stärken das schulische Leistungsprinzip und das Eignungsprinzip beim Zugang zum Gymnasium und im besonderen auch zur gymnasialen Oberstufe. Es ist zu stärken die Verbindlichkeit eines Fächerkanons, der bis zum Abitur vor allem auf den Fächern Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik, Naturwissenschaften und Geschichte aufbaut. Es sind die Vergleichbarkeit und die Transparenz der Abiturprüfung zu stärken, und zwar durch die Einführung eines je Bundesland eigenen Zentralabiturs.


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